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Sequenzen architektonischer Aneignung

Bauen im Kontext von Interpretationskonjunkturen

  1. Erik Wegerhoff

Zusammenfassung

Jeder architektonischen Transformation geht die Konstruktion einer Wahrheit voraus. Was man in einem Bauwerk sieht oder sehen will, beeinflusst dessen Nutzung und dessen potentiellen Umbau. Der Artikel resümmiert verschiedene Ansätze einer Architekturtheorie des Bauens im Bestand und zeigt anhand der Geschichte des Kolosseums als Martyriumsort eine solche Interpretationskonjunktur eines Bauwerks, die letztlich zu dessen Umbau führen kann. Dabei lässt sich eine Sequenz von Reinterpretation und Überschreibung, Prägung, Bespielung, Neuorientierung und Schließung sowie zuletzt architektonischer Formalisierung und Monumentalisierung ausmachen.

Keywords

 

Wer im späten 17. Jahrhundert das Kolosseum in Rom besuchte, sah sich nicht nur dem antiken Bauwerk gegenüber, sondern auch einer Anweisung, wie dieses zu begreifen sei. Eine 1675 auf die antiken Mauern gepinselte Anschrift wollte dem Besucher weismachen, der Bau sei "nicht so sehr wegen der Masse und Kunstfertigkeit" als vielmehr "wegen des heiligen Blutes zahlloser Märtyrer" berühmt. Der Anleitung zufolge gelte es, hier "die Grausamkeit der Kaiser zu verfluchen" und "zu den Helden christlicher Tapferkeit aufzuschauen". [1] Offenbar versuchen die Worte, eine alte Lesart durch eine neue zu ersetzen. Man sollte nicht mehr auf die Idee kommen, hier die antiken Römer für ihre große Kunst zu bewundern, sondern vielmehr die christlichen Opfer dieser grausamen Heiden. Diesem Perspektivwechsel entsprach ein Nutzungswechsel und diesem wiederum bald darauf die Architektur. Was 1675 auf das Bauwerk geschrieben worden war, sollte um 1700 in Carlo Fontanas Entwurf einer monumentalen Märtyrerkirche Architektur werden (Abb. 1).

Abb. 1. Carlo Fontana: Entwurf einer Kirche im Kolosseum, Querschnitt und Grundriss (ca. 1708, publiziert 1725), aus: Carlo Fontana: L'Anfiteatro Flavio, descritto e delineato dal cavaliere Carlo Fontana. Den Haag 1725, gegenüber von S. 163.

Architektonisches Einfügen steht immer in einem Kontext: Im übertragenen Sinn im baulichen Zusammenhang des bestehenden Bauwerks, aber auch im direkten Sinn im Kontext neuer Lesarten des bestehenden Baus. Bauten werden neu erfunden, neu beschrieben und neu gelesen, bevor man aus dem schriftlichen Kontext heraus im architektonischen interveniert. Im Folgenden soll dieser Transfer anhand der Transformation des Kolosseums zur Märtyrerkirche nachvollzogen werden. Verschiedene Perspektiven und Kategorien der bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Bauen im Bestand [2] können dabei zusammengeführt und ergänzt werden. So lassen sich Phänomene einer schrittweisen Aneignung, Interpretation und Transformation ausmachen, die möglicherweise auch für andere Bauwerke und deren Umbauprozesse gelten.

Forschung zum Bauen im Bestand

Parallele, einander kaum wahrnehmende Fachdiskurse kennzeichnen die Forschung zum Bereich Um- und Weiterbauen ebenso wie eine erst vor etwa zwei Jahrzehnten einsetzende Bildung von Konzepten, Kategorien und Begriffen.

Die Ursprünge der Forschungsliteratur zeigen sich als direkter Spiegel der baulichen Entwicklung. Erst mit der gewandelten Autoren- und Werkvorstellung der Postmoderne, in der Architektur als Fortschreiben des städtischen Kontexts und damit im kleineren Maßstab auch Um- und Weiterbauten als voll gültiges Werk begriffen wurden, finden sich erste bedeutende Beiträge zu Umnutzung und architektonischer Intervention. [3]

In den letzten zehn Jahren spiegelt eine wahre Flut von Publikationen die zunehmende Zahl von Umbauten in der Praxis wider, ohne diese allerdings wirklich zu reflektieren. Zahllose üppig illustrierte Beispielsammlungen folgen offenbar in erster Linie den Marktinteressen kommerzieller Architekturverlage. In zweifelhafte Kategorien gegliedert und allenfalls noch um einen knappen einleitenden Aufsatz ergänzt, tragen sie kaum zu einer systematischen Auseinandersetzung mit der Problematik des Einfügens neuer Bauten in alte bei. [4]

Diesem architekturpublizistischen Strohfeuer allerdings stehen einige wenige, dafür um so gewichtigere Veröffentlichungen gegenüber, die ihr Interesse an einer analytischen Systematisierung der Praxis auszeichnet. Kaum zufällig entstand eine erste Gruppe davon fast ausnahmslos vor dem Hintergrund der Denkmalpflege – in einem Umfeld also, in dem der Umgang mit architektonischem Bestand als historischem Zeugnis geregelt werden muss. Das zunehmend eindrucksvolle Alter der hier immer wieder als referentieller Pol durchscheinenden Charta von Venedig (1964) dürfte Autoren, Herausgeber und Tagungsveranstalter bewogen haben, sich dem Umbauen und Einbauen mit frischem analytischem Blick zu widmen. Dominique Rouillard etwa definiert unterschiedlichste entwerferische Positionen im Umbau denkmalgeschützter Gebäude in Frankreich als rhetorische Figuren wie Wachstum, Umhüllen, Auffüllen oder Möblieren. [5] Wichtige Beiträge kommen von Wolfgang Pehnt, der sich schon in den 1980er Jahren mit Karljoseph Schattner einem fast ausschließlich dem Bauen im Bestand verpflichteten Architekten widmete. [6] In einem 2009 publizierten Aufsatz benennt Pehnt die "Strategien" Auskernen, Anfügen, Einnisten, Umhüllen, Unterfangen, Aufstocken und Durchkreuzen. Insgesamt macht er dabei einen von ihm augenzwinkernd Englisch bezeichneten "holistic turn" im Umgang mit Bestand aus. [7] Demnach befürworteten jüngste Interventionen in Abgrenzung vom Ideal der Fuge zwischen Alt und Neu zunehmend eine Verschmelzung zu einem neuen Ganzen. Sehr ähnlich argumentieren Johann Jessen und Jochem Schneider in ihren Publikationen, wobei sie Ertüchtigen, Überformen, Adaptieren und Einnisten unterscheiden. [8] Das Verdienst von Johannes Cramers und Stefan Breitlings 2007 erschienenem Architektur im Bestand. Planung, Entwurf, Ausführung schließlich ist, Architekten einen pragmatischen Leitfaden zu bieten. Der Schwerpunkt liegt hier allerdings eher im Praxisbezug als in der Kategorienbildung. [9]

Eine weitere Gruppe von Publikationen über das Weiter- und Umbauen nimmt nicht die zeitgenössische Architektur in den Fokus und will auch keine normativen Anleitungen liefern, sondern blickt mit dem Auge des Historikers zurück. Vor allem das Schicksal antiker Bausubstanz im Mittelalter wird von einigen (Kunst-)Historikern seit den 1980er Jahren näher untersucht. Als Vorläufer kann Arnold Eschs schon 1969 erschienener Aufsatz über die Verwendung antiker Spolien gelten. In dessen langfristiger Folge vergrößerten Esch und seine Kollegen den in die Perspektive genommenen Maßstab und fragten nun nach der Weiter- und Wiederverwendung ganzer Bauten. [10] Salvatore Settis’ wegweisender Aufsatz Continuità, distanza, conoscenza (Kontinuität, Distanz, Kenntnis) von 1986 verdeutlicht mit seinem Titel bereits, wo der Fokus all dieser Publikationen liegt: Auf der Rezeption der Antike bzw. des Gebauten, die eine potentielle architektonische Aneignung konditioniert. [11] Das gilt auch für Lukas Clemens’ Buch Tempore Romanorum constructa von 2003. [12]

Innerhalb dieser Publikationen lässt sich eine Sondergruppe kürzerer bautypenspezifischer Betrachtungen ausmachen. Die Literatur über die Nachnutzung antiker Amphitheater ist ein gutes Beispiel dafür, von Pierre Pinon (1990) bis Damiano Iacobone (2008). [13] Diese typenspezifische Literatur kann natürlich auch typenspezifische Fragen angehen. Beispielsweise lassen sich Überlegungen dazu anstellen, wieso antike Amphitheater sich später gerade für Siedlungen und zur Befestigung anboten. [14]

Eine dritte Gruppe von Veröffentlichungen schließlich widmet sich einem Aspekt, den die erste hier geschilderte Gruppe von Publikationen ausblendet und die zweite Gruppe nur unzureichend erfasst: der Existenz eines Gebäudes im zeitlichen Verlauf. Motivationen und Fokuspunkte sind dabei so unterschiedlich wie die Autoren. In erster Linie ist hier der Soziologe Michael Guggenheim zu nennen, der den mangelnden Erkenntnisgewinn der bis dato vorgelegten Beiträge über Umnutzungen in einem Mangel an adäquatem Fachvokabular für den Prozess architektonischer Veränderung begründet sieht. [15] In diese begriffliche Lücke versucht der Kunsthistoriker Marvin Trachtenberg mit dem Konzept des "building-in-time" vorzustoßen, einem in Mittelalter und Frührenaissance geläufigen Entwerfen und Bauen, das den Zeitverlauf mit berücksichtige und ein Bauwerk über mehrere Generationen von Planern und Auftraggebern hinweg entstehen lasse.  [16] Continuous redesign, myopic progression, concatenation und retrosynthesis nennt er die Charakteristika dieses offenen Entwurfs- und Baufortschritts, der dennoch zum großen, harmonischen Ganzen kommt. [17]

Ein bedeutender, von Trachtenberg auch genannter Vorläufer solcher Ideen ist Stewart Brand mit seinem How buildings learn: What happens after they’re built (1994). Anhand zahlloser Beispiele, so alltäglich wie die Sprache des Buchtitels, stellt er die These auf, dass ein Bauwerk aus mehreren Elementen bzw. Schichten von unterschiedlicher Lebensdauer bestehe: site (ewig), structure (meist etwa 60 Jahre), skin (20 Jahre), services (7-15 Jahre), space plan (bei Gewerbebauten 3 Jahre, in Privathäusern bis zu 30 Jahre) und stuff (der sich täglich ändern könne). [18]

Als Fazit lässt sich die Literaturlage folgendermaßen zusammenfassen: Erstens reflektieren die wenigen bislang konstatierten Strategien im Umgang mit dem Bestand zwar formale Entscheidungen bzw. unterschiedliche Grade und Arten restauratorischen Eingreifens, diese Diskussion aber blendet Fragen nach der Wahrnehmung des Bestands und damit auch nach den Gründen der Transformation weitgehend aus. [19]

Zweitens und umgekehrt nehmen die historisch orientierten Studien zwar gerade die Wahrnehmung des Gebauten und die Motivationen von Veränderungen in den Fokus, konzentrieren sich aber auf (Nach-)Nutzungen und weniger auf formal-architektonische Aspekte. Es liegt offenbar nicht im Interesse der Autoren, architekturtheoretische Maximen aus ihren Untersuchungen zu destillieren. [20]

Drittens können bislang aufgestellte Begriffe und Kategorien die kontinuierliche und schrittweise Veränderung eines Gebäudes im zeitlichen Verlauf kaum erfassen. Die hier vorgestellten Betrachtungen von Bauwerken über einen längeren Zeitverlauf wie Brand, Trachtenberg oder Guggenheim treten nicht in Beziehung zueinander und bilden allenfalls eine disparate Diskussion.

Letzteres gilt viertens wegen disziplinärer Grenzen und unterschiedlicher Forschungssensibilitäten fast ausnahmslos für die drei hier kurz vorgestellten Publikationsgruppen untereinander.

Die skizzierten Forschungsansätze lassen sich aber durchaus – und sehr produktiv – miteinander verbinden. Dies soll hier am Beispiel der Interpretationsgeschichte des Kolosseums als Martyriumsort vor Augen geführt werden, die ihren Höhepunkt mit Carlo Fontanas Plänen für eine darin eingefügte Märtyrerkirche erreichte. Im Folgenden sollen zwar keine Strategien, aber doch Phänomene im Laufe der Aneignung eines bestehenden Bauwerks dargestellt werden. Die eher von den historischen Wissenschaften erarbeitete Rezeption eines bestehenden Bauwerks und die damit zusammenhängenden Ursachen architektonischer Aneignungen müssen dabei ebenso in den Blick genommen werden wie der längere zeitliche Verlauf, der es erlaubt, die Transformation eines Bauwerks als Prozess zu erfassen und zu beschreiben. [21]

Das Kolosseum als Martyriumsort

Die dokumentierte christliche Geschichte des Kolosseums setzte mit dem Ende des 14. Jahrhunderts ein. Um die zunehmend entvölkerte Gegend zwischen dem Amphitheater und dem zugunsten des Vatikans vernachlässigten Lateranspalast vor einer völligen Verwahrlosung zu bewahren, bekam die Bruderschaft des Santissimo Salvatore ad Sancta Sanctorum von der römischen Kommune die Aufsicht und Rechtsprechung über dieses Gebiet zugesprochen und erhielt gar ein Drittel des antiken Bauwerks als Besitz. Hundert Jahre später beanspruchte ein weiterer christlicher Laienverband, die Bruderschaft des Gonfalone, das Amphitheater, um hier zu Ostern Passionsspiele aufzuführen. Mit einem beachtlichen Kulissenaufwand wurde der Bau temporär in eine Landschaft der Evangelien verwandelt.

Die Passionsspiele galten als die aufwendigsten Italiens, bis die 1490 gegebene päpstliche Konzession 1539 zurückgezogen wurde. Damit erlosch zwar die unmittelbare christliche Belebung des antiken Bauwerks, doch wurde sie unabhängig vom Bau fortgeschrieben. Im Kontext der Gegenreform kam Zeugnissen und Orten des frühen Christentums in Rom ein ungeheures Interesse zu, und so wurde das Kolosseum von der kirchengeschichtlichen Literatur des späten 16. Jahrhunderts zum Schauplatz frühchristlicher Martyrien erkoren. Obwohl keine antike Quelle ein solches Martyrium stichhaltig nachweist und auch keine mittelalterliche Tradition einer entsprechenden Verehrung des Kolosseums existiert, erfreute sich die neu konstruierte Interpretation des Amphitheaters als Leidensort früher Glaubenskämpfer mit dem 17. Jahrhundert einer solchen Beliebtheit, dass auch die Guidenliteratur dem Bau immer mehr Heilige zuschrieb, die hier den Glaubenstod gefunden haben sollten. Nichts davon aber manifestierte sich am Bauwerk, bis das Kolosseum auf Initiative des Theatinerpaters Carlo Tomasi anlässlich des Heiligen Jahrs 1675 erstmals mit der eingangs zitierten Anschrift sowie Gemälden und Kreuzen als Martyriumsort markiert wurde. Zum Schutz des Innern wurden die äußeren Arkaden bis auf wenige Eingänge vermauert, und in dem noch auf die Passionsspiele der Gonfalone zurückgehenden, winzigen Kirchlein Santa Maria della Pietà in einem antiken Gewölbe am Rande der Arena feierte man Andachten zu Ehren der Märtyrer. Diese kultische Nutzung des Amphitheaters war so erfolgreich, dass in päpstlichen Kreisen nun der dauerhafte Einbau einer Kirche erwogen wurde. Während sich der als damaliger päpstlicher Architekt zunächst angesprochene Gianlorenzo Bernini mit Verweis auf die architektonische Vorbildlichkeit des antiken Bauwerks weigerte, irgendwelche baulichen Eingriffe vorzunehmen, arbeitete dessen Schüler Carlo Fontana in den folgenden Jahren detaillierte Pläne für eine umfassende architektonische Transformation aus. Diese hätte den Bau von außen nicht touchiert, im Innern hingegen eine vollkommen neue Situation entstehen lassen: Eine Umfriedung der einstigen Arenaellipse mit einem neuen Arkadengang hätte den vermeintlichen Kampfplatz der Märtyrer nachgezeichnet, und am östlichen Ende dieses Platzes hätte sich ein überkuppelter Rundbau bis auf die Höhe der höchsten antiken Mauern erheben sollen (Abb. 1). Das Projekt aber verlor an päpstlichem Rückhalt und wurde aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt, vielleicht aber auch, weil man es mit dem 18. Jahrhundert nicht mehr wagte, ein so bedeutendes antikes Bauwerk derart weitgehend zu überformen. Stattdessen wurden 1750, also abermals in einem Heiligen Jahr, vierzehn Ädikulen mit den Kreuzwegstationen entlang des Arenaovals aufgestellt und 1767 um ein zentrales Holzkreuz ergänzt. Zugleich gründete sich die Kongregation der Amanti di Gesù, e di Maria, die hier zwei Mal wöchentlich Andachten zelebrierte. Diese Situation bestand bis in die 1870er Jahre fort. Mit dem Ende der päpstlichen Regierung Roms aber wurden das Kolosseum purifiziert und die Einbauten entfernt. Bis heute erinnert allerdings die seit 1964 jedes Jahr am Karfreitagabend vom Papst beim und im Kolosseum gefeierte Kreuzwegandacht an die katholische Indienstnahme des Bauwerks.

Reinterpretation und Überschreibung

Jeder architektonischen Konstruktion geht die Konstruktion einer Wahrheit voraus. Diese bestimmt, was wahr-zunehmen ist. Was man in einem Bauwerk sieht oder sehen will, beeinflusst dessen Nutzung und in der Folge dessen potentiellen Umbau. Grundlage einer jeden architektonischen Intervention ist also zunächst eine neue Interpretation. [22] Historisch nachvollziehen lässt sich diese vor allem anhand von Texten (und in zweiter Linie auch von Bildern), die einem Bau eine neue Bedeutung zuschreiben und diese verbreiten. Diesen Prozess kann man als Überschreibung begreifen.

Abb. 2. Antonio Tempesta: Christliche Martyrien (1591), aus: Antonio Galloni: Trattato de gli instrumenti di martirio, e delle varie maniere di martoriare usate da' gentili contro christiani. Rom 1591, S. 147.

Auch die christliche Geschichte des Kolosseums ist zuallererst eine Interpretationsgeschichte. [23] Entgegen der bis heute populären Vorstellung gibt es keine bis in die Antike oder auch nur ins Mittelalter zurückreichende Deutung des Kolosseums als Ort christlicher Martyrien. [24] Vielmehr sorgte das intellektuelle Klima der Gegenreformation im ausgehenden 16. Jahrhundert dafür, dass dem Bau eine vollkommen neue Bedeutung zugeschrieben wurde. Weiß noch kein Romreiseführer des Heiligen Jahrs 1575 etwas von Martyrien im Kolosseum zu berichten, [25] so setzt kurz danach eine schrittweise Umerfindung des neben dem Pantheon größten und besterhaltenen, allerdings nach wie vor eine christliche Vergangenheit entbehrenden antiken Monuments in Rom ein. Im neuen zentralen Martyrologium der katholischen Kirche von 1584 wie auch in einem 1590 erschienenen Band der Kirchengeschichte wird von dessen Kommentator Cesare Baronio erstmals ein Martyrium im Kolosseum beschrieben; [26] in Antonio Gallonis Traktat über Marterinstrumente von 1591 findet sich eine Illustration von Antonio Tempesta, auf der Christen vor einem Bauwerk gefoltert werden, das dem Kolosseum zumindest erstaunlich ähnlich sieht (Abb. 2). [27] Um 1600 entsteht in San Vitale, der Kirche der jesuitischen Novizen in Rom, ein Fresko mit dem Heiligen Ignatius, der vor dem Kolosseum von Löwen angefallen wird (Abb. 3), [28] und ebenfalls 1600 erscheint mit Ottavio Pancirolis Tesori nascosti nell’alma città di Roma der erste Reiseführer, der das Kolosseum als Martyriumsort schildert. [29] Im Laufe des 17. Jahrhunderts sollten sich die zuvor nur sporadisch genannten, einzelnen Märtyrer beachtlich vervielfältigen. 1625 ist das Kolosseum als Märtyrerstätte auch anderen Guiden zufolge fester Bestandteil der christlichen Topographie Roms, [30] 1675 zählt Carlo Tomasi in einem kurzen Text über das Kolosseum ganze dreizehn Märtyrer und Märtyrergruppen auf, [31] in Carlo Fontanas 1725 erschienenem Buch über seinen Entwurf einer Märtyrerkirche schließlich sind es zwanzig geworden. [32] Dass die größte Märtyrerzahl sich bei Fontana und damit in dem Folioband findet, der den Entwurf für die Kirche im Kolosseum publik machte, deutet sowohl darauf hin, dass die Überschreibung des Bauwerks eine elementare Grundlage von dessen architektonischer Verwandlung war, als auch darauf, dass der monumentale Entwurf Fontanas als Höhepunkt dieser Interpretation gelten kann. Ohne textlichen und bildlichen Vorlauf, ohne Reinterpretation und Überschreibung wären Umnutzung und Umplanung undenkbar gewesen.

Abb. 3. Giovan Battista Fiammeri/Tarquinio Ligustri: Heiliger Ignatius von Antiochien (um 1600), Rom, S. Vitale, Foto: Erik Wegerhoff.

Prägung

Ein architektonischer Entwurf kann als Höhepunkt der Umgestaltung eines Bauwerks im Sinne von dessen neu zugeschriebener Bedeutung gelten, die erste bauliche Intervention vor Ort aber stellt er nicht dar. Vielmehr manifestiert sich eine neue Interpretation auf dem Bauwerk selbst oft in Form von Beschriftungen, Bemalungen oder auch symbolischen Bezeichnungen. Diese können ganz einfach Besitzansprüche ausdrücken, in Form einer Inschrift aber findet häufig ein Kondensat der neuen Deutung eines Bauwerks seinen ersten Niederschlag auf den Mauern. Man kann all diese Interventionen als einen Vorgang der medialen Prägung zusammenfassen.

Fontanas Pläne für die Umgestaltung des Kolosseumsinnern entstanden nicht ohne Vorlauf. Schon der allererste Zugriff einer religiösen Institution auf das Bauwerk schlug sich auf dem Kolosseum nieder: Bis heute sind dort die Abzeichen der Salvatorbruderschaft zu erkennen. Eine Christusbüste, flankiert von zwei Kandelabern, befindet sich als Relief über dem axialen Eingang gen Lateran und über einer Arkade, die gen Konstantinsbogen gerichtet ist (Abb. 4); zwei Arkaden weiter ist dasselbe Zeichen nochmals direkt auf die Mauern gemalt. [33] Auch wenn diese Heilandsdarstellungen noch nichts mit der erst zwei Jahrhunderte später ersonnenen Märtyrergeschichte zu tun haben, so manifestiert sich darin doch der erste kirchliche Zugriff auf das zuvor vom römischen Adel kontrollierte Bauwerk.

Abb. 4. Relief mit dem Zeichen der Bruderschaft des Santissimo Salvatore ad Sancta Sanctorum (14. Jh.?), Kolosseum, Südseite (Arkade Nr. LXIII), Foto: Erik Wegerhoff.

Dessen neue Interpretation als Martyriumsort fand ihren Weg auf die antiken Mauern erstmals zum Heiligen Jahr 1675 (Abb. 5). Wesentlicher Teil der provisorischen Umgestaltung des Kolosseums waren Aufschriften, Märtyrerbilder und ein darüber angebrachtes Kreuz; mit einem weiteren wurde das antike Bauwerk bekrönt. Nun konnte man den Bau nicht mehr ohne diese neue Prägung betrachten. Der Logik der katholischen Kirche gemäß vermittelten Chiaroscurogemälde von Martyrien zusammen mit den Kreuzen auch dem nicht Latein Lesenden ein deutliches Bild von der Umetikettierung des Bauwerks. [34]

Abb. 5. Darstellung der Ostseite des Kolosseums vor dem beabsichtigten Umbau (ca. 1708), aus: Carlo Fontana: L'Anfiteatro Flavio. Edizione anastatica del manoscritto nel Museo di Roma. Hg. von Hellmut Hager, Rom 2002, S. 81.

Bespielung

Mit einer architektonischen Transformation geht häufig eine neue Nutzung einher. Es ist jedoch durchaus nicht ausgemacht, in welchem chronologischen Verhältnis die neue Praxis zur neuen Architektur steht. Ein Umbau kann eine neue Verwendung ermöglichen, umgekehrt kann diese aber auch dem Umbau vorausgehen und sich temporär des bestehenden Baus bemächtigen, um auf diese Weise die architektonische Transformation zu konditionieren. Vorläufige Nutzungen können die Form hoch formalisierter Rituale und Zeremonien annehmen und ebenso geplant sein wie die ihnen folgenden architektonischen Interventionen. Derlei Bespielungen sind essentielle Planvorläufer, die zudem der Unterbindung anderer, nicht erwünschter und möglicherweise informeller Aneignungen dienen können.

Eine dem Umbau des Kolosseums vorausgehende Bespielung im direkten Wortsinn waren die Passionsspiele der Gonfalonebrüder. [35] Mit ihnen erfuhr das Kolosseum eine – wenn auch nur saisonale – Wiederbelebung, die sogar Aufnahme in zeitgenössische Rom-Führer fand und dort mit den antiken Schauspielen verglichen wurde. [36] Auch wenn dabei Übertreibungen im humanistischen Interesse in Rechnung zu stellen sind, wird offenbar, wie bedeutend diese Neubespielung für eine zeitgemäße Aneignung des Bauwerks war. Es lässt sich durchaus keine simple (chrono-)logische Folge von den Passionsspielen zu Interpretation und Umbau des Kolosseums als Martyriumsort ausmachen; erst Texte des 17. und 18. Jahrhunderts konstruierten im Nachhinein eine solche Verbindung. [37] Andere Bespielungen hingegen können als direktere Vorläufer späterer Architektonisierungen gesehen werden. So sicherte eine entsprechende Ablassgewähr den Besuch der erstmals 1675 im Kolosseum zu Ehren der Märtyrer zelebrierten Andachten, [38] und dem 1750 erfolgenden Einbau monumentaler Kreuzwegstationen gingen Kreuzwegandachten entlang der Arena in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts voraus. [39]

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Konkurrenzverhältnisse zwischen offiziell erwünschten und unerwünschten Bespielungen. Glaubt man Benvenuto Cellinis Berichten von nächtlichen Teufelsbeschwörungen in der Kolosseumsarena, so müssen diese in den selben Jahren stattgefunden haben wie die genannten Passionsspiele. [40] Auch die 1750 mit der Einrichtung der Kreuzwegstationen wie auch der Kongregation der Amanti formalisierte permanente Bespielung des Kolosseums im päpstlichen Sinn richtete sich nicht zuletzt gegen das Unwesen, das allerlei dunkle Gestalten hier trieben. [41]

Umgekehrt sind solche Bespielungen oft an die Existenz der Um- oder Einbauten gebunden, die sie hervorgerufen haben, demnach war die Feier der Andachten also von der Existenz der vierzehn Stationen bedingt (Abb. 6). Als die Ädikulen 1874 unter der neuen nationalstaatlichen Regierung abgerissen wurden, irrten die Mitglieder der Kongregation ziellos in der Arena umher, wie ein Bericht im Osservatore Romano nicht ohne Sinn für Dramatik zu schildern weiß. [42] Mit der Infragestellung der christlichen Interpretation des Bauwerks, mit der Entfernung der entsprechenden Einbauten hatte auch die Bespielung ihren Sinn verloren. Die Wiederaufnahme der Kreuzwegandacht 1964 kann man hingegen als ein Wiedererstarken der päpstlichen Lesart des antiken Bauwerks begreifen. [43]

Abb. 6. Giovanni Battista Piranesi: Kolosseum mit den vierzehn Kreuzwegstationen (1740-1778), aus: Giovanni Battista Piranesi: Vedute di Roma. Rom 1740-1778.

Neuorientierung und Schließung

Grundlage jeglicher Grundrissorganisation ist die Ausrichtung eines Gebäudes. Eine der ersten architektonischen Interventionen in einem Bauwerk besteht daher häufig in dessen Neuorientierung. Diese erreicht man am ehesten durch die Regelung der Zugänglichkeit. Sie ist nicht nur Ausdruck eines neuen Sinns ("Sinn" auch in seiner Bedeutung als Richtung), sondern vor allem auch von Autorität. Wer Zugriff auf ein Bauwerk hat, beansprucht, es gegen andere abzuschließen und schließt damit auch andere Interpretationen und Aneignungen aus.

Die inhaltliche Neuorientierung des Kolosseums im katholischen Sinn nahm die Längsrichtung des symmetrischen antiken Baus auf, [44] verlieh ihr jedoch eine asymmetrische Gewichtung, deren Gründe wohl im Stadtkontext, der lokalen Belegung von Orten und in der Liturgie lagen: Nachdem der Papstpalast am Lateran zweitrangig geworden war, näherte man sich dem Bau in der Regel vom Stadtzentrum im Westen. Zudem befand sich in einem Gewölbe am Arenarand direkt neben dem Ostzugang die mindestens bis auf die Passionsspiele der Gonfalonebrüder zurückgehende Kapelle S. Maria della Pietà, deren Standort Fontana mit seinem monumentalen Kirchenbau aufnehmen sollte. [45] Schließlich lässt sich mit der Platzierung der Kirche am Ostende der Arena das gesamte Innere des Kolosseums als geosteter Kirchenraum begreifen. Diese Orientierung findet sich nicht erst bei Fontana, sondern schon mit der ersten Umgestaltung 1675, deren äußeren Eindruck Tomasi als "due facciate[,] la maggiore verso Roma di tre arcate […], & una simil facciata […] d’una sola arcata verso San Giovanni Laterano" beschreibt. [46] Mit dieser oben als Prägung bezeichneten Umgestaltung war die Richtung vorgegeben, die Fontanas spätere Planung bestimmen sollte. Der Zugang wurde schon 1675 nicht nur durch dessen Hervorhebung mit Aufschriften, Bildern und Kreuzen auf die zentrale Achse beschränkt, sondern zudem durch die Schließung der anderen Bögen mit einer bis knapp unter die Kämpferzone der Arkaden reichenden Mauer mit vertikalen Schlitzen (Abb. 5); nicht zufällig erinnert eine solche Ummantelung, die zugleich Einblick gewährt, an ein Reliquiar. Tatsächlich war die Schließung essentiell für die beabsichtigte Nobilitierung des Innern als heiliger Bezirk. Tomasi hob dies sogar im Titel seines 1675 erschienenen Texts hervor, demnach das Kolosseum consecrato col sangue pretioso d'innumerabili santi martiri, serrato, e dedicato ad onore, e gloria de' medesimi gloriosissimi martiri sei. [47] Zuvor hatte er den Papst ausdrücklich um die Schließung des Bauwerks mit einer Mauer gebeten, "claustrarlo con un picciolo muro", wobei es ihm um den Schutz vor Missbrauch ("abusi") und sündigem Treiben ("peccati, che ivi si commettono") ging. [48] Zugleich konstruierte Tomasi eine historische Fiktion, derzufolge die Arenaerde seit Langem Reliquienstatus genieße. [49] Die Orientierung und Schließung des antiken Bauwerks, die sich im späteren Kirchenentwurf wiederfinden, waren also schon 1675 präfiguriert.

 

Architektonische Formalisierung und Monumentalisierung

Reinterpretation und Überschreibung, Prägung, Bespielung, Neuorientierung und Schließung – all diese Faktoren bilden Vorläufer und Parameter einer umfassenden Umgestaltung. Diese kann man als architektonische Formalisierung und Monumentalisierung all dieser Vorgaben begreifen. Das schmälert nicht die Leistung des Entwerfers einer Einfügung in ein bestehendes Bauwerk, ordnet sie aber in einen weiteren zeitlichen Zusammenhang ein und macht deutlich, dass sie von vielen Faktoren abhängig ist.

So bewegt sich auch Carlo Fontanas Entwurf einer Märtyrerkirche im Kolosseum innerhalb einer Vielzahl bereits gesetzter Parameter. Deren erster ist die Interpretation des Amphitheaters als Martyriumsort, die ihren Ausdruck in einer Umkehrung der Hierarchie des Bauwerks findet. Beherrschten im antiken Bau die auf einer hochkomplexen Gewölbekonstruktion ruhenden Zuschauerränge die viel schwächer ausgebildete Arena, so kehrte Fontana dieses Verhältnis nun um. [50] Kern seines Entwurfs ist die Arena, die ein neuer Arkadengang nachzeichnet. So entstand ein Vorhof für den eigentlichen, hoch aufragenden Kirchenbau an deren östlichem Ende (Abb. 1). Damit ist die Apotheose der Märtyrer als architektonischer Triumph inszeniert: Die Arena bezeichnet Fontana als "Letto mortale" (Totenbett) und bekrönt die Kuppel seiner Kirche mit einer Verkörperung der "Santa Fede Cattolica trionfante", des triumphierenden heiligen katholischen Glaubens. [51]

Ein weiterer Parameter ist die bereits bestehende Kapelle S. Maria della Pietà, die nun ihre Monumentalisierung erfährt. Bedeutend war das Bauwerk dabei nicht im künstlerischen Sinn – 1517 in Zusammenhang mit den Passionsspielen entstanden, handelte es sich ursprünglich nur um ein notdürftig ausgestopftes Gewölbe (Abb. 7). Selbst nachdem eine Renovierung 1622 den Bau "in meliorem formam" wiederherstellte, aufstockte, um einen Dachreiter und eine Wohnung für einen Eremiten ergänzte, heben zeitgenössische Stimmen die "piccolezza" der "assai devota Capella" hervor: die kleine, sehr bescheidene Kapelle (Abb. 8). [52] Mit seinem Entschluss aber, den monumentalen Rundbau neben S. Maria della Pietà ("contigua alla chiesola presente") zu errichten, [53] konnte Fontana eine historische Kontinuität herstellen: Immerhin handelte es sich um das erste bauliche Zeugnis christlichen Glaubens in dem übermächtigen antiken Bauwerk, und hier hatten 1675 die ersten Andachten zu Ehren der Märtyrer stattgefunden. [54] Insofern nimmt Fontanas Positionierung der Kirche die vorherige liturgische Bespielung des Bauwerks auf.

Abb. 7, 8. Maarten van Heemskerck: Kolosseum mit Santa Maria della Pietà in der ursprünglichen Form (1532-1536), Federzeichnung, grau laviert, Berlin, Kupferstichkabinett, aus: Hermann Egger/Christian Hülsen (Hg.): Die römischen Skizzenbücher von Marten van Heemskerck im Königlichen Kupferstichkabinett zu Berlin. Berlin 1913-1916, II, Berlin 1916, fol. 71r (oben), Jan Asselyn: Kolosseum mit Santa Maria della Pietà nach dem Umbau von 1622 (1632-1637), schwarze Kreide, mit Tusche und Biester laviert, aus: Staatliche Kunstsammlungen Kassel (Hg.): Niederländische Zeichnungen des 16. Bis 18. Jahrhunderts. Bearb. Von Lisa Oehler. Fridingen 1979, Kat. 3 (unten).

Dass Fontanas Entwurf als Monumentalisierung der Umdekoration des Kolosseums von 1675 gelten kann, belegt auch die schon beschriebene, ganz ähnliche Grundrissdisposition bei weitaus anspruchsvollerer und dauerhafterer architektonischer Form. Die Umgestaltung aus dem Jahr 1675 bildete eine Art Prototyp und Provisorium: Die ursprünglich eisern geplanten Tore bestanden lediglich aus Holz; die Vermauerung erwies sich bald als durchlässig; die Darstellungen der Märtyrer mussten erneuert werden; und das auf die höchste Stelle des Baus gestellte Holzkreuz fegten Wind und Wetter so oft herunter, dass es mehrmals ersetzt wurde und schließlich gar nicht mehr vorhanden war. [55] Eine tatsächlich architektonische Transformation dient also auch dazu, einer Interpretation Dauer und damit dauerhafte Geltung zu verleihen.

Abb. 9. Inschrifttafel aus dem Pontifikat Benedikts XIV. (1750), Kolosseum, Ostfassade, Foto: Erik Wegerhoff.

Dass der von Fontana geplante Umbau nicht realisiert wurde, bedeutete indes nicht, dass sich der Prozess der Monumentalisierung nicht tatsächlich am Bau beobachten ließe. Allerdings beschränkt sich dieser kurioserweise allein auf die Auf- bzw. Inschrift, die von der neu zugeschriebenen Bedeutung des antiken Bauwerks kündete. 1675 war die Aufschrift auf einer Putzgrundlage auf den Bau gemalt worden und schon Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr lesbar. [56] Als sich Benedikt XIV. 1750 abermals des Kolosseums annahm, blieb ihre Erneuerung daher nicht aus (Abb. 9). Ihre Monumentalisierung und Steigerung der Dauerhaftigkeit erfuhr sie nicht nur in Form einer bis heute gut erhaltenen Marmorplatte, der Text selbst weist sogar noch auf den Materialwechsel hin. Was einst an die Wand gemalt und vom Unbill der Zeit ausgelöscht war, sei nun in Marmor wiederhergestellt:

 

[…]

MONUMENTUM

A . CLEMENTE . X . P . M

AN . JUB . MDCLXXV

PARIETINIS . DEALBATIS . DEPICTUM

TEMPORUM . INJURIA . DELETUM

BENEDICTUS . XIV . PONT . M

MARMOREUM . REDDI . CURAVIT

AN . JUB . MDCCL . PONT . X  [57]

 

Interpretationskonjunkturen

Die bauliche Transformation eines Bauwerks kann man als Höhepunkt von dessen Neuinterpretation begreifen. Gleichwohl gibt es Deutungen, die keine baulichen Auswirkungen haben respektive nur Prägungen, Bespielungen und Neuorientierungen nach sich ziehen. Es lässt sich also zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine unterschiedliche Intensität oder Popularität einer Interpretation ausmachen. Dementsprechend manifestiert sich letztere auf unterschiedliche Art, oder sie findet im oder am Bauwerk vielleicht gar keinen Platz. Zudem kann die Intensität einer Interpretation zu- und wieder abnehmen, was sich als Konjunktur einer Interpretation bezeichnen lässt. Der architektonische Umbau stellt dabei eine Hausse dar, Prägungen, Bespielungen und Neuorientierungen einen konjunkturellen Aufschwung vor oder auch nach diesem Höhepunkt.

Die Interpretationskonjunktur des Kolosseums als Martyriumsort setzte, wie gezeigt wurde, um 1400 mit der Kontrolle des Bauwerks durch die Salvatorbruderschaft ein. Gleichwohl war damit noch nicht unbedingt eine christliche Bedeutung verbunden. Diese kam erst mit den Passionsspielen auf, die den Bau zum Zentrum religiöser Feiern machten. Das aber hatte noch nichts mit einer Auffassung des Amphitheaters als Ort von Martyrien zu tun, zudem wurden die Spiele 1539 verboten. Die Konjunktur ebbte also wieder ab, um gegen Ende des 16. Jahrhunderts erstmals in Texten aufzuscheinen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts stieg die Konjunkturkurve mit der Zuschreibung von immer mehr Martyrien ans Kolosseum an und erreichte einen ersten Höhepunkt im Heiligen Jahr 1675: Nun manifestierte sich die Interpretation tatsächlich erstmals im und auf dem Bau. Ein Anhalten dieser Sichtweise zeigt sich daran, dass sich einige Päpste in der Folge für eine dauerhafte Transformation des Bauwerks einsetzen. Doch zum wirklichen Höhepunkt in Form eines umfassenden Umbaus kam es nicht: Carlo Fontanas Pläne wurden zwar prachtvoll publiziert, aber nie realisiert. 1750 schließlich bewahrte Benedikt XIV. die Deutungskurve des Kolosseums als heiliger Ort mit Edikten und Kreuzwegstationen vor dem völligen Abfall. Gleichwohl deutet die Tatsache, dass im Kolosseum anstelle einer Märtyrerkirche die Via Crucis installiert wurde, auf ein generelles Abflauen dieser Interpretationskonjunktur hin. Zum dramatischen Einbruch kam es Ende des 19. Jahrhunderts, als das Kolosseum von den Einbauten bereinigt und damit auch der Deutungshoheit der Kirche entzogen wurde. Mit der erneuten, einmal jährlichen Bespielung seit 1964 hingegen lässt sich eine neue, wenn auch bescheidene Konjunktur ausmachen.

Architektonisches Einfügen also muss man als Bauen in Kontexten begreifen – im Kontext neuer Deutungen und eines Aneignungsprozesses, und natürlich im Kontext des bestehenden Bauwerks. Ein Umbau steht weder baulich noch zeitlich oder semantisch isoliert da, sondern ist Teil und Ergebnis einer komplexen Sequenz von Reinterpretation und Überschreibung über Prägung, Bespielung, Neuorientierung und Schließung hin zur architektonischen Formalisierung und Monumentalisierung. Ein Umbau ist damit nicht ein in sich geschlossenes Werk, sondern vielmehr architektonischer Ausdruck und zugleich Höhepunkt einer dynamischen, von zahlreichen Faktoren abhängigen Interpretationskonjunktur. 

 


[1] Die einst direkt auf den Bau gemalte Anschrift findet sich nicht mehr vor Ort, aber etwa in Bonaventure d’Overbeke: Les restes de l’ancienne Rome. Den Haag 1763, III, S. 54: "AMPHITHEATRVM FLAVIVM | NON TAM OPERIS MOLE ET ARTIFICIO AC VETERVM | SPECTACVLORVM MEMORIA | QVAM SACRO INNVMERABILIVM MARTYRVM | CRVORE ILLVSTRE | VENERABVNDVS HOSPES INGREDERE | ET IN AVGVSTO MAGNITVDINIS ROMANAE MONVMENTO | EXECRATA CAESARVM SAEVITIA | HEROES FORTITVDINIS CHRISTIANAE | SVSPICE ET EXORA | ANNO IVBILAEI MDCLXXV". "Ehrwürdiger Gast, betritt das flavische Amphitheater, berühmt nicht so sehr wegen der Masse und Kunstfertigkeit seines Baus und der Erinnerung an die Spiele der Alten, als wegen des heiligen Blutes zahlloser Märtyrer, und in diesem verehrten Denkmal römischer Größe verfluche die Grausamkeit der Kaiser, schaue auf zu den Helden christlicher Tapferkeit und bete. Im Jubiläumsjahr 1675." Für wesentliche Hilfe bei der Übersetzung des Texts danke ich Katrin Siebel und Felix Mundt von der Humboldt Universität Berlin.

[2] Der unglückliche Begriff „Bauen im Bestand“ wird hier nur verwendet, da sich der hier betrachtete Fachdiskurs darunter subsumieren lässt und immer wieder darauf rekurriert. Vgl. etwa Wüstenrot Stiftung (Hg.): Umbau im Bestand. Gestaltungspreis der Wüstenrot Stiftung. Stuttgart 2008 oder Johannes Cramer/Stefan Breitling: Architektur im Bestand. Planung, Entwurf, Ausführung. Basel 2007.

[3] André Corboz: "Vecchi edifici per nuove funzioni/Old buildings and modern functions." In: Lotus International 13 (1976), Dezember, S. 68-79. Ingnasi de Solà-Morales: "Dal contrasto all’analogia. Trasformazioni nella concezione dell’intervento architettonico/From contrast to analogy. Developments in the concept of architectural intervention." In: Lotus International 46 (1985), S. 36-45. Section française de l’Icomos (Hg.): Créer dans le créé. L’architecture contemporaine dans les bâtiments anciens. Mailand, Paris 1986 (Ausstellung, Paris, Centre Pompidou, 28.5.–7.9.1986). Zur Einordnung der Diskussion in Praxis und Denken von Moderne und Postmoderne siehe auch Fred Scott: On altering architecture. New York 2008, S. 1-19. Dale Kinney: "Introduction." In: Richard Brilliant/Dale Kinney (Hg.): Reuse value. Spolia and appropriation in art and architecture. Farnham 2011, S. 1-11, hier S. 1.

[4] Nur einige Bsp.: Wang Shaoqiang: Transformer. Reuse, renewal, and renovation in contemporary architecture. Berkeley 2010. Robert Klanten/Lukas Feireiss: Build-on. Converted architecture and transformed buildings. Berlin 2009. Pierre Thiébaut: Old buildings looking for new use. 61 examples of regional architecture between tradition and modernity. Stuttgart 2007. Kenneth Powell: Architecture reborn. The conversion and reconstruction of old buildings. London 1999. Vgl. auch die scharfe Kritik in Michael Guggenheim: "Formloser Diskurs. Umnutzung als Test architektonischen Wissens." In: Candide 4 (2011), S. 9–35, hier S. 12.

[5] Dominique Rouillard: Architectures contemporaines et monuments historiques. Guide des réalisations en France depuis 1980. Paris 2006, S. 40–163.

[6] Wolfgang Pehnt: Karljoseph Schattner. Ein Architekt aus Eichstätt. Stuttgart 1988, 2. Aufl. Stuttgart 1999.

[7] Wolfgang Pehnt: "Ein Ende der Wundpflege? Veränderter Umgang mit alter Bausubstanz." In: Die alte Stadt 36 (2009), Nr. 1, S. 25–44, das Zitat auf S. 39.

[8] Johann Jessen/Jochem Schneider: "Umbau und Umnutzungen im Bestand. Neuere Tendenzen in Deutschland und Europa." In: Wüstenrotstiftung (Hg.): Umbau im Bestand. Gestaltungspreis der Wüstenrot-Stiftung. Stuttgart 2008, S. 38-81, hier S. 65. Vgl. dies.: "Umnutzung im Bestand. Städtebau – Programm – Gestalt." In: Wüstenrotstiftung (Hg.): Umnutzungen im Bestand. Neue Zwecke für alte Gebäude. Stuttgart 2000, S. 14–43. Pehnt und Jessen/Schneider verweisen jeweils aufeinander. Ähnlich, wenn auch stärker einer denkmalpflegerischen Sorge um den Bestand verpflichtet argumentiert Bernhard Furrer: "Die Transformation des Baudenkmals." In: Hans-Rudolf Meier/Ingrid Scheurmann (Hg.): DENKmalWERTE. Beiträge zur Theorie und Aktualität der Denkmalpflege. Festschrift für Georg Mörsch. Berlin, München 2010, S. 217–226.

[9] Cramer/ Breitling 2007 (vgl. Anm. 2).

[10] Arnold Esch: "Spolien." In: Archiv für Kulturgeschichte LI (1969), S. 1–64. Ders.: "Reimpiego dell’antico nel medioevo: la prospettiva dell’archeologo, la prospettiva dello storico." In: Settimane di studio del Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo 46 (1999), Nr. 1, S. 73–108. Deutsch: Ders.: Wiederverwendung von Antike im Mittelalter. Die Sicht des Archäologen und die Sicht des Historikers, Berlin 2005.

[11] Salvatore Settis: "Continuità, distanza, conoscenza. Tre usi dell'antico." In: ders. (Hg.): Memoria dell'antico nell'arte italiana. III: Dalla tradizione all'archeologia. Turin 1986, S. 373–486. Ders: "Von 'auctoritas' zu 'vetustas': die antike Kunst in mittelalterlicher Sicht." In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 51 (1988), S. 157–179.

[12] Lukas Clemens: Tempore Romanorum constructa. Zur Nutzung und Wahrnehmung antiker Überreste nördlich der Alpen während des Mittelalters. Stuttgart 2003. In diese Gruppe gehört auch Michael Greenhalgh: The survival of Roman antiquities in the Middle Ages. London 1989.

[13] Pierre Pinon: "Approche typologique des modes de réutilisation des amphithéâtres." In: Gladiateurs et amphithéatres. Actes du colloque tenu à Toulouse et à Lattes, les 26, 27, 28 et 29 mai 1987. Lattes 1990, S. 103–127. Taisuke Kuroda: Lucca 1838: Trasformazione e riuso dei ruderi degli anfiteatri romani in Italia. Lucca 2008. Damiano Iacobone: Gli anfiteatri in Italia tra tardo antico e Medioevo. Rom 2008.

[14] Vgl. etwa Iacobone 2008 (vgl. Anm. 13), S. 32.

[15] Guggenheim 2011 (vgl. Anm. 4), insbes. S. 14. Siehe auch ders.: "Mutable immobiles. Change of use of buildings as a problem of quasi-technologies." In: Thomas Bender/Ignacio Farías (Hg.): Urban assemblages. How actor-network theory changes urban studies. London 2009, S. 161–179.

[16] Marvin Trachtenberg: Building-in-time from Giotto to Alberti and modern oblivion. New Haven (Conn.) 2010. Dem „building-in-time“ gegenüber stellt er das mit Alberti begründete „building-outside-time“.

[17] Genauer dazu: Ebd., S. 132–143.

[18] Stewart Brand: How buildings learn. What happens after they’re built. New York 1994, 2. Aufl. New York 1995, S. 13, in großer Nähe zu Konzepten des britischen Architekten Francis Duffy, vgl. Francis Duffy/Patrick Hannay (Red.): The changing workplace. London 1992. Zu dieser Gruppe von Publikationen gehört auch Mohsen Mostafavi/David Leatherbarrow: On weathering. The life of buildings in time. Cambridge (Mass.) 1993, in dem es jedoch um die Effekte von Verwitterung geht, nicht um Nachnutzung, Aneignung und Weiterbauen.

[19] Fast als Einziger macht sich Pehnt darüber Gedanken und spricht auch nur der letzten seiner Strategien, dem Durchkreuzen, eine inhaltliche Positionierung als "gebauten Protest gegen das Vorhandene" zu. Doch muss man dem Autor beipflichten, wenn er selbst feststellt, seine Strategien erlaubten alle denkbaren Positionen "von schroffer Distanzierung bis zu glättender Vereinheitlichung". Pehnt 2009 (vgl. Anm. 7), S. 31–32.

[20] Pinons acht Kategorien der Nachnutzung von Amphitheatern etwa verlieren sich im Wunsch nach größtmöglicher Präzision; Clemens’ vier Kategorien kann man durchaus als Kritik an Pinon begreifen.Vgl. Pinon 1990 (vgl. Anm. 13), 110–111, sowie Clemens 2003 (vgl. Anm. 12), S. 90–98.

[21] Die folgenden Beobachtungen basieren auf meiner 2010 an der ETH Zürich abgeschlossenen Dissertation über die nachantiken Interpretationen, Aneignungen und Umbauten des Kolosseums, Erik Wegerhoff: Antike aneignen. Prinzipien der architektonischen Re-Interpretation antiker Bauten. Gekürzt veröffentlicht als ders.: Das Kolosseum. Bewundert, bewohnt, ramponiert. Berlin 2012.

[22] Der Aspekt der Rezeption und Reinterpretation wird in der Architekturgeschichte und -theorie selten angesprochen. Siehe in diesem Sinne jüngst Naomi Stead/Cristina Garduño Freeman: "Architecture and 'The act of receiving, or the fact of being received'. Introduction to a special issue on reception." In: Architectural Theory Review 18 (2013), Nr. 3, S. 267–271. Interessant in diesem Zshg. auch Patricia A. Morton: "The afterlife of buildings. Architecture and Walter Benjamin’s theory of history." In: Dana Arnold (Hg.): Rethinking architectural historiography. London 2006, S. 215–228.

[23] Dazu demnächst ausführlich Erik Wegerhoff: "Geschichtskonstrukte. Die Erfindung des Kolosseums als Martyriumsort in Text und Architektur." In: Elke Koch/Heike Schlie (Hg.): Orte der Imagination – Räume des Affekts. In Vorbereitung.

[24] Zwar verunglimpfen wichtige Autoren der christlichen Antike wie Tertullian (de spectaculis, zum Bauwerk insbesondere 12,7) und Augustinus (confessiones 6,8) die Bauwerke wie auch die Spiele. Gleichwohl findet sich das Kolosseum nicht in einer Liste römischer Martyriumsorte (de locis que inveniuntur in Sanctorum passionibus) der Mirabilia Urbis Romae von 1143, der bekanntesten und vielfach rezipierten Beschreibung der antiken Wunderwerke Roms aus dem Mittelalter. Vgl. Tertullien: Les spectacles (De spectaculis). Hg. von Marie Turcan. Paris 1986. Sources chrétiennes, 332. Deutsch: Quintus Septimius Tertullianus: Über die Spiele. Übers. und hg. von Karl-Wilhelm Weeber. Stuttgart 2002. Sancti Augustini confessionum libri XIII. Hg. von Lucas Verheijen. Turnhout 1981. Corpus Christianorum, Series latina, 27. Deutsch: Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus Bekenntnisse. Übers. von Alfred Hofmann. München 1914. Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, XVIII, Augustinus Band VII. Mirabilia Urbis Romae. In: Paul Fabre/Louis Duchesne (Hg.): Liber Censuum de l’Eglise Romaine. Paris 1910, I, S. 262–283, hier S. 263–264.

[25] Vgl. etwa Le cose maravigliose dell'alma città di Roma, dove si tratta delle chiese, stationi, & reliquie de' corpi santi, che vi sono […]. Venedig 1575 (Bibliotheca Hertziana, Rom, Dg 450-1751). Le cose maravigliose dell'alma città di Roma, dove si tratta delle chiese, stationi, & reliquie de' corpi santi, che vi sono […]. Rom 1575 (Bibliotheca Hertziana, Rom, Dg 450-1755). Marcus Attilius Serranus: De septem Urbis ecclesiis […]. Rom 1575 (Bibliotheca Hertziana, Rom, Dg 450-1757). Auch die Pilgerreisebeschreibung Jakob Rabus: Rom. Eine Münchner Pilgerfahrt im Jubeljahr 1575. Hg. von Karl Schottenloher. München 1925.

[26] Martyrologium Romanum ad nouam kalendarij rationem, & ecclesiasticae historiae veritatem restitutum. Gregorij XIII. Pont. Maximi iussu editum. Rom 1584, S. 62. Cesare Baronio: Annales ecclesiastici. 12 Bände, Rom 1593–1612. II, Erstausg. Rom 1590, 4. Aufl. Rom 1594, S. 620f.

[27] Antonio Galloni: Trattato de gli instrumenti di martirio, e delle varie maniere di martoriare usate da' gentili contro christiani. Rom 1591, S. 147.

[28] Vgl. Alessandro Zuccari: Arte e committenza nella Roma di Caravaggio. Turin 1984, S. 163–164.

[29] Ottavio Panciroli: I tesori nascosti nell’alma città di Roma. Rom 1600, S. 269: "un luogo si famoso, dove tanti combattendo per Christo gloriosamente sono morti": "ein so berühmter Ort, an dem so viele im Kampf für Christus ruhmreich ihr Leben ließen".

[30] Vgl. etwa Pietro Martire Felini: L'antichità figurate dell'alma città di Roma. Rom 1625, S. 287. Giulio Mari: Grandezze della città di Roma antiche & moderne come al presente si ritrovano. Rom 1625, S. 11v. Ottavio Panciroli: Tesori nascosti dell’alma città di Roma. Rom 1625, S. 114–115.

[31] Carlo Tomasi: Breve relatione dell'anfiteatro Flaviano detto communemente il Coliseo consecrato col sangue pretioso d'innumerabili santi martiri, serrato, e dedicato ad onore, e gloria de' medesimi gloriosissimi martiri l'anno del giubileo 1675, da un cherico regolare. Rom 1675 (Biblioteca Nazionale Centrale, Rom, 34.6.D.2.18), S. 4.

[32] Siehe das Kapitel Erudizioni sacre intorno all’Anfiteatro Flavio in Carlo Fontana: L'Anfiteatro Flavio, descritto e delineato dal cavaliere Carlo Fontana. Den Haag 1725, S. 115–148.

[33] Reliefs über den Arkaden mit der antiken Nummer LXIII und über dem zentralen Osteingang, das gemalte Zeichen über der Arkade LXV. Zu den Abzeichen und der Rechtssituation Rossella Rea: "Il Colosseo attraverso i secoli." In: Ada Gabucci (Hg.): Il Colosseo. Mailand 1999, S. 161–227, hier S. 202. Annibale Ilari: "'Merum et mixtum imperium' da Piazza San Giovanni al Colosseo all’ospedale Lateranense." In: Lazio ieri e oggi 33 (1997), Nr. 1, S. 136–140. Padre Mariano Colagrossi: L'Anfiteatro Flavio nei suoi venti secoli di storia. Florenz 1913, S. 168. Die Darstellungen unterscheiden sich stilistisch deutlich, zeugen also nicht allein von der Übertragung des Kolosseums an die Salvatorbrüder Ende des 14. Jahrhunderts, sondern von deren bis ins Pontifikat Sixtus’ V. fortbestehenden Ansprüchen auf den Bau.

[34] Zu Text, Gemälden und Kreuz siehe neben d’Overbeke 1763 (vgl. Anm. 1) auch Tomasi 1675 (vgl. Anm. 31), S. 5, und Ruggiero Caetano: Le memorie de l’Anno Santo MDCLXXV celebrato da Papa Clemente X. […]. Rom 1691, S. 62.

[35] Zu den Spielen Barbara Wisch: "The Colosseum as a site for sacred theatre. A pre-history of Carlo Fontana’s project". In: Henry A. Millon/Susan Scott (Hg.): An architectural progress in the Renaissance and Baroque. Sojourns in and out of Italy. Essays in architectural history presented to Hellmut Hager on his sixty-sixth birthday. University Park 1992, S. 94–111. Nerida Newbigin: "The decorum of the Passion. The plays of the confraternity of the Gonfalone in the Roman Colosseum, 1490–1539." In: Barbara Wisch (Hg.): Confraternities and the visual arts in Renaissance Italy: Ritual, spectacle, image. Cambridge 2000, S. 173–202. Barbara Wisch/Nerida Newbigin: Acting on faith. The confraternity of the Gonfalone in Renaissance Rome. Philadelphia 2013, S. 291–322.

[36] Andrea Fulvio: Antiquitates urbis. Rom o. J. [1527] (Bibliotheca Hertziana, Rom, Dg 450-1270), lib. III, fol. LIII. Auch Panciroli 1625 (vgl. Anm. 30), S. 111.

[37] Tomasi 1675 (vgl. Anm. 31), S. 5. Eine Verbindung stellt auch Francesco Rovira Bonet: Breve, e divota notizia della vita, e martirio, virtù, e miracoli di alcuni santi dell'anfiteatro Flavio volgarmente detto il Colosseo […]. Rom 1759, S. 70, her: "[O]gni anno nel Venerdì Santo far solevasi poi da’ Fedeli una divota rappresentazione della Passione di nostro Signor Gesù Cristo: onde a nostri tempi è stato ivi eretto il divoto Esercizio della Via Crucis, col quale il Colossèo è anche dedicato alle Pene del Divin Salvatore": "Jedes Jahr am Karfreitag pflegten die Gläubigen eine andächtige Aufführung der Passion unseres Herrn Jesus Christus zu machen: Daher ist zu unserer Zeit die Feier der Kreuzwegandacht dort etabliert worden, womit das Kolosseum auch den Schmerzen des göttlichen Heilands gewidmet ist".

[38] Vgl. Carlo Bartolomeo Piazza: Santuario overo Menologio Romano perpetuo. Rom 1675, I, S. 475: "[…] Indulgenza plenaria nuovamente concessa da Nostro Signore Papa Clemente X. alla picciola Chiesa dentro nel Coliseo, per risvegliar la venerazione verso S. Almachio": "ein neu von unserm Herrn Papst Clemens X. der kleinen Kirche im Kolosseum zugerechneter vollständiger Sündenablass, um die Verehrung des heiligen Almachius wiederzuerwecken".

[39] Vgl. Giovanni Marangoni: Delle memorie sacre e profane dell'anfiteatro Flavio di Roma volgarmente detto il Colosseo. Rom 1746, S. 67: "[S]opra gli ultimi Archetti, i quali circondano tutto il Colosseo, ove principiavano le antiche scalinate, in varj luoghi sul Podio, fabbrichate furono 14. nicchie, con sopra le loro Croci, nelle quali dipinti furono li quatordici Misterj detti della Via Crucis, e si principiò a frequentare il Colosseo da divote persone, che sogliono recitarvi le preci stabilite per questo Santo Esercizio": "Über den obersten kleinen Bögen, die das ganze Kolosseum umgeben, wo die antiken Stufen begannen, an verschiedenen Orten auf dem antiken podium wurden 14 Nischen eingerichtet, mit jeweils einem Kreuz darüber, in die die vierzehn Mysterien der sogenannten Via Crucis gemalt waren, und andächtige Menschen begannen, das Kolosseum aufzusuchen, und pflegten dort die für diese heilige Andacht vorgesehenen Gebete zu sprechen". Marangonis 1746 erschienene Beschreibung kann sich nicht auf die erst 1750 errichtete Serie monumentaler Kreuzwegstationen beziehen.

[40] Benvenuto Cellini: La Vita. Hg. von Lorenzo Bellotto. Parma 1996, S. 232–238 (Buch 1, Kapitel LXIV). Wie es scheint, geschah die Beschwörung im Jahr 1532, vgl. ebd., S. 209. Deutsch in Johann Wolfgang Goethe: Leben des Benvenuto Cellini. Hg. von Norbert Miller und John Neubauer. In: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Hg. von Karl Richter in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller, Gerhard Sauder und Edith Zehm. VII, München 1991, S. 7–516, hier S. 130–132 (Buch 2, Kapitel 1).

[41] Vom Unwesen berichtet Marangoni 1746 (vgl. Anm. 39), S. 68: "[F]ra le oscure, e rimote concavità delle sue volte, ed Archi, le persone date a mal fare si annidino, per nascostamenee [Druckfehler] commetter delitti.": "Zwischen den dunklen und entlegenen Aushöhlungen seiner Gewölbe und Bögen nisten sich Menschen mit üblen Absichten ein, um dort im Verborgenen Verbrechen zu begehen". Papst Benedikt XIV. erließ am 8. Februar 1744 ein Edikt, das sich gegen solcherlei Übertäter wandte, siehe ebd., S. 69. Der Papst stimmte der vom Missionar Leonardo da Porto Maurizio angeregten Einrichtung der Kreuzwegstationen zum Heiligen Jahr 1750 u. a. mit der Begründung zu, er wolle auf diese Weise "mantenere in questo Luogo la Santità, e bandirvi ogni profanità": "in diesem Ort die Heiligkeit aufrecht erhalten und jegliche Profanisierungen verbannen", Statuti della Ven. Archiconfraternita degli Amanti di Gesu' e di Maria eretta in Roma nell'anno del Giubileo 1750 […]. Rom 1773 (Biblioteca Angelica, Rom, GG 12 90), S. 59. Eine andere Quelle nennt das Ziel, dass "quel luogo fosse più frequentato": "dieser Ort mehr besucht werde", Diego da Firenze: Diario delle missioni di San Leonardo. In: Leonardo da Porto Maurizio: Opere complete […] riprodotte con alcuni scritti inediti. Hg. von den pp. Minori riformati del Ritiro dell’Incontro presso Firenze. Venedig 1868/1869, 5 Bände, V, S. 257. Klerus und Adel unterstützten das Projekt "ad effetto di far mantenere la Santità in quel Santo Luogo, e bandire affatto ogni profanità dal medesimo": "mit der Absicht, die Heiligkeit an diesem heiligen Ort aufrecht zu erhalten und jegliche Profanierung desselben ganz und gar zu verbannen", berichtet die Zeitung Diario Ordinario, Nummer 5109 (18. April 1750), S. 9.

[42] Osservatore Romano, 25. Januar 1874, Meldung im Abschnitt Cronaca Cittadina.

[43] Paul VI. führte die Andacht der Via Crucis zum Karfreitag 1964 wieder ein, vgl. Virgilio Fantuzzi: "La Via Crucis con Giovanni Paolo II." In: La Civiltà Cattolica (2005), Heft II, Nr. 3716, S. 159–166, hier S. 159. Ein Büchlein mit dem Text der Kreuzwegandacht vom Jubiläumsjahr 2000 bezieht sich in der Einleitung wieder auf Leonardo da Porto Maurizio und äußert erfreut: "[M]otivo di compiacimento è che le ‚stazioni’ della Via Crucis, al Colosseo il Venerdì Santo sono tornato in essere, dopo anni di deplorevole oblio, così come le definì il grande francescano": "Es ist Grund zur Genugtuung, dass die Feier der Kreuzwegstationen, so wie der große Franziskaner [Leonardo da Porto Maurizio] sie vorschrieb, am Karfreitag im Kolosseum nach Jahren beklagenswerter Vergessenheit wieder ins Leben gerufen wurde", Luciano Santini (Hg.): Via Crucis di S. Leonardo da Porto Maurizio. [Prato] 2000, o. S.

[44] Zur Form der Amphitheaters Katherine E.Welch: The Roman amphitheatre. From its origins to the Colosseum. Cambridge 2007, S. 30–71, und Mark Wilson Jones: "Designing amphitheatres." In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung 100 (1993), S. 391–442. Zur Sitzordnung Silvia Orlandi: "I loca del Colosseo." In: Adriano La Regina (Hg.): Sangue e arena. Mailand 2001, S. 89–103 (Ausstellung, Rom, Kolosseum, 22.6.2001–7.1.2002).

[45] Zur Kapelle S. Maria della Pietà Panciroli 1625 (vg. Anm. 30), S. 111. Zu Fontana siehe Anm. 53.

[46] Tomasi 1675 (vgl. Anm. 31), S. 5: "zwei Fassaden, die größere Richtung Rom über drei Arkaden hinweg […] & eine ähnliche Fassade von nur einer Arkade gen San Giovanni in Laterano".

[47] Deutsch: geweiht mit dem wertvollen Blut zahlloser heiliger Märtyrer, geschlossen und der Ehre derselben ruhmreichsten Märtyrer gewidmet, vgl. Anm. 31.

[48] Tomasi 1675 (vgl. Anm. 31), S. 5, und Tomasi in einem Brief an den Papst, zitiert in Giovanni Bonifacio Bagatta: Vita del ven. servo di Dio d. Carlo de' Tomasi […]. Rom 1702, S. 187.

[49] Tomasi 1675 (vgl. Anm. 31), S. 5: "Il Beato Pio Quinto soleva dire, che chi voleva reliquie andasse à prendere della terra del Coliseo, che era impastata del sangue de Santi Martiri.": "Der selige Pius V. pflegte zu sagen, wer Reliquien haben wolle, solle Erde vom Kolosseum holen, die mit dem Blut heiliger Märtyrer durchtränkt sei". Andere Quellen wissen nichts von einer solchen Wertschätzung der Kolosseumserde zu berichten, vgl. etwa Girolamo Catena: Vita del gloriosissimo papa Pio quinto […]. Rom 1586, S. 35.

[50] Ausführlich schildert Carlo Fontana seinen Entwurf im 5. Kapitel seines L'Anfiteatro Flavio, Fontana 1725 (vgl. Anm. 32), S. 159–171. Zum Entwurf Hellmut Hager: "Carlo Fontana’s project for a church in honour of the ‚Ecclesia Triumphans’ in the Colosseum, Rome." In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 36 (1973), S. 319–337, und Carlo Fontana: L'Anfiteatro Flavio. Edizione anastatica del manoscritto nel Museo di Roma. Hg. von Hellmut Hager. Rom 2002, S. IX–XXXVIII .

[51] Fontana 1725 (vgl. Anm. 32), S. 159, und No. 1 in der Zeichnungsbeschreibung ebd., S. 169.

[52] Zur Wiederherstellung 1622 Marangoni 1746 (vgl. Anm. 39), S. 59. Die "piccolezza" bei Panciroli 1625 (vgl. Anm. 30), S. 111. Als "assai devota Capella" findet das Kirchlein sich in Michele Lonigo: Catalogo di tutte le chiese antiche e moderne […] in Roma. Manuskript von etwa 1642 (Biblioteca Vallicelliana, Rom, codice G. 36), fol. 55v.

[53] Fontana 1725 (vgl. Anm. 32), S. 160.

[54] Marangoni 1746 (vgl. Anm. 39), S. 66.

[55] Ebd., S. 66–67, zu den hölzernen Toren, dem immer wieder erneuerten Kreuz und zur Reparatur der Vermauerung durch den Karmeliterpater Angiolo Paoli 1714. 1750 mussten auch die Märtyrerdarstellungen wiederhergestellt werden, "essendo quasi cancellata affatto una Pittura, fattavi fare da Clemente X. sopra uno degl’Ingressi": "da ein Gemälde, das Clemens X. über einem der Eingänge hatte ausführen lassen, fast ganz ausgelöscht war", Roma antica, e moderna o sia Nuova descrizione di tutti gl'edificj antichi, e moderni, tanto sagri, quanto profani della città di Roma. Rom 1750 (Bibliotheca Hertziana, Rom, Dg 450-3501), I, S. 427.

[56] D’Overbeke 1763 (vgl. Anm. 1), III, S. 54, beschreibt den Zustand von um 1700 mit einer "Inscription […] qui n’est pas gravée, mais peinte, sur la face du Colisée". Marangoni 1746 (vgl. Anm. 39), S. 67, bezeugt, dass die Inschriften deshalb zu seiner Zeit nicht mehr lesbar waren: "non più legger si possono".

[57] Inschrift über der axialen Arkade gen Osten (Lateran).

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erstellt von Erik Wegerhoff zuletzt verändert: 18.11.2019 13:20
Mitwirkende: Wegerhoff, Erik
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