Benutzerspezifische Werkzeuge
Artikelaktionen

No section

Raumspinnen

  1. Univ.-Prof. Michael Schulze

Zusammenfassung

In der Architektur ist der Raum das prim√§re Gestaltungsmedium. Um Raum in der Gestaltungslehre zu erfahren und diesen in ein r√§umliches Denken zu √ľberf√ľhren, eignet sich der reale Raum am besten, um ihn zu definieren, zu gliedern und ihn letztlich zu gestalten. Das Erleben im Ma√üstab 1:1 ist ein physisches Erleben, das in seiner Wirkungsweise der K√∂rperlichkeit, Empfindung und Wahrnehmung des Menschen unmittelbar entspricht und dadurch beste Voraussetzungen schafft, um ihn in sp√§teren abstrakten Gestaltungsstrategien anzuwenden.

Keywords

 

In der Architektur ist der Raum das prim√§re Gestaltungsmedium. Um Raum inder Gestaltungslehre zu erfahren und diesen in ein r√§umliches Denken zu √ľberf√ľhren, eignet sich der reale Raum aus meiner Sicht am besten, um ihn zu definieren, zu gliedern und ihn letztlich zu gestalten.  Das Erleben im Ma√üstab 1:1 ist ein physisches Erleben, das in seiner Wirkungsweise der K√∂rperlichkeit, Empfindung und Wahrnehmung des Menschen unmittelbar entspricht und dadurch beste Voraussetzungen schafft, um ihn in sp√§teren abstrakten Gestaltungsstrategien anzuwenden.


 

Von dieser Pr√§misse ausgehend entstand die Gestaltungs√ľbung „Raumspinnen“. Als metaphorische Logik kam hinzu, dass die ehemaligen Produktionshallen der Tuchfabrik, die uns f√ľr diese √úbung zur Verf√ľgung standen, viele Jahrzehnte der Herstellung, Verbindung und Gestaltung von F√§den zu Tuchen und Textilien dienten. Der Verein „Tuchwerk Aachen” ist derzeit dabei in diesem denkmalgesch√ľtzten Geb√§ude eine Ausstellung zur Aachener Textilindustrie aufzubauen. Umso mehr schien unser Vorhaben dieses Ambiente zu bereichern. F√§den standen uns in scheinbar unbegrenzter Menge zu Verf√ľgung. √úber neunzig Studierende hatten sich f√ľr diesen Stegreifentwurf angemeldet. Nach einer Ortsbesichtigung, bei der Zeichnungen und Fotos angefertigt wurden sowie Gegenst√§nde, Installationen und Fenster√∂ffnungen untersucht, gemessen und analysiert  wurden, sollten die Studierenden mit Nadel und Faden in kleinen Modellkartons individuelle „gen√§hte“ oder„verwebte“ Konzeptideen als Raumgespinste erstellen, die der Sichtbarmachung der Intention dienen sollten. Das Prozedere sah vor, dass in einem kollektiven Ranking eine begrenzte Anzahl von Entwurfsideen selektiert und dann letztlich in kleineren Teams 1:1 umgesetzt werden sollten. Bei der Sichtung und Besprechung der ersten Entw√ľrfe stellte sich ein interessantes Ph√§nomen heraus, dadurch, dass der Faden in seiner Anwendung nicht seinem Wesen und seinen M√∂glichkeiten entsprechend eingesetzt wurde; eher gedacht als fl√§chiges Bauteil, entsprungen einer g√§ngigen Geometrie. Dieser Mangel forderte einen erneuten spielerischen Umgang mit den Fadenkonzepten, bis schlie√ülich die finalen Entw√ľrfe als Grundlage zu einer 1:1 Umsetzung geeignet waren. W√§hrend unsere √úbung eindeutig nicht den Gesetzen der darstellenden Geometrie folgte, so ergaben sich doch Parallelen in der Anwendung von Begrifflichkeiten, z.B. als Projektionslinien, Sehstrahlen, Fluchtpunktoder Hauptstrahl, die in der √§sthetischen Beschreibung der Ph√§nomenologie dieser Fadenprojektionen durchaus Berechtigung fanden. Denn der Faden als Projektionslinie im Raum, erinnerte an die Anf√§nge der Darstellenden Geometrie, wie im „Mathebuch“ von Albrecht D√ľrer (1525) dargestellt. Hier beschreibt er z.B. die Grundlagen der euklidischen Geometrie als Praxis des Messens und Konstruierens, wo, unter anderem zur Ermittlung von Koordinaten zur perspektivischen Darstellung, Schn√ľre zwischen Wand und Objekt gespannt wurden. Weiterhin ist interessant, dass D√ľrer zur Konstruktion der Konchoide (griech. Muschel) mit sogenannten Muschellinien operierte, die sich √§hnlich als Kurvengesten auch in den Fadenkonstruktionen offenbarten. Wie Licht- oder Sehstrahlen b√ľndeln undverdichten sich die F√§den der Spinn-Installationen oftmals wie Konstruktionslinien einer imagin√§ren Perspektive; hier jedoch, um einen konkreten, sinnlichen und √§sthetischen Raum zu gestalten.

Volltext

Lizenz

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch √ľber¬≠mitteln und zum Download bereit¬≠stellen. Der Lizenztext ist im Internet unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html abrufbar.

erstellt von Michael Schulze zuletzt verändert: 18.11.2019 13:20
Mitwirkende: Schulze, Michael
DPPL