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Modell und Wirklichkeit

  1. Tobias Becker

Zusammenfassung

Die Bildserie zeigt eine Reihe von architektonischen Einfügungen in verschiedene räumliche Umgebungen. Den Arbeiten ist gemein, dass sie allesamt aus einer Auseinandersetzung mit den Sprachen des Modellhaften heraus entwickelt worden sind. Der Akt des konkreten Einfügens stand jeweils am Ende einer längeren Reflexion über die Rolle des Modells im architektonischen Entwurfsprozess.

Keywords

 

Wenn hier über Einfügen gesprochen wird, so spielt sich dies auf zweierlei Ebenen ab. Zum einen sind es die offensichtlichen Einfügungen in den zumeist städtischen Raum. Zum anderen sind die gezeigten Arbeiten, die im Verlauf der letzten drei Jahre in einer Reihe von Seminaren („This is not a model!“, „Fake Realities“, „models & gaps“ und „Modell und Wirklichkeit“) am Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung an der RWTH Aachen untersucht wurden, als Einfügungen in den Prozess des Entwerfens, also in das weite Feld zwischen der Idee und der Realisation einer Architektur zu verstehen.

Es ist zu beobachten, dass viele Architekten bei der alltäglichen entwerferischen Praxis mit großer Selbstverständlichkeit zwischen sehr verschiedenen Sprachen der Darstellung von Raum hin- und herspringen. Grundrisse oder Schnitte, Visualisierungen oder Modelle aus Styrodur, Holz etc. finden dabei meist ohne große Umschweife zu einer gedanklichen Einheit zusammen. In formaler Hinsicht ist dies sehr interessant, sind diese Diskussionen um Raum doch offensichtlich in bestimmte Codes und Definitionen der Repräsentationsformen von Raum eingefasst, die es den Architekten – und das ist der springende Punkt – überhaupt erst ermöglichen, sich einigermaßen unbeschadet durch ein im Prinzip endloses Konglomerat an Ausdrucks- und Darstellungsformen des Räumlichen zu bewegen. Die Frage, die sich im Umkehrschluss allerdings aufdrängt, ist die, inwieweit die medialen „Sprachinseln“, die dort entstehen und auf denen der Raum folglich diskutiert und reflektiert wird, das Verständnis von Raum und damit einhergehend auch das Wesen der Entwürfe und realisierten Bauten prägen beziehungsweise eben auch beschränken.

Justine Goussard, Module.

Aus Sicht der Bildenden Kunst, die sich der permanenten Reflexion der Potenzen ihrer Medien verschrieben hat, erscheint dieses Unterfangen seltsam disparat. Mit absolut körperlosen und voneinander weit entfernten Werkzeugen werden in einem intellektuellen Kraftakt Architekturen entworfen, die sich in ihrer Umsetzung allerdings zutiefst körperlich manifestieren und entsprechend auch erfahren werden. Wir nehmen diesen so entstandenen Raum sehr viel eindringlicher und präziser über unsere Sinne wahr, als der Intellekt, der diesen Raum entworfen hat, es jemals vermag. Wie wird diese Diskrepanz moderiert, oder anders gesagt: an welchem Punkt in der Entwicklung neuer Architekturen wird diesem Umstand Rechnung getragen?

Einfügen heißt hier also: Sprachen installieren, die der körperlichen Erfahrung von Raum und dem Wissen darum einen Platz einräumen. Denn um den Körper mit in die Verantwortung nehmen zu können, müssen Werkzeuge zur Formulierung und zur Kommunikation von räumlichen Erfahrungen verfügbar gemacht werden, und zwar genau da, wo das Denken über und das Arbeiten mit Raum sicht- und begreifbar wird: im Entwurf.

Valentin Lindenlauf, Die Kollegen.

Ein naheliegender Ansatz, diesem Anspruch nachzukommen, ist der, bei gängigen Entwurfswerkzeugen anzufangen und sie auf ihr kommunikatives Potential hin abzuklopfen. So wie die Untersuchung ohne Weiteres auch an den Grundriss und Schnitt (Zeichnung) oder die Visualisierung (Bild) angelegt werden könnte, ist im vorliegenden Fall das Architekturmodell Gegenstand der Diskussion.

Löst man das Modell auch nur ein wenig aus seinem gewöhnlichen Funktionszusammenhang als Planungswerkzeug im Entwurfsprozess, so eröffnet sich eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten, mit ihm den Schulterschluss mit unserer körperlichen Wirklichkeit zu wagen. In der Bildenden Kunst erfreut sich das Modell aufgrund seiner ambivalenten Erscheinung zwischen Existenz und Nichtexistenz größter Aufmerksamkeit.

Camille Bobenrieth, Geländer.

Aus dieser Perspektive heraus lassen sich drei wesentliche Strategien ausmachen, um zum einen dem Arbeiten mit dem Modell eine gewisse Körperlichkeit zu verleihen und zum anderen generell seine Handhabe durch das Aufzeigen von möglichen Handlungs- und Gestaltungsspielräumen zu erweitern:

Erstens: Betrachtet man das Modell als skulpturales Phänomen, setzt man es augenblicklich in einen bildhauerischen Diskurs. Mit basalen skulpturalen Fragen nach der Textualität und Referentialität der verwendeten Materialien dringt man schnell zur eigenen Leiblichkeit und ihrer Verbindlichkeit vor.

Zweitens: Inszeniert man modellhafte Situationen über die Fotografie, erfährt man die Sprache des Modellhaften nicht nur als exquisites Werkzeug zur Analyse und Reflexion verschiedenster Bildkulturen, sondern eben auch und vor allem als Möglichkeit, sinnliche Erfahrungen und atmosphärische Qualitäten von realen oder auch potentiellen Räumen sehr präzise zu formulieren und zu kommunizieren.

Drittens: Aufbauend auf die ersten beiden Ansätze ergibt sich eine weitere Möglichkeit im Umgang mit Modellen, nämlich das bewusste Einfügen in einen ihnen fremden Kontext. In der Gegenüberstellung von zwei grundsätzlich verschiedenen Grammatiken oder „Realitäten“ ergeben sich unmittelbar Spannungsverhältnisse, die rhetorisch aufgeladen und gesteuert werden können.

Diese dritte Strategie ist das Thema der hier gezeigten Bildserie von studentischen Arbeiten. Es handelt sich dabei im Prinzip um künstlerische Interventionen. Die wesentlichen Merkmale dieser der Bildenden Kunst verwandten Arbeiten sind zum einen ihr temporärer Charakter, zum anderen ihre starke Ortsbezogenheit. Die Studierenden haben sich auch hier der ureigensten Qualitäten des Modells als Verweisendes und Behauptendes bedient und damit in Form architektonischer Setzungen Bezug zu bestimmten Eigenschaften selbst gewählter Orte im öffentlichen Raum genommen. Beispielsweise thematisierten sie die bauliche Heterogenität des Stadtraums, untersuchten den gestalterischen Aufbau einer bestimmten Wohnanlage, analysierten die relative Erfahrung von Größe gebauter Architekturen, oder sie nahmen städtebauliche Fehlplanungen ins Visier.

Martin van Laack, Catrin Grannemann und Sophie Schulten, Sprungturm.

Der Akt des konkreten, physischen Einfügens derartiger Kommentare in den öffentlichen Raum führt zu unmittelbaren Rückkopplungen mit der eigenen Körperlichkeit. Die Berührung mit dem Raum wird auf eindringliche Weise spürbar und zieht so eine Auseinandersetzung mit der Verantwortung und Verbindlichkeit des eigenen Tuns nach sich.

Abgeleitet aus der Ambivalenz des Modellhaften liegt allen hier abgebildeten „Einfügungen“ eine Untersuchung des Verhältnisses von der Faktizität und Inszenierung nicht nur unseres Handelns, sondern eben auch unserer ganzen Umgebung zu Grunde. Die Reflexionen über die drei skizzierten Strategien im Umgang mit dem Modell generieren somit ein weiteres Referenzsystem, eine Sprache, die in der Planung von Architektur herangezogen werden kann. Dies bedarf natürlich einiger Übersetzungsleistung. Doch andererseits hat eine Intervention vielleicht auch dann schon ihren Sinn erfüllt, wenn nur die diebische Freude in Erinnerung bleibt, nicht „erwischt“ worden zu sein.

Lidia Kulibaba, Anna Kempf und Yun Shen, Wand gegen Wand

Marlen Bickedahl, Zeitzeugen

Volltext

Lizenz

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch über­mitteln und zum Download bereit­stellen. Der Lizenztext ist im Internet unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html abrufbar.

erstellt von Tobias Becker zuletzt verändert: 18.11.2019 13:20
Mitwirkende: Becker, Tobias
DPPL