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Editorial

  1. Dr. Karl R. Kegler ETH Zürich, Institut gta, Architekturtheorie
  2. Professor Dr. Naujokat Anke Lehrgebiet Baugeschichte und Entwerfen, FH Aachen

Zusammenfassung

Einleitung für die fünfte Ausgabe von *archimaera*

Keywords

 

"Die Mauern sind der Anfang jeder menschlichen Zivilisation" – Jewgenij Samjatins Roman Wir, geschrieben im Jahr 1920, ist ein literarisches Lehrstück für das Ineinanderwirken räumlicher und psychologischer Grenzen. Samjatin spielt in ambivalenter Weise mit dem Versprechen der Moderne, die traditionellen Grenzen des architektonischen Raumes zu überwinden: durch den offenen Grundriss, die Aufhebung traditioneller Raumgrenzen oder eine neue Interaktion und Durchdringung von Innen und Außen. Die Menschen in Samjatins Anti-Utopie leben in einer gläsernen Stadt; Straßen, Gebäude, Möbel und Werkzeuge sind aus Glas. Die Stadt selbst ist von einer durchsichtigen, aber undurchdringlichen gläsernen Mauer umgeben; jenseits liegt die Wildnis. Mit diesem Setting spielt Samjatin in doppelter Weise mit dem Begriff der Grenze. Grenzen bürgerlicher Konvention oder geschichtlicher Überlieferung sind in der durchrationalisierten Wirklichkeit seiner Anti-Utopie aufgehoben. Auf der anderen Seite impliziert die unerbittliche Verstandesherrschaft der gläsernen Stadt eine Vielzahl neuer Barrieren. Samjatins Roman führt vor Augen, dass Grenzen zugleich eine bauliche und eine kulturelle Dimension besitzen.

Die Ausgestaltung von Grenzen und Übergängen gehört zu den archetypischen Phänomenen der Architektur. Jede bauliche Intervention bewirkt eine Definition oder Öffnung von Grenzen. Fenster, Tür, Schwelle und Treppe sind gefasste Übergänge; Fußboden, Wand und Dach gefasster Raum. Ein Wechsel der Raumhöhe oder auch nur eines Bodenbelags oder Materials definiert Zonen unterschiedlicher Wertigkeit. Mit den baulich definierten Grenzen der Architektur korrespondieren dabei stets Grenzen sozialer und kultureller Praxis. Auf diese Weise ist das Thema "Grenze" in der Architektur auf vielfältige Weise mit dem Thema Raum verknüpft.

Die äußere Erscheinung eines Bauwerks steht immer zwischen zwei Welten, nämlich die der inneren und die der äußeren Räume. Auf diese Einsicht richtet sich der Fokus der ersten Sektion des Heftes. Die kulturelle Bedingtheit von Raum- und Grenzvorstellungen ist das Thema von Manfred Speidels Essay, der vergleicht, wie in der europäischen und japanischen Architektur das Verständnis von der Grenze des Hauses zu seiner Umgebung gefasst wird. Das Klima, gesellschaftliche Konventionen, das Bedürfnis nach Selbstdarstellung oder Kontrolle implizieren in unterschiedlicher Weise die Ausbildung harter oder weicher Grenzen. Speidel untersucht an konkreten Beispielen japanischer und europäischer Bauten architektonische Schwellenelemente: die Außenwand des Hauses, die Eingangstür und den Übergang zum Garten. Er zeigt dabei auf, wie je nach Ausbildung und Materialität dieser Schwellen abrupte, mehrstufige oder auch durchlässige Grenzen zwischen Innen und Außen geschaffen werden, und dass Schwellenzonen nicht nur Orte realer Übergänge, sondern auch Orte der Sehnsucht und der Imagination sein können.

Dass unterschiedliche Raumvorstellungen mit sehr verschiedenen Grenzvorstellungen verbunden sein können, thematisiert auch Sina Keessers Beitrag zum Raumdiskurs in den Architekturzeitschriften zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Beobachtung, dass die Raumtheorien in der Architekturdiskussion dieser Epoche auf spezifischen Konzeptionen von Grenzen gründen. Keesser zeichnet die zeitgenössischen Raumdebatten nach und erläutert konkurrierende Sichtweisen von Außenwand und Fassade als Grenzfläche eines Innen- beziehungsweise eines Außenraumes. Konkurrierende Deutungsstrategien trugen im Rahmen dieser Diskussion zu einer Ausweitung und Spezifizierung raumtheoretischer Konzepte bei, die vielfach den Aspekt der Grenze bemühten. Während die Charakterisierung der Architektur als "Raumkunst" dazu diente, diese vom Ingenieurswesen abzugrenzen, illustriert die Einführung des Raumbegriffs in der Stadtplanung eine in jenen Jahren erbittert geführte theoretische Diskussion, die "Raum" und "Form" als alternative Erklärungsmodelle heranzog. Der Architekt und Theoretiker Herman Sörgel suchte diesen Antagonismus mit einem ambivalenten Verständnis der raumdefinierenden Wand als dem "Janusgesicht der Architektur", als Schnittstelle zwischen Innen und Außen zu entschärfen.

Astrid Silvia Schönhagens Aufsatz spielt ebenfalls auf mehreren inhaltlichen Ebenen mit dem Thema der Grenze. Wie Speidel greift sie das Thema der Raumgrenze als Ort der Imagination auf und zeigt am Beispiel der um 1800 entstandenen Bildtapetenräume des westfälischen "Haus Stapel", wie in der europäischen Wohnarchitektur illusionär geöffnete Raumgrenzen das Überschreiten imaginärer Grenzen stimulierten. In den Räumen des münsterländischen Wasserschlosses sind Reisebilder ganz unterschiedlicher Weltgegenden pointiert gegenübergestellt. Das Indienzimmer des Schlosses und einen Saal mit Rheinansichten deutet Schönhagen als Elemente in der Repräsentation eines komplexen "Wissenskosmos", wie er für Wohnhäuser um 1800 charakteristisch ist. Sie zeigt auf, wie die Bewohner in der Bewegung durch die verschiedenen Räume im Rahmen einer architektonischen Zimmerreise gedankliche Bezuge zwischen den dargestellten Sujets herstellen konnten. Ein dominierendes Thema ist die Abgrenzung des Eigenen und des Fremden im Kontext nationaler Identitätsfindung in Deutschland um 1800. Dies gilt vor allem für die Darstellung des Rheins als Grenze und nationales Sinnbild.

Um Identität, genauer: um die eng mit einem Gebäudeensemble verknüpfte Identität einer städtischen Theaterkultur, geht es schließlich auch in Daniel Buggerts Fotoserie, die das leergeräumte Gebäude der Kölner Oper kurz vor Beginn der zur Zeit durchgeführten Sanierungsmaßnahmen zeigen, welche in der Kölner Öffentlichkeit und Stadtpolitik eine kontroverse Debatte ausgelöst hatten.

Der zweite Abschnitt unseres Heftes verbindet Grenzerleben mit der Erfahrung des Sehens. Wer bei medialen Inszenierungen von Seh-Erlebnissen zuerst an computergenerierte virtuelle Realitäten oder 3D-Kinos denkt, sei daran erinnert, dass die mediale Illusion der Dreidimensionalität eine sehr viel längere Geschichte besitzt. Douglas Klahr erinnert in seinem Beitrag an das fotografische Medium der Stereoskopie, das seine weiteste Verbreitung in den Jahren vor und nach 1900 fand. Klahr illustriert die Einsicht, dass jedes Medium ihm eigene Medienkompetenzen und Inszenierungsmittel generiert, mithilfe einer Betrachtung stereoskopischer Aufnahmen von Treppen als Passageräumen. Er verdeutlicht auf einer theoretischen und auf einer praktischen Ebene, wie das Medium der Stereoskopie die Doppelnatur von Treppenräumen spiegelt: die visuelle Wahrnehmung ist in dieser Bildgattung stets auch mit einem körperlichen Erspüren, Durchmessen oder Überschreiten von Grenzen verbunden. Die Raumerfahrung des Nicht-Sehens ist dagegen Gegenstand des folgenden Beitrages. Marietta Schwarz berichtet von ihrer als Kunst-Projekt durchgeführten Versuchsanordnung, über Wochen als Blinde zu leben. Die Kölner Konzeptkünstlerin berichtet, wie sich ihr Raumerleben und ihre Raumimagination unter Verzicht auf den Gesichtssinn – im Rahmen des Projektes waren die Augen durch Pflaster verdeckt – verändert haben, und erläutert eindrucksvoll, wie Orientierung und Erleben im Raum über das Gehör funktioniert.

Die dritte Sektion des Heftes haben wir bewusst mit einem Fotoessay eingeleitet, der eine sehr reale Grenze und Grenzerfahrung visualisiert. Im Oktober 2011 war die Züricher Professur für Kunst- und Architekturgeschichte mit Studenten und Dozenten im Westjordanland unterwegs. Die während dieser Reise entstandenen, von Martino Stierli und Berit Seidel zusammengestellten und eingeleiteten Aufnahmen dokumentieren die israelischen Sperranlagen zwischen den Gebieten israelischer und palästinensischer Verwaltung. Wir konfrontieren diese Aufnahmen mit zwei Texten, die sich mit jüngeren architekturtheoretischen Positionen zur Thematik der Grenze befassen. Einen wichtigen theoretischen Ausgangspunkt für beide Texte bilden die Schriften von Michel Foucault. Konstanze Noack beschäftigt sich mit jenen Räumen an den Grenzen der Gesellschaft, die Foucault im Jahr 1966 als "Heteretopien" bezeichnet hat. Um den Foucaultschen Heterotopie-Begriff zu veranschaulichen und für die Architektur und Raumplanung fruchtbar zu machen, gibt die Autorin Beispiele für die konkrete Verortung und Verräumlichung von Heterotopien in der Stadt und illustriert die grenzüberwindende oder grenzziehende Eigenschaft von Heterotopien mithilfe zweier Architekturmodelle. Marc Schoonderbeek verortet Foucault im Kontext jüngerer architekturtheoretischer und –historischer Diskurse, die räumliche und zeitliche Grenzen der Architektur thematisieren. Schoonderbeek versucht eine Erweiterung dieser Sichtweisen, indem er Grenzen als Schwellenzonen des Gleichzeitigen begreift.

Der vierte und abschließende Teil des Heftes ist Grenzgängern und Grenzfiguren in der Architektur gewidmet. Rixt Hoekstra berichtet vom niederländischen Intellektuellen und Architekturtheoretiker Wim Nijenhuis, der in den 1970er Jahren als Repräsentant einer rebellischen Studentengeneration neue Wege einer theoriebasierten Selbstausbildung an der wichtigen niederländischen Architekturschule in Delft erkundete. Das Ergebnis dieses Projektes ist eine Reihe von Schriften, in denen Nijenhuis die Überwindung von Grenzen durch Geschwindigkeit als treibende Kraft in der Geschichte der Menschheit dargestellt hat. Einer anderen Form von gänzlich unbeweglichen Grenzgängern ist der Beitrag von Regina E. G. Schymiczek gewidmet. Er geht der Frage nach, inwiefern den Wasserspeiern von Sakralbauten eine Bedeutung als Wächterfiguren an der Grenze zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt zugemessen wurde. Der ikonografische Vergleich mittelalterlicher Wasserspeier mit Wasserspeiern früherer und späterer Epochen führt Schymiczek zu der These, dass Wasserspeier im Mittelalter als Dämonenabwehrer verstanden wurden, die – selber in Dämonengestalt – nach dem Grundsatz similia similibus curantur als Bannmittel gegen Wetterdämonen eingesetzt wurden.

Die Idee dieses Heftes geht auf die Vorarbeit von Joachim Müller zurück, der aufgrund anderer Verpflichtungen die Redaktion und Veröffentlichung der von ihm angeregten Beiträge nicht übernehmen konnte. Die Herausgeber haben das Spektrum der Beiträge erweitert und danken den Autoren für Texte, Bilder und ihre große Geduld. Wir wünschen unseren Lesern eine spannende und anregende Lektüre.

Karl R. Kegler und Anke Naujokat
(Herausgeber des Heftes)

Volltext

Lizenz

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch über­mitteln und zum Download bereit­stellen. Der Lizenztext ist im Internet unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html abrufbar.

erstellt von Anke Naujokat zuletzt verändert: 23.11.2019 09:53
Mitwirkende: Kegler, Karl R., Anke, Naujokat
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