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Dauerbelichtung

Bilder aus Le Corbusiers unités d'habitation

  1. Christof Klute
  2. Dr. Dipl.-Ing. Karl R. Kegler ETH ZĂŒrich; gta; Professur Architekturtheorie (Prof. MoravĂĄnszky)

Zusammenfassung

Zwischen 2002 und 2004 hat Christoph Klute in Frankreich und Deutschland sĂ€mtliche UnitĂ©s d'habitation des Architekten Le Corbusier fotografiert. Was in den 50er und 60er Jahren als eine architektonische Verheißung erschien, wirkt heute anders. Die Bilder fangen den genius loci der Orte behutsam ein, ohne Spuren des Alters oder des Gebrauchs oder zu ignorieren.

Keywords

 

    "Neuartige Baukörper – Geschenke der Technik.
     Sie verĂ€ndern die Stadt und die Lebensbedingungen der Menschen."[1]
     Le Corbusier

 

Wer als Architekt darĂŒber nachdenkt, was er ĂŒber Le Corbusiers unitĂ©s d'habitation weiß, wird mehr oder weniger zwangslĂ€ufig auf die folgenden Vorstellungen kommen: das Wohnhochhaus als langgestreckte Scheibe - aufgestĂ€ndert auf Pfeiler - umgeben von Parklandschaften, die Konstruktion als FlĂ€chentragwerk aus Betonschotten, Standardisierung als Grundlage von Effizienz, das Flachdach als Skulpturengarten und FreiflĂ€che.

— Nichts von dem findet sich auf den Bildern von Christof Klute.

Christof Klute bereiste zwischen 2002 und 2004 mehrfach die fĂŒnf zwischen 1947 und 1967 errichteten "Wohneinheiten" Le Corbusiers in Marseille, RezĂ©-les-Nantes, Berlin, Briey en ForĂȘt und Firminy-Vert. Le Corbusier war der Überzeugung, dass HĂ€usern dieses Typs als "vertikalen GartenstĂ€dten" die Zukunft gehören wĂŒrde. Als Folge der Industrialisierung im Bauwesen rechnete er damit, dass seine unitĂ©s d'habitation bald in großen StĂŒckzahlen in Serie gebaut wĂŒrden. Allein fĂŒr ein StĂ€dtebauprojekt in Meaux, das niemals realisiert werden sollte, erwartete Le Corbusier 1957 den Bau von fĂŒnfzehn Einheiten. [2]

Gebaut wurden in ganz Europa schließlich fĂŒnf der vertikalen Wohnscheiben. Sie sind Prototypen und Anschauungsobjekt fĂŒr eine Vision vom Wohnen, die in dieser Form dann doch nicht zu einem neuen Standard wurde. Jede der realisierten unitĂ©s war als autonome Einheit gedacht, die man selbst zum Einkaufen nicht verlassen musste, da ein eigener Laden fĂŒr die BedĂŒrfnisse der Bewohner bereitstand. Die geplante Bewohnerzahl war betrĂ€chtlich. Le Corbusiers unitĂ©s zĂ€hlen zwischen 294 (Nantes) und 557 (Berlin) Wohnungen. AufzĂŒge, MĂŒllschlucker und damals moderne Heizungs-, Elektro- und LĂŒftungssysteme rundeten das System ab.

Als Grundlage der beabsichtigten effizienten Produktionsweise betrachtete Le Corbusier das von ihm entwickelte Maßsystem des Modulor, das aus der GrĂ¶ĂŸe eines (damals) ĂŒberdurchschnittlich großen Mannes von 1,83 m abgeleitet war. In allen Abmessungen kam das System zur Anwendung. Le Corbusier ermittelte auf dieser Grundlage beispielsweise eine Raumhöhe von 2,26 m als Festmaß fĂŒr sĂ€mtliche Appartements. Die Wohnungen waren so proportioniert, dass sie auf minimaler GrundflĂ€che ein Maximum von FunktionalitĂ€t vereinen sollten. Ein Mensch nach dem Maß des Modulor von 1,83 m KörpergrĂ¶ĂŸe sollte mit ausgestrecktem Arm noch eben die Decke berĂŒhren können; mehr erschien unnötig. Le Corbusier reagierte nachhaltig verĂ€rgert, als er fĂŒr seine Berliner unitĂ© aufgrund der örtlichen Bauvorschriften eine Höhe von 2,50 m in Kauf nehmen musste.

Klutes Bilder aus dem Inneren der Wohneinheiten bilden wenig von dem reformatorisch-modernen Anspruch ab, den die Architektur Le Corbusiers in den ersten Nachkriegsjahrzehnten besaß. Nicht Effizienz oder FunktionalitĂ€t, sondern Farbe, Lichtstimmungen und die gealterte MaterialitĂ€t von OberflĂ€chen sprechen aus den Aufnahmen. Anfang des neuen Jahrhunderts sind Le Corbusiers unitĂ©s mittlerweile Altbauten mit einer fĂŒnfzigjĂ€hrigen Vergangenheit. Ihre Nutzungsgeschichte wird in einer Vielzahl von Details im Mangel an Perfektion ablesbar: in den ĂŒber Jahre polierten Linoliumböden, fleckigen Steinfliesen, abgenutzten Wandsockeln oder nachtrĂ€glich verlegten Elektroleitungen.

Nicht die RationalitĂ€t der Serie, sondern typologisch Ă€hnliche, aber je individuelle ZĂŒge treten in den Aufnahmen hervor. Le Corbusiers Architektur verliert an absolutem Vorbildcharakter und gewinnt an Menschlichkeit. Zwar sind die Bilder menschenleer, aber die Spuren der Bewohner zeigen sich in pragmatischen Details: eine schrĂ€g eingesetzte Steckdose, das Nebeneinander unterschiedlicher Heizkörper, ein BlumenkĂŒbel, eine merkwĂŒrdig abgewinkelte blaue Putzvorlage vor einer BetonoberflĂ€che. Dies ist kein Programmbild heroisch-fortschrittlicher Erneuerung. Adobe-Dörfer der Pueblo-Indianer oder farbige HolzhĂ€user an den KĂŒsten Grönlands könnte man auf eine Ă€hnliche Art fotografieren. Der Blick auf die farbig gefassten WĂ€nde offenbart den dezidierten Gestaltungswillen und die Praxis spĂ€terer Bricolage. Auf diese Weise gewinnen die Aufahmen aus der Wohnmaschine eine dokumentarisch-ethnographische QualitĂ€t. Die dokumentierten Details werden zu exemplarischen ReprĂ€sentanten der jeweiligen Standorte, fast so als habe ein Forschungseisender des 19ten Jahrhunderts die schweigenden Gesichter unterschiedlicher Indianervölker portraitiert. Auch die Klutes Bilder "schweigen" auf ihre Weise. Sie zeigen alltĂ€gliche Raumsituationen, aber ihre Lage im rĂ€umlichen Zusammenhang der Wohnscheibe bleibt dem Betrachter verschlossen. Wo Fenster im Bild sind, eröffnen sie keinen Ausblick, der eine Orientierung ermöglicht. Die Bildtitel verraten lediglich, in welcher der fĂŒnf realisierten unitĂ©s Klute fotografiert hat. Klute fotografiert nicht die Privatheit der Appartements, sondern öffentliche RĂ€ume der Wohnmaschine. Sie sind anonym und zugleich individuell durch die Spuren ihrer Nutzung.

Eine weitere Spannung der Aufnahmen ergibt sich erst aus dem Gesetz der Serie. Die Aufnahmen der internen Straßen oder der Details laden ein zum typologischen Vergleich. Sie wirken objektiv und distanziert und sind in hohem Maße kĂŒnstlich. Die Fotografien aus dem Inneren der Le-Corbusier-Bauten entstanden ohne zusĂ€tzliche Lichtquellen oder nachtrĂ€gliche digitale Bearbeitung durch – teils extrem lange – Belichtung fotografischer Filme. Erst der Abzug der Negative offenbarte das Ergebnis nach dem Ende der jeweiligen Fotokampagne. Durch die lange Belichtungszeit werden Farbstimmungen oder Spiegeleffekte besonders ausdrucksstark abgebildet.

Klutes Architekturfotografien unterwandern eine konventionelle Vorstellung modernistischer Ästhetik und sind auf andere Weise eine Schule in der unverstellten Wahrnehmung von Wirklichkeit. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Zeit und Zeitlosigkeit, Perfektion und AuthentizitĂ€t, ObjektivitĂ€t und Inszenierung. Das Wissen, dass es sich bei den fotografierten Objekten um prominente Ikonen der Nachkiegsmoderne handelt, bewirkt im Kopf des Betrachters eine eigentĂŒmliche Spannung, wenn er seine hochgestellte Erwartung im Anschauen der Bilder relativiert sieht. Statt eines Programms von Architektur begegnen ihm AtmosphĂ€ren. 

 

Literatur

Christof Klute/ Martin Hentschel: Orte. MönchenGladbach 2004.

 

UNITÉS D‘HABITATION
Marseille
Rue No.7
2002 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Firminy
Rue No.4
2002 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Berlin
Straße Nr. 1
2002 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Briey en ForĂȘt
Rue No.1
2002 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Rezé-les-Nantes
Rue No.3
2002 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Marseille
Interieur I
2004 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Firminy
Interieur I
2004 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Firminy en ForĂȘt
Interieur I
2004 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Berlin
Interieur I
2004 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Marseille
Interieur II
2004 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Rezé-les-Nantes
Interieur I
2004 © Christof Klute

UNITÉS D‘HABITATION
Marseille
Interieur III
2004 © Christof Klute



[1] Frithjof MĂŒller-Reppen (Hg.): Le Corbusiers Wohneinheit "Typ Berlin". Berlin 11958. Reprint Berlin 2007. S. 13.

[2] Ebd. S. 12.

Volltext

Lizenz

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch ĂŒber­mitteln und zum Download bereit­stellen. Der Lizenztext ist im Internet unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html abrufbar.

erstellt von Christof Klute zuletzt verÀndert: 19.11.2019 09:23
Mitwirkende: Klute, Christof, Kegler, Karl R.
DPPL