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Bauen f√ľr die Ewigkeit

Das Ensemble "Zentraler Platz" von Chemnitz / Karl-Marx-Stadt

  1. M.A. Toni Jost Institut f√ľr Europ√§ische Geschichte

Zusammenfassung

Der Anspruch an das Bauen in der DDR bewegte sich oftmals au√üerhalb des Koordinatensystems von Funktion und Repr√§sentation. Besonders in den Stadtzentren ging es darum, Geb√§ude und R√§ume zu schaffen, die die zuk√ľnftige kommunistische Gesellschaft vorwegnehmen und ihr so zum Durchbruch verhelfen sollten. Dieser metaphysisch angehauchte Auftrag an das Gebaute l√∂ste es aus Zeit und Raum heraus und hob die physische Verg√§nglichkeit der Steine auf. Das Beispiel des Chemnitzer Stadtzentrums illustriert diesen Zusammenhang und verdeutlicht die nur unter Schwierigkeiten m√∂gliche ideelle Umcodierung von Architektur und St√§dtebau der DDR nach der Wiedervereinigung.

Keywords

 

Und wir sahen in die Zeit hinein,
und alle Zeiten schienen eins zu sein.

Johannes R. Becher

1. EINLEITUNG

Der symbolische Anspruch von Architektur und St√§dtebau in der DDR reichte weit √ľber die reale Lebensdauer der errichteten Bauten hinaus. Die sozialistische Ideologie wies Architektur und Stadtplanung einen gesellschaftlichen Auftrag zu. Um von den Verhei√üungen des kommunistischen Himmelreichs zu k√ľnden, musste die Architektur des sozialistischen Staates eine immerg√ľltige Antwort auf die Fragen an die Zukunft und die Vergangenheit finden. Dieser Anspruch "erhob" die Bauten der DDR weit √ľber die reale Wirklichkeit und ihre Geschichte: Sie besa√üen den Anspruch auf Ewigkeit.

Diese These soll anhand des sozialistischen Chemnitzer bzw. Karl-Marx-Städter "Zentralen Platzes" nachvollzogen werden. Auf den ersten Blick ist er also solcher nicht zu erkennen, denn der Demonstrationsplatz wurde schon in der Planungsphase zugunsten des Stadthallenparks aufgegeben. Der Park bildet aber den Mittelpunkt eines geschlossenen Ensembles. Es umfasst die Gebäude des Rates des Bezirkes und der SED-Bezirksleitung mit dem bekannten vorgelagertem Karl-Marx-Monument, das Haus der Industrieverwaltungen, die Hauptpost und die Stadthalle mit Hotelhochhaus und Parkanlage. Das Ensemble war Resultat eines langwierigen Planungsprozesses, der unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg begann, aber erst in den späten siebziger Jahren unvollendet zum Abschluss kam und idealtypisch die ideologischen Prämissen der Architektur und des Städtebaus in der DDR verkörpert.

Abb. 1: Der "Zentrale Platz" 1991: (1) Innere Klosterstra√üe, (2) Roter Turm, (3) Hauptpost, (4) Stadthalle mit Hotelhochhaus und Stadthallenpark, (5) Haus der Industrieverwaltungen, (6) Rat des Bezirkes, SED-Bezirksleitung ("Parteifalte") und Karl-Marx-Monument, (7) Stra√üe der Nationen, (8) Demonstrationsstra√üe Br√ľckenstra√üe, (9) M√ľhlenstra√üe, Fritz-Heckert-Geburtshaus.

2. Zur Logik von Architektur un Städtebau in der DDR: Perfektion als grundlegende Kategorie

Dem sozialistischen St√§dtebau lag die Annahme Lenins zu Grunde, dass sich die Produktionsverh√§ltnisse einer Gesellschaft in ihren Bauten widerspiegeln. Im Umkehrschluss wirkt dieser Widerspiegelungstheorie entsprechend die gebaute Wirklichkeit einer Gesellschaft auf das Bewusstsein ihrer Bewohner und Betrachter zur√ľck und macht die hinter ihr wirkende Idee erlebbar. [1] In Abgrenzung zum organisatorischen Chaos des Kapitalismus, das ein ebensolches st√§dtebauliches Chaos hervorgebracht habe, versprach die SED mit der Gr√ľndung der DDR den Beginn einer neuen Epoche, deren St√§dte im Sinne der marxistisch-leninistischen Geschichtsteleologie planm√§√üig umgebaut werden sollten. Fortschritt wurde zur gesetzm√§√üigen Notwendigkeit erhoben. Die Stadt als "Medium des Sozialen" [2] erhielt eine bedeutende repr√§sentative Funktion. Sie bildete nicht nur die bestehenden Machtverh√§ltnisse des "Arbeiter- und Bauernstaates" ab, sondern sollte dar√ľber hinaus seine Daseinsberechtigung legitimieren, indem sie den Fortschritt, die Verhei√üungen des Kommunismus in seiner "revolution√§ren Entwicklung" - so der Grundgedanke des Sozialistischen Realismus - bildlich vorwegnahm. Es ging nicht nur um die Widerspiegelung, sondern um die Produktion einer politischen und sozialen Realit√§t. Die Annahme einer Einheit von St√§dtebau und Lebensweise sowie die Indienstnahme dieser Einheit f√ľr die Verwirklichung der Gesellschaftsidee des Sozialismus waren die Grundgedanken des DDR-St√§dtebaus. [3] St√§dtebau besa√ü in der Vorstellungswelt der Verantwortlichen die klare, auf die Zukunft bezogene Zweckbestimmung, als Waffe im Klassenkampf zur Bewusstseinsbildung der Menschen beizutragen. Die "geistige Vorbereitung auf die Zukunft" [4] erschien plan- und beherrschbar, wenn nur die Stadt "richtig" gebaut w√ľrde: "[Die Stadt] dien[t] wesentlich der aktiven Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens entsprechend den Aufgaben der jeweiligen Ordnung und den Vorstellungen ihrer Tr√§ger von einem gl√ľcklichen Leben." [5]

Politiker und Architekten standen nun vor dem Problem, ein Bildprogramm dieses "gl√ľcklichen Lebens" f√ľr eine erst am Beginn ihrer Entwicklung stehende Gesellschaft zu erstellen. Das, was einmal errichtet war, sollte sp√§ter einmal "noch der im Kommunismus lebenden Gesellschaft dienen". [6] Deshalb durfte es nicht sein, dass sich die Bed√ľrfnisse der Bewohner auf dem Weg in die kommunistische Gesellschaft einmal ver√§ndern k√∂nnten. Es geh√∂rte deshalb zum Standardrepertoire eines jeden Theoretikers, Zukunftsschau einzufordern. Hermann Henselmann als einer der f√ľhrenden Architekten der DDR ermahnte seine Kollegen: "Wir m√ľssen lernen, die Stadt von morgen mit den Augen von morgen zu betrachten." [7] "Morgen - das ist genau gesprochen: in der sozialistisch-kommunistischen Gesellschaft." [8] Da utopische Vorausschau verp√∂nt, Prognose aber nicht im Stande war, auch nur ann√§hernd das Leben in dieser neuen Epoche zu beschreiben, und die Soziologie kaum Wissen besa√ü, wie die Wechselwirkungen zwischen St√§dtebau und Evolution der Gesellschaft im Prozess des dialektischen Materialismus tats√§chlich verliefen und wie man sie steuern konnte, f√ľhrte der Anspruch, die Architektur einer kommunistischen Gesellschaft vorwegzunehmen, letztlich zur Idealisierung des Zeitgeistes und zu seiner Fortschreibung in die Ewigkeit.

"Das Determinismus-Dogma erzeugt das Unfehlbarkeitsdogma", [9] schrieb der Chemiker und Volkskammerabgeordnete Robert Havemann, der Mitte der sechziger Jahre zu einem scharfen Kritiker der SED mutierte. √úbertragen auf den St√§dtebau bedeutete dies: Wenn man dem h√∂heren Bewusstsein der Partei vertraute und von einem teleologischen Geschichtsbild ausging, dann mussten die gegenw√§rtigen "Berechnungen" richtig sein und es gen√ľgte ihre Fortschreibung in die Zukunft [10] - freilich unter v√∂lliger Missachtung der marxistischen Kategorien Dialektik und M√∂glichkeit. Es konnte dann nur eine denkbare Gesellschaftsentwicklung geben, die in einer bestimmten Stadtgestalt ihre Entsprechung finden musste. Der eingeschlagene Weg musste mit Notwendigkeit zum ausgegebenen Ziel f√ľhren: "Was der VIII. Parteitag beschlossen hat, wird sein" [11], lautete die pointierte Devise, die das Institut f√ľr Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED in den siebziger Jahren formulierte und die diese Gedankenwelt exemplarisch widerspiegelt. Die Zukunft, das vielbeschworene "Morgen", meinte eigentlich eine idealisierte und geradlinig fortgeschriebene Gegenwart, die nur vorwegnahm, wie die Gesellschaft den Erkenntnissen, Erfahrungen oder W√ľnschen der SED gem√§√ü sein m√ľsste und sollte. In Architektur und St√§dtebau spiegelten sich diese Einstellung in der formalen Sprache der Entw√ľrfe. Gefangen in der √Ąsthetik ihrer Zeit sind die entstandenen Ensembles aus heutiger Sicht zumeist banal, wenn nicht sogar wie die neohistorischen Bauten der Nationalen Traditionen  [12] reaktion√§r. Aber sie legen Zeugnis ab, wie man sich zu bestimmten Zeiten den Weg zum Kommunismus und das Leben in ihm mit perfekten Menschen und den allseits befriedigten Bed√ľrfnissen vorstellte.

Abb. 2: Brosch√ľre Wir wissen was morgen geschieht, herausgegeben vom Zentralen Wahlausschu√ü der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands zum F√ľnften Parteitag der SED 1958.

3. Etappen der Planungsgeschichte

Die Voraussetzungen f√ľr die Verwirklichung dieser Vision waren in Chemnitz wie in vielen anderen kriegszerst√∂rten Gro√üst√§dten des Landes "ideal". Das Stadtzentrum war auf 6 km2 durch den Bombenangriff im M√§rz 1945 fast komplett zerst√∂rt worden, der Zugriff auf den Boden und die Reste der alten Stadt war durch das Aufbaugesetz von 1950 gesichert, der eigenst√§ndige Wiederaufbau durch die Unterstellung der Stadtverwaltung unter Staat und Partei gestoppt und der subjektive Faktor der Architekten mit dem Erlass der 16 Grunds√§tze des St√§dtebaus und den Formalismuskampagnen von 1948/49 und 1951 eingehegt. [13] Nachdem mehrere Wettbewerbe zum Wiederaufbau des Stadtzentrums ergebnislos verliefen, geriet Chemnitz mit der Umbenennung in Karl-Marx-Stadt 1953 zu einem Zeitpunkt verst√§rkt in das Blickfeld der Politik, als im Gefolge des Stalinismus die historisierende Architektursprache der Nationalen Traditionen Hochkonjunktur hatte. Die Wettbewerber √ľberarbeiteten ihre Pl√§ne und antworteten 1956 auf den nun geforderten politischen Charakter der Stadt mit deren Grundelementen 'Zentraler Platz', 'Magistrale' und 'Kulturhochhaus'. Damit schufen sie ein neues Bedeutungssystem, das sich zun√§chst noch mit der lokalen Bautradition verband. So sollten sich die neuen Geb√§ude in ihrer Gestakt der noch vorhanden Vorkriegsbebauung anpassen, was aber weniger Vorliebe f√ľr das Lokale als Ausdruck der Sehnsucht nach Ewigkeit war. Nach sowjetischem Vorbild erkannte die politischen F√ľhrung in der fr√ľhen DDR in klassischen Formen die Widerspiegelung einer vollkommenen und ganzheitlichen Ordnung, die sich als "p√§dagogisches Instrument" [14] zur Bewusstseinsbildung der Bev√∂lkerung einsetzen lie√ü. Auch st√§dtebaulich waren diese Elemente noch dem Wiederaufbau der alten Marktpl√§tze untergeordnet und au√üerhalb des kleinen Innenstadtrings angeordnet. Dennoch bildeten sie eine untrennbare Einheit aus Wohnen, Einkaufen, k√ľnstlerischem Erlebnis und politischer Demonstration und schufen damit ein neues, harmonisches Bild der Stadt, das das alte Image des "S√§chsischen Manchesters" abgelegt und das Verlusterfahrung des Krieges hinter sich gelassen hatte. Nicht mehr der Ru√ü der Fabrikanlagen, sondern der Glanz der neuen Geb√§ude sollte das Bild von Karl-Marx-Stadt bestimmen. Und das neue Zentrum der sozialistischen Stadt sollte nicht l√§nger Ausdruck einer "Verschw√∂rung" des Kapitals gegen die Menschen sein, sondern als Festwiese f√ľr die nach der Arbeit freudig und optimistisch hineinstr√∂menden Massen dienen, auf der sie ihren Aufbauwillen zelebrieren und die Liebe zur Partei bekr√§ftigen konnten. Nichts erinnerte in den Pl√§nen mehr an die schmerzvolle Vergangenheit und selbst die tr√ľbe Gegenwart war bereits aus der Imagination des Realen getilgt. Die Planung inszenierte eine widerspruchsfreie Harmonie als Sinnstiftung in Zeiten innerer und √§u√üerer politischer Instabilit√§t, kaum bew√§ltigter Kriegstraumata und allt√§glicher Versorgungsprobleme - die Pl√§ne entwarfen die idyllische Staffage eines Operettenkommunismus. Die wenigen tats√§chlich errichteten Stra√üenz√ľge 'Reitbahnstra√üe' (1950-1956) und 'Innere Klosterstra√üe' (1953-1956) zeugen in ihrer klassizistischen und barocken Anlage von diesem Anspruch.

Abb. 3. Wiederaufbauplan 1956.

Abb. 4, 5. Reitbahnstraße, Innere Klosterstraße, Aufnahme von 2010.

Der St√§dtebautheoretiker Herbert Riecke erl√§uterte dieses Wunschbild der sozialistischen Stadt in der f√ľr die Zeit typischen pathetischen Sprache:

"Die edlen Wesensz√ľge des kommunistischen Menschen, die Lebensw√§rme, die Freude und Weltaufgeschlossenheit, die Liebe zum Sch√∂nen und die Kultiviertheit des Menschen der kommunistischen Epoche m√ľssen in der Architektur ihren Ausdruck finden. [...] Die hohe Aufgabe der Architektur ist es, durch ihre Sch√∂pfungen den Alltag der Werkt√§tigen zu veredeln und die kommunistische Erziehung f√ľr die h√∂chsten Ideale der Menschheit mit zu bewirken. Die sozialistische Kunst eilt der Gegenwart voraus. Sie zeigt mit ihren Mitteln die Entwicklungsperspektiven der von Ausbeutung befreiten Menschheit, sie ist bis ins letzte parteilich." [15]

Tats√§chlich ging es Architektur und St√§dtebau der fr√ľhen DDR vornehmlich um den Bau einer B√ľhnenkulisse mit stalinistisch-klassizistischer Fassade. Das Streben nach Harmonie schloss die M√∂glichkeit urbaner und gesellschaftlicher Ver√§nderungen aus. Gesucht und vermeintlich gefunden wurde eine Totall√∂sung, die Ausdruck des antizipierten zeitlosen Endzustandes nach Abschluss aller Klassenk√§mpfe und der Ewigkeit der neuen Gesellschaftsordnung sein sollte. Gerd de Bruyn hat derartige Kulissenarchitekturen mit Bezug auf Claude-Nicolas Ledoux als Ausdruck eines utopischen Denkens charakterisiert, in dem "alle gesellschaftliche Praxis in der Utopie einer befriedeten Welt mumifiziert ist." [16]

Dieses aus der Fr√ľhphase der DDR stammende Wunschbild eines sozialistisch-realistischen "Gesamtkunstwerkes" Karl-Marx-Stadt wurde in den Giftschrank verbannt, als die Industrielle Bauweise Ende der f√ľnfziger Jahre den Sieg auch in den Stadtzentren davontrug und die bisherige Stadtplanung pl√∂tzlich als "kleinlich" [17] galt: Die "Hauptaufgabe, die gesellschaftliche Idee von 'Karl-Marx-Stadt' auch st√§dtebaulich-k√ľnstlerisch zum Ausdruck zu bringen, war mit den bisherigen Konzeptionen nicht zu verwirklichen." [18] Mit dem F√ľhrungswechsel in der UdSSR von Stalin zu Chruschtschow hatten sich nicht nur die Ansichten √ľber die Bauweise und Stil im Sozialismus gewandelt, auch die Ideologie blieb nicht verschont. Die √Ėkonomie und nicht die Kunst sollte das neue Fundament des Sozialismus bilden und die Signale standen klar auf Fortschritt: Der Sputnik er√∂ffnete die Vision eines unaufhaltsamen H√∂henfluges auf Basis technischer Wunderwerke, die Kybernetik lie√ü die Gesellschaft als berechenbares System erscheinen: Der Weg zur Sozialistischen Lebensweise schien pl√∂tzlich √ľber Zahlen prognostizierbar. Hinfort mit der Tradition! Auf zur sozialistischen Menschengemeinschaft! Grundlage dieser Zukunftsvision war die Vorstellung von einem Menschen, der nicht l√§nger nur als Statist in der gro√üen Auff√ľhrung des Sozialismus auftreten, sondern ein handelndes Subjekt sein sollte, das in gro√üz√ľgigen Stadtr√§umen kommuniziert und den Fortschritt tats√§chlich lebt. Auch individuelles Vergn√ľgen war nun eine gute Sache und selbst Sexualit√§t durfte ein wenig freier ausgelebt werden, keinesfalls aber war der sozialistische Mensch egoistisch, prestiges√ľchtig und gleichg√ľltig gegen√ľber der Gemeinschaft. [19] Das Problem war allerdings: Dieser Mensch - selbstlos, aufopferungsvoll, geistig und k√∂rperlich nach H√∂herem strebend - existierte so nicht, sondern war als idealisiertes Hirngespinst der Parteif√ľhrung ein weiterer Zeitgeist-Aufguss auf den sozialistischen Heroenkult.

So sehr man sich in den sechziger Jahren in derartigen Idealbildern erging, so schnell stie√ü man in der Stadtplanung an ihre Grenzen, denn weder konnte wissenschaftlich begr√ľndet werden, wie Stadtplanung den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess tats√§chlich beeinflusst, noch existierte ein daf√ľr abgestimmtes Bildprogramm. Zu keiner Zeit konnte der Verdacht ausger√§umt werden, dass die alten ideologischen Formeln willk√ľrlich auf die neue sachliche √Ąsthetik der industriellen Bauweise √ľbertragen worden waren. Noch immer ging es f√ľr den St√§dtebau darum, Optimismus auszustrahlen, "von h√∂chster Aussagekraft zu sein" und "dem politischen Willen der Arbeiterklasse" [20] zu entsprechen. Infolge der beschriebenen konzeptionellen Wandlungen trat im Diskurs jedoch neben der politischen die soziale Funktion von Stadtplanung st√§rker in den Vordergrund. M√∂glichkeiten zur pers√∂nlichen Entfaltung, zur Kommunikation und zur Zerstreuung sollten die Errungenschaften des Sozialismus, die auf den H√§userfassaden in Wandbildern und Parolen bisher nur anschaulich gegenw√§rtig waren, nun auch im Alltag erlebbar machen. Die Zentrumsplanung der sechziger Jahre bestimmten Gr√ľnfl√§chen, Freizeiteinrichtungen und Bauten f√ľr die Wissenschaft.

Die ver√§nderten urbanistischen Anschauungen und politischer Druck f√ľhrten 1958 zur v√∂lligen Umarbeitung des Plans durch Georg Funk [21] und 1961 zu einem neuen Wettbewerb f√ľr die Gestaltung des "Zentralen Platzes". Die Leitgedanken "Gro√üz√ľgigkeit" und "Weitr√§umigkeit" - von der Architekturtheorie der DDR als die Wesensmerkmale der Sozialistischen Stadt √ľberh√∂ht - setzten dem behutsamen Umgang mit den Resten des alten Chemnitz nun ein Ende. Die neuen Stadtelemente sollten sich nicht l√§nger dem historischen Erbe unterordnen, sondern als Zeichen des Fortschritts die Stadt dominieren. Das f√ľhrte dazu, dass der daf√ľr zu kleine Altstadtring aufgebrochen und nach Norden ausgedehnt wurde, um Platz zu schaffen f√ľr weitl√§ufige Fu√üg√§ngerbereiche, neue Bibliothek, Schauspielhaus, Kino, Variet√©-Theater, Sportkomplex sowie f√ľr Hotels, Bars und Wohnbl√∂cke. Nicht l√§nger an dessen Rand, sondern als Mittelpunkt des Zentrums war der "Zentrale Platz" als Demonstrationsfl√§che geplant. Symbiotisch sollte so das "Alltagserlebniskonzept" mit den politischen Forderungen an die Stadtplanung verbunden werden. Der gro√üz√ľgige "neue Geist" [22] des Sozialismus fand in Karl-Marx-Stadt allerdings schlie√ülich doch keine Verwirklichung. Viele Ideen Funks und des Wettbewerbs fielen dem Rotstift zum Opfer. Sah der Siegerentwurf von 1961 noch 18 neu zu errichtende Geb√§ude bzw. Geb√§udegruppen f√ľr den "Zentralen Platz" und sein direktes Umfeld vor, reduzierte sich ihre Zahl im weiteren Verlauf der Planung in der zweiten H√§lfte der sechziger Jahre auf ein geschlossenes Ensemble von sechs Bauten, das sich gegen√ľber den k√ľmmerlichen Resten des alten Chemnitz schroff abgrenzte.

Abb. 6, 7. Grundkonzeption des Stadtzentrums 1958 von Georg Funk, Modell des Siegerentwurfs des Wettbewerbs zur Gestaltung des Zentralen Platzes 1961 vom Kollektiv Peter Andrä.

In der Planung blieben bis Anfang der siebziger Jahre nur die breiten Verkehrs- und Demonstrationsmagistralen, der riesige Aufmarschplatz sowie die angrenzenden Solit√§rbauten, die die Platzw√§nde definieren. Als Mittelpunkt der Stadt fand das neue Karl-Marx-Denkmal seinen Platz. Politische R√§ume, Bauten und Bildprogramme beherrschten damit das Zentrum der sozialistischen Industriestadt. In der st√§dtebaulichen Theorie kam diesen Elementen zwar l√§ngst keine dominante Bedeutung mehr zu, f√ľr die Neuplanung von Karl-Marx-Stadt fanden sie aber nichtsdestotrotz Ber√ľcksichtigung, da in den f√ľnfziger Jahren noch keines dieser Elemente gebaut worden war. Dies wurde nun nachgeholt. Den urspr√ľnglich vorgesehenen privaten Erlebnism√∂glichkeiten im Zentrum waren damit enge Grenzen gesetzt. Der √∂ffentliche Bereich blieb stark politisiert und bestimmt von ideologischen Klischees. M√∂glichkeiten zur privaten Freizeitgestaltung wurden in der Stadthalle konzentriert und hinter geschlossenen T√ľren abgeschirmt. Erst in der letzten Planungsphase gab man den zentralen Demonstrationsplatz zugunsten des Stadthallenparks auf, um den "feierliche[n] Charakter" [23] des Marx-Monumentes besser in Szene setzen zu k√∂nnen. Obwohl so die Alltagsfunktion doch noch ihren Niederschlag in der Planung fand, stand selbst bei dieser Entscheidung die politische Aussage des Ensembles im Vordergrund. Der Park blieb allerdings das einzige Zugest√§ndnis an die Bev√∂lkerung. Die Realisierung der Geb√§ude f√ľr die private Freizeitgestaltung - Kino, Schauspielhaus oder Sportkomplex - wurde hingegen immer wieder aufgeschoben und schlie√ülich ganz aufgegeben. Dennoch galt Karl-Marx-Stadt als "sozialistische Metropole [...], in der die Zukunft schon begonnen hat." [24]

Dies war mehr als nur eine dahingesagte Phrase. Das neue sozialistische Zentrum inszenierte eine Deutung der Geschichte, die aus Sicht der SED √ľber jeden Zweifel erhaben war. Da die sachlichen Architekturformen dies allein nicht mehr leisten konnten, √ľbernahmen Werke der bildenden Kunst und vorhandene Altbauten diese Aufgabe. Auf den Demonstrationsmagistralen Br√ľckenstra√üe und M√ľhlenstra√üe f√ľhrten sie dem Besucher konsequent das ideale Selbst- und Geschichtsbild der Partei vor Augen. Stadt und Individuum wurden als Teile einer revolution√§ren Geschichte gedeutet, die durch Klassenk√§mpfe bestimmt war. Ausdruck fand diese Deutung etwa im Fassadenrelief "Kampf und Sieg der revolution√§ren deutschen Arbeiterklasse" von Johann Belz, in der freistehenden Plastik "Lobgedichte" [25] von Joachim Jastram, Eberhard Ro√üdeutscher und Martin Wetzel oder im extra f√ľr eine Stra√üenverbreiterung versetzten Geburtshaus des Chemnitzer KPD-F√ľhrers Fritz Heckert. Selbst das Wahrzeichen des alten Chemnitz, der Rote Turm, war nun nicht l√§nger nur als Teil der alten Stadtbefestigung, sondern als das Gef√§ngnis von August Bebel historisch bedeutsam. [26] Das Andenken an die Biographien bedeutender Sozialisten oder Kommunisten und Werke der offiziellen Staatskunst wurden in dieser Inszenierung im Rahmen einer teleologischen Geschichtsdeutung auf das engste verkn√ľpft. Eine Ausnahme von diesem im Stadtzentrum verwirklichten Bildprogramm bildet allein die 'Stra√üe der Nationen', die Anfang der sechziger Jahre mit Wohnungen, Gesch√§ften, Wasserspielen und Blumenbeeten tats√§chlich im Sinne des neueren "Alltagserlebniskonzeptes" errichtet wurde.

Abb. 8, 9. Stadthalle mit Hotelhochhaus, Straße der Nationen, Aufnahme von 2010.

Abb. 10, 11. Fassadenrelief "Kampf und Sieg der revolutionären deutschen Arbeiterklasse", Ensemble "Lobgedichte" (Teilansicht), Aufnahme von 2010.

Abb. 12, 13. Fritz-Heckert-Geburtshaus, Roter Turm, Aufnahme von 2010.

Der bronzene Marxkopf - der Bildhauer Lew Kerbel verzichtete bewusst auf einen K√∂rper, um die dem Kopf entsprungene Idee zu symbolisieren [27] - ist das zentrale Element des Bildprogramms. Einem Siegesmal des Systems gleich thront Marx sieben Meter √ľber dem Platz; v√§terlich-mahnend, ja geradezu zornig formte Kerbel Marx' Gesichtsz√ľge. Geht von der kolossalen Skulptur allein schon eine autorit√§re Wirkung aus, steigerte sie ihre Inszenierung ins Sakrale. Marx wurde in "seiner" Stadt - die er weder besuchte, noch in seinen Werken erw√§hnte - wie ein "Religionsstifter" [28] in Szene gesetzt. Kerbels Monument l√∂st Marx durch die zeichenhafte Isolation seines √ľbergro√üen Hauptes aus Zeit und Raum heraus; es verabsolutiert und verewigt eine Idee. Die statische Inszenierung erzeugt eine Starre, die genau dem √ľberhistorischen Anspruch des DDR-St√§dtebaus entspricht. Hinter dem Monumentalkopf befand sich im Geb√§ude des Rates des Bezirkes zudem eine Gedenkst√§tte f√ľr Karl Marx, die mit ihrer Sammlung von Erinnerungsst√ľcken (insbesondere alter Ausgaben des "Kapitals") an eine Reliquiensammlung erinnerte. Ein unmittelbarer Bezug bestand au√üerdem zwischen der Marxplastik und der am Haus der Staatsorgane angebrachten Schrifttafel von Volker Baier und Heinz Schumann, die weithin sichtbar Marx' Aufruf "Proletarier aller L√§nder vereinigt euch!" verbreitet. Die Einheit von Monument, Schrifttafel und B√ľrohaus stellte eine unmittelbare Verbindung zwischen den Staatsorganen und den ideologischen Grundlagen der sozialistischen Gesellschaft her. Eine weitere Bedeutungsdimension kam dadurch hinzu, dass bei √∂ffentlichen Veranstaltungen direkt vor dem Denkmal die Trib√ľnen f√ľr SED-Funktion√§re aufgebaut wurden. Auf diese Weise konnten sie sich auf der Trib√ľne als legitime Gralsh√ľter der Marxschen Ideen stilisieren, w√§hrend die in Demonstrationsz√ľgen vorbeiziehenden bzw. stehenden Massen die Gr√∂√üe und Wahrheit der sozialistischen Idee "erleben" und ihrem geistigen Urvater ein Zeichen der Dankbarkeit und Selbstgewissheit vorf√ľhren konnten. Nutzung und Bildprogramm der Platzanlage sollten auf diese Weise erm√∂glichen, den gemeinsamen Willen immer wieder ritualisiert zu beschw√∂ren, sollten zur Bewusstseinsbildung der Bev√∂lkerung beitragen und eine ideologisch determinierte Zukunftserwartung verdeutlichen.

Der Anspruch der marxistisch-leninistischen Lehre ersch√∂pfte sich schlie√ülich nicht nur darin, den Sozialismus auf dem Staatsgebiet der DDR zu verwirklichen, sondern stellte eine Zukunft in Aussicht, in der sich die Gesellschaftsentwicklung hin zum Kommunismus mit Notwendigkeit einmal weltweit vollzogen haben w√ľrde. Im Bildprogramm des neuen Zentrums nahm das Marx-Monument gerade in dieser Hinsicht eine Scharnierfunktion ein. Der R√ľckbezug auf Marx legitimierte die auf den Magistralen in Bildern und Monumenten pr√§senten Bez√ľge zur Geschichte der Arbeiterbewegung als wissenschaftliche und alternativlose Stationen einer gesetzm√§√üigen historischen Entwicklung. Sie f√ľhrten vor, "wie der Marxismus auf deutschem Boden lebendige Wirklichkeit geworden ist." [29] Durch die Pr√§senz des Marx-Monumentes im Ensemble wurden auch vordergr√ľndig emanzipatorische Bildinhalte - so Horst Zickelbeins Wandbild "Die Befreiung der Wissenschaft durch die sozialistische Revolution" und Horst Cremers Plastik "Und sie bewegt sich doch! - Galilei" in der Stadthalle - in den historisch-materialistischen Deutungskontext einbezogen. Mit Ausnahme der Gedenkst√§tte sind alle diese Objekte bis heute unver√§ndert im Stadtbild zu finden.

Abb. 14, 15. Karl-Marx-Monument mit Schrifttafel, Aufnahme von 2010, Wandbild "Die Befreiung der Wissenschaft durch die sozialistische Revolution", Aufnahme von 2007.

In einer √§sthetisch gewandelten Form nimmt das Kunstkonzept des Zentrums den Wunsch nach st√§dtebaulicher Harmonie, der f√ľr die stalinistische Baukunst der fr√ľhen f√ľnfziger Jahre bestimmend war, wieder auf. Das k√ľnstlerische Programm vermittelt das Bild einer Gemeinschaft, die im Glauben an die "weltver√§ndernde Kraft des Marxismus-Leninismus" [30] vereint ist, durch ihn zu sich selbst gekommen und von allen Widerspr√ľchen befreit ist. So modern die √§u√üerlich formale Gestaltung dieses Bildprogramms in Abgrenzung zu den fr√ľheren stalinistisch-klassizistischen Projekten erscheint, so antiquiert und im Kern unver√§ndert ist das Rollenverst√§ndnis, das es seinen Besuchern aufzwingt. Die allgegenw√§rtige sozialistische Symbolik √ľberw√§ltigt den Betrachter, anstatt ihn wie urspr√ľnglich geplant zur Kommunikation anzuregen. Obwohl der zentrale Platz und sein Umfeld nur Fragment geblieben sind, sind sie deshalb eines der letzten st√§dtebaulichen Zeugnisse der DDR, bei dem die Pr√§missen des Sozialistischen Realismus konsequent zur Anwendung kamen. Die Bev√∂lkerung entzog sich diesen Vereinnahmungsversuchen, indem sie sich ironisch von den Parteibauten distanzierte und Bezeichnungen wie "Schnarchsilo" oder "Bettenbunker" f√ľr das Hotelhochhaus, "Parteifalte" f√ľr die SED-Bezirksleitung und das sprichw√∂rtliche "Nischel" (s√§chsisch f√ľr "Kopf") f√ľr das Marxmonument erfand.

 

4. "Man hat sich halt dran gew√∂hnt." [31] Diskussionen um den Platz nach 1990

Mit dem Zusammenbruch der DDR gerieten die architektonischen Manifeste des Sozialismus endg√ľltig in Widerspruch zu einer Bev√∂lkerung, die auf der Suche nach ihrer √ľber Jahrzehnte unterdr√ľckten Identit√§t war. Nicht nur der Name 'Karl-Marx-Stadt', auch ihr sozialistisches Zentrum wurden alsbald in Frage gestellt. Der Wunsch nach Selbstbestimmung, nach Einkaufs- und Flanierm√∂glichkeiten, nach Stadtr√§umen "voller Leben bei Tag und Nacht" [32] dominierte die Stadtplanung der neunziger Jahre. Chemnitz erhielt seinen alten Namen zur√ľck und entdeckte seine vernachl√§ssigte, perforierte Altstadt wieder. W√§hrend im historischen Zentrum Architekten wie Helmut Jahn und Hans Kollhoff versuchten, den neuentstehenden Konsumtempeln ein mehr oder weniger vielseitiges und interessantes Antlitz zu verleihen, geriet das Ensemble "Zentraler Platz" ins Abseits. Eine Verbindung des sozialistischen Zentrums mit der historischen Altstadt, wie sie der Siegerentwurf eines st√§dtebaulichen Ideenwettbewerbs von 1991 vorgeschlagen hatte, erfolgte nicht. Der Stadtrat beschloss im Jahr 1997 stattdessen, den Altstadtring des alten Chemnitz wiederherzustellen, den Georg Funk 1958 mit seinem Entwurf f√ľr die sozialistische Metropole aufgebrochen hatte. [33] Die Folge ist, dass die Stadt heute zwei Zentren besitzt, die r√§umlich und funktionell nicht harmonieren. Mit √ľberbreiten Dimensionen und leerstehenden Ladengesch√§ften geben der "Zentrale Platz" und die umgebenden Demonstrationsstra√üen ein trauriges Bild ab. Sie sind nur noch Durchgangsraum f√ľr den Autoverkehr und mit Ausnahme einiger Touristen und Skateboarder am Marxmonument praktisch menschenleer. Die Kunden ziehen die neugeschaffene Altstadt dem weitr√§umigen und zugigen sozialistischen Zentrum vor. Einzig der direkt an eine Einkaufsgalerie grenzende Stadthallenpark √ľbt bei gutem Wetter eine gewisse Anziehungskraft aus.

Die heutige Einstellung der Bev√∂lkerung zum Platz um das Marx-Monument ist widerspr√ľchlich. Einerseits nimmt sie kaum Notiz von ihm, andererseits ist sie √§u√üerst aufmerksam gegen√ľber allen Bestrebungen, das Platzgef√ľge zu ver√§ndern oder das Marx-Monument in seiner Totenruhe zu st√∂ren. Marx und sein bauliches Umfeld haben sich zu einem Politikum entwickelt. Erregte Diskussionen brandeten auf, als 2009 die Firma Ikea den Philosophen als Werbetr√§ger nutzen oder als die ortsans√§ssige Neue S√§chsische Galerie das Denkmal 2008 in einer Kunstaktion einhausen wollte. [34] Dabei waren Anfang der neunziger Jahre Stimmen, die f√ľr einen Abriss des Monuments pl√§dierten, keine Seltenheit und es entlud sich ein mediales Gewitter √ľber dem s√§chsischen Landeskonservator Gerhard Glaser, als er derartigen Pl√§nen mit der Entscheidung, das Monument, Fassadenrelief und die Terrasse unter Denkmalschutz zu stellen, [35] Einhalt gebot. [36]

Abb. 16. Das eingehauste Marxmonument 2008.

Mittlerweile sieht man vieles entspannter. Niemand st√∂rt sich mehr daran, dass das Marx-Denkmal nachts wieder mit Licht in Szene gesetzt wird, nachdem die daf√ľr installierte Beleuchtungsanlage nach der Wiedervereinigung zuerst f√ľr ein halbes Jahrzehnt ausgeschaltet worden war. [37] Debatten √ľber das F√ľr und Wider des Monuments, die immer wieder f√ľr kurze Zeit aufflammen, versanden schnell wieder in Desinteresse. Marx ist das "Maskottchen der Stadt" [38], ein Fixpunkt, der mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht, ein touristisches Highlight, doch der Monumentalkopf wie das gesamte Areal scheitern an ihrer fehlenden Alltagstauglichkeit, f√ľr die sie zwar nicht geplant waren, die sie aber unter Beweis stellen m√ľssen. Obwohl unter Fachleuten unstrittig ist, dass der Bereich des sozialistischen Zentrums einen ideellen und st√§dtebaulichen Bruch im Stadtgef√ľge markiert und ein Hindernis zwischen der Innenstadt und ihren gr√ľnderzeitlichen Erweiterungen im Norden darstellt, [39] geht man in der Stadt aber der Frage nach dem "Wie weiter?" konsequent aus dem Weg. Nat√ľrlich hat Chemnitz, wenn man an den Stadtumbau Ost und die noch immer nicht geschlossene Bebauung im Bereich der historischen Altstadt denkt, st√§dtebaulich dringendere Probleme, die die Aufmerksamkeit der Bev√∂lkerung und der Stadtverwaltung st√§rker auf sich ziehen, aber das Monument und sein Umfeld haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer "Heiligen Kuh" entwickelt, √ľber die man nicht debattiert. Ein Grund f√ľr fehlende Auseinandersetzung ist die kaum zu l√∂sende Schwierigkeit, einerseits respektvoll mit dem Erbe der sozialistischen Stadtplanung umzugehen und die Wirkung dieses einzigartigen Ensembles zu erhalten, es aber andererseits an neue Bed√ľrfnisse anzupassen. Die Einhausung des Karl-Marx-Monuments durch die Neue S√§chsische Galerie, die im Jahr 2008 zum Nachdenken √ľber dessen Zukunft anregen sollte, blieb folglich wirkungslos. [40]

Der fehlende √∂ffentliche Konsens √ľber den Umgang mit den Bauten der DDR ist umso problematischer, da im Jahr 2010 ohne begleitende √∂ffentliche Debatte im Wettbewerb "Justiz- und Beh√∂rdenzentrum Chemnitz Innenstadt" der Fahrplan f√ľr die baulichen Ma√ünahmen der kommenden Jahre festgelegt worden ist. Das Land Sachsen gestaltet im kommenden Jahrzehnt das Geb√§ude des ehemaligen Rates des Bezirkes und der SED-Bezirksleitung, die sogenannte "Parteifalte" samt dem vorgelagertem Marxmonument sowie den r√ľckseitig gelegenen Parkplatz des Ensembles zu einem neuen Beh√∂rdenzentrum um. Keiner der pr√§mierten Entw√ľrfe tastet die Platzfront an, sondern bel√§sst sie in ihrem musealen Charakter. Teilnehmer, die die √ľberlange Platzfront aufbrachen, begehbar machten oder sogar die ehrf√ľrchtige Erscheinung Marx' durch leichte Ver√§nderungen zu brechen versuchten, kamen nicht einmal in die engere Auswahl. [41] Das Wettbewerbsergebnis fand entsprechend keine besondere Aufmerksamkeit in der √Ėffentlichkeit. Alles beim Alten zu belassen ist nicht nur der g√ľnstigere, sondern auch der emotional einfachere Weg. Die Br√ľche durch die Planung des sozialistischen Chemnitz werden damit dauerhaft unaufgel√∂st bleiben. Ein Kommentar der Chemnitzer Freien Presse vom August 1994, der dem Denkmalschutz f√ľr das Karl-Marx-Monument gewidmet war, hat deshalb nichts von seiner Aktualit√§t verloren: "√úber den gro√üen Denkerkopf in der Br√ľckenstra√üe mag man denken was man will, feststeht, da√ü er fest steht, wohl f√ľr die Ewigkeit. Denn das Monument aus DDR-Zeiten wurde mit einer Entscheidung des Freistaats jetzt noch zementiert." [42]

 

ABBILDUNGSNACHWEIS

Abb. 1: Ulf Dahl / Matthias Zwarg (Hg.): Chemnitz aus der Luft. Mit einem Vorwort von Matthias Zwarg. Chemnitz 2007. S. 13, (c)Punkt 191.

Abb. 2: Zentraler Wahlausschuss der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands. Wir wissen was morgen geschieht. Berlin 1958.

Abb. 3, 6: Lothar Hahn: Gestaltung und Aufbau des Zentrums von Karl-Marx-Stadt. In: Deutsche Architektur 8 (1959), S. 239-246, S. 243f.

Abb. 4,5,8-14: Eigene Aufnahmen.

Abb. 7: Wettbewerb Zentraler Platz Karl-Marx-Stadt. In: Deutsche Architektur 10 (1961), S. 23-33, S. 25.

Abb. 15: Flickr.com (c) gravitat~on

Abb. 16: Flickr.com (c) Claus Wolf



[1] Vgl. G. Minerwin: "Die Leninsche Theorie der Widerspiegelung und die Fragen der Theorie des sozialistischen Realismus." In: Deutsche Architektur 2 (1953), S. 114-120.

[2] Heike Delitz: "Architektur als Medium des Sozialen. Ein Vorschlag zur Neubegr√ľndung der Architektursoziologie." In: Sociologica internationalis 43 (2005), 1-2, S. 1-25.

[3] Vgl. Simone Hain: "Zur historischen Bedeutung und planungstheoretischen Bewertung der 'Reise nach Moskau'." In: IRS (Hg.): Reise nach Moskau. Quellenedition zur neueren Planungsgeschichte. Berlin 1995, S. 7-11, S. 10.

[4] Kurt Hager: "Grundfragen des geistigen Lebens im Sozialismus, Teil II: Die DDR ist richtig programmiert. Beitrag auf der 10. Tagung des ZK der SED." Zitiert nach: Hermann Henselmann: "Zur Prognose des Städtebaus und der Architektur." In: Deutsche Architektur 19 (1970), S. 134-137, S. 134.

[5] Alfred Becker: "Zur Frage des Inhalts in Städtebau und Architektur." In: Deutsche Architektur 12 (1963), S. 660-665, S. 661.

[6] Edmund Collein: "√úber den Aufbau unserer Stadtzentren." In: Deutsche Architektur 11 (1962), S. 69-74, S. 70.

[7] Henselmann 1970 (vgl. Anm. 4), S. 134.

[8] Hermann Henselmann: "Wie wir heute bauen, werden wir morgen leben." In: Deutsche Architektur 11 (1962), S. 75ff., S. 75.

[9] Robert Havemann zitiert nach Heinz Brandt: Ein Traum, der nicht entf√ľhrbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West. M√ľnchen 1985, S. 291.

[10] Andreas Ludwig: "Menschenbilder: Der sozialistische Mensch. Zur Konstituierung eines Idealtypus am Beispiel der fr√ľhen Jahre Eisenh√ľttenstadts." In: Rosmanie de Haan (Hg.): Aufbau West, Aufbau Ost. Die Planst√§dte Wolfsburg und Eisenh√ľttenstadt in der Nachkriegszeit. Ostfildern-Ruit 1997, S. 323-331, S. 329.

[11] Institut f√ľr Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED: Mit dem Sozialismus gewachsen. 25 Jahre DDR. Berlin (Ost) 1974, S. 6.

[12] 1950 verordneten Moskauer Architekten und Stadtplaner ihren DDR-Kollegen die Abkehr von modernen Konzepten und die Hinwendung zu "nationalen" Stilen. Norddeutsche Backsteingotik, Berliner Klassizismus und Dresdner Barock bestimmten f√ľr die n√§chsten f√ľnf Jahre die Architektur.

[13] Neuere Forschungen belegen, dass es im Einzelfall durchaus M√∂glichkeiten f√ľr St√§dte und Architekten gab, Einfluss auf das Baugeschehen zu nehmen, vgl. etwa Christoph Bernhardt / Heinz Reif (Hg.): Sozialistische St√§dte zwischen Herrschaft und Selbstbehauptung. Kommunalpolitik, Stadtplanung und Alltag in der DDR. Stuttgart 2009. Wenn es wie hier um grunds√§tzliche Entscheidungen zu Zeiten einer intakten Bauideologie ging, setzte jedoch die "Architekturkontrolle" in Form des Beirates f√ľr Architektur und oft auch Walter Ulbricht pers√∂nlich die Parteiinteressen durch.

[14] Hans Georg Lippert: "Klassisches Erbe. Zum Begriff der Nationalen Traditionen in der fr√ľhen DDR." In: Kai Kraskopf / Hans Georg Lippert / Kerstin Zaschke (Hg.): Neue Traditionen. Konzepte einer antimodernen Moderne in Deutschland von 1920 bis 1960. Dresden 2009, S. 327-357, S. 328.

[15] Herbert Riecke: Mietskasernen im Kapitalismus - Wohnpaläste im Sozialismus. Die Entwicklung der Städte im modernen Kapitalismus und die Grundsätze des sozialistischen Städtebaus. Berlin (Ost) 1954, S. 36f. (Hervorhebung durch den Verfasser).

[16] Gerd de Bruyn: Die Diktatur der Philanthropen. Entwicklung der Stadtplanung aus dem utopischen Denken. Braunschweig, Wiesbaden 1996, S. 26.

[17] Collein 1962 (vgl. Anm. 6), S. 71.

[18] Lothar Hahn: "Gestaltung und Aufbau des Zentrums von Karl-Marx-Stadt." In: Deutsche Architektur 8 (1959), S. 239-246, S. 239.

[19] Autorenkollektiv: Lebensweise und Moral im Sozialismus. Berlin (Ost) 1974.

[20] Stadtarchiv Chemnitz, Rat der Stadt 1945-1990. Nr. 11086, Hotel Zentraler Platz. [1961], Bl. 12ff.

[21] Vgl. Georg Funk: "Die Neugestaltung des Altstadtkernes von Karl-Marx-Stadt (Entwicklungsstufen und Ordnungsprinzipien der Planung)." In: Zur Rekonstruktion von Stadtzentren. 1. Kolloquium f√ľr St√§dtebau an der Hochschule f√ľr Architektur und Bauwesen Weimar. Weimar 1960, S. 63-80, S. 64.

[22] Hahn 1959 (vgl. Anm. 18), S. 239.

[23] Stadtarchiv Chemnitz, Rat der Stadt 1945-1990. Nr. 21023, Wettbewerb Freiflächengestaltung Zentraler Platz Karl-Marx-Stadt. 02.04.1969, o. Bl.

[24] Hellmut Opitz / Hermann Heinz Wille: Karl-Marx-Stadt. Leipzig 1965, S. 20.

[25] Illustriert ist es mit Gedichten von Bertold Brecht, hierzu gehören das "Lob des Kommunismus", das "Lob der Partei", das "Lob der Revolutionäre", das "Lob der Dialektik" und das "Lob des Lernens".

[26] Vgl. Kurt M√ľller: "Der Aufbau von Karl-Marx-Stadt - ein Werk der Einheit der Arbeiterklasse". In: Deutsche Architektur 15 (1966), S. 200f., S. 200.

[27] Vgl. Interview mit Lew Kerbel. In: Freie Presse. 30.08.1971; vgl. ausf√ľhrlicher zur Planungsgeschichte und zur Inszenierung des Monuments Alice von Plato: "(K)ein Platz f√ľr Karl Marx. Die Geschichte eines Denkmals in Karl-Marx-Stadt." In: Adelheit von Saldern (Hg.): Inszenierte Einigkeit. Herrschaftsrepr√§sentation in DDR-St√§dten. Stuttgart 2003, S. 147-182.

[28] G√ľnter Schabowski: Abschied von der Utopie. Stuttgart 1994, S. 27.

[29] Erich Honecker: "Die Welt von heute atmet den Geist von Marx, Engels und Lenin. Ansprache des Ersten Sekret√§rs des ZK der SED, Genossen Erich Honecker, bei der Enth√ľllung des Karl-Marx-Denkmals am 9. Oktober 1971 in Karl-Marx-Stadt." In: Freie Presse, 11.10.1971.

[30] Stadtarchiv Chemnitz, Rat der Stadt 1945-1990. Nr. 21023, Wettbewerb Freiflächengestaltung Zentraler Platz Karl-Marx-Stadt. 02.04.1969, o. Bl.

[31] So eine B√ľrgermeinung in: DDR-Architektur ist ein St√ľck Stadtgeschichte. In: Freie Presse, 30.08.1994.

[32] "Sch√∂ne Maske f√ľr das Gesicht von Chemnitz." In: Freie Presse, 12.10.1995.

[33] Vgl. Harald Bodenschatz: "Das Ringen um das verlorene Zentrum." In: Stadt-Bauwelt 87 (1996), S. 708-713, S. 709f.; der Gewinner des Ideenwettbewerbs von 1991, der die City bis zum Schillerplatz entwickeln, Altstadt und Br√ľhlviertel wieder verdichten und in diese Strukturen den zentralen Platz integrieren wollte, ist abgedruckt bei Wolfgang Seidel: Innenstadt Chemnitz: Shopping-Mall oder Stadt-Rekonstruktion. In: ebd., S. 714-718, S. 715. Vgl. auch Udo Lindner (Hg.): Chemnitz, Karl-Marx-Stadt und zur√ľck. Chemnitz 2001, S. 162ff.

[34] Vgl. Grit Baldauf: Marx schm√∂kert im Ikea-Katalog. In: http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/REGIONALES/1611443.php (16.02.2011); "Nischl" spaltet die Chemnitzer Gem√ľter. In: http://www.sachsen-fernsehen.de/default.aspx?showNews=263185&ID=1095 (16.02.2011).

[35] Urspr√ľnglich war geplant, auch die Platzrandbebauung, Stadthalle und Hotelhochhaus unter Schutz zu stellen. Hiergegen erhob die Stadtverwaltung erfolgreich Einspruch. Interview mit Thomas Morgenstern (Leiter Untere Denkmalschutzbeh√∂rde Chemnitz), 11.03.2010.

[36] Der Abriss des Denkmals sei ein "Angriff auf den gesellschaftlichen Besitz an Erinnerungsmaterial", der "abgewehrt werden mu√ü", Hans-Ernst Mittig: "Politische Denkm√§ler und Kunst am Bau." In: Verfallen und vergessen oder aufgehoben und gesch√ľtzt? Architektur und St√§dtebau der DDR - Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung. Dokumentation der Tagung des Deutschen Nationalkomitees f√ľr Denkmalschutz am 15./16. Mai 1995 in Berlin. Berlin 1995, S. 23-32, S. 29.

[37] Vgl. zur Kritik: "Beleuchteter 'Nischel' liegt vorerst auf Eis." In: Freie Presse, 20.03.1996.

[38] Interview mit Mathias Lindner (Direktor Neue Sächsische Galerie), 02.03.2010.

[39] Diese Meinung teilten nicht nur die Interviewpartner, sondern auch das prominent besetzte Symposium "Utopolis - Wunschfabrik Stadt", das im Juni 2008 begleitend zur Einhausung des Monuments die Perspektiven des Platzes diskutieren wollte, aber konkrete Antworten schuldig blieb.

[40] Interview mit Mathias Lindner, 02.03.2010.

[41] Eine Analyse der Siegerentw√ľrfe findet sich im Blog des Autors, http://chemnitzgebloggt.wordpress.com/2010/03/20/stadtebaulicher-ideenwettbewerb-justiz-und-behordenzentrum-chemnitz-innenstadt-2/ (15.02.2011). Auch glich die Ausstellung des Wettbewerbs eher einer Pr√§sentation, als dass sie M√∂glichkeiten zur Debatte bot.

[42] Innenstadt als DDR-Museum? In: Freie Presse, 27./28.08.1994.

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erstellt von Toni Jost zuletzt verändert: 19.11.2019 09:29
Mitwirkende: Jost, Toni
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