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Landschaft der Differenz

  1. Dipl.-Ing. Architekt, MAS Landschaftsarchitektur ETHZ Thomas Kn√ľvener RWTH Aachen

Zusammenfassung

Der Abbau der Braunkohle im Rheinischen Revier als jahrzehntelanger Landschaftsbaustelle wirft die Frage nach dem Danach auf. Der breiten √Ėffentlichkeit ist das Thema Braunkohletagebau als Aushandeln zwischen Energieversorgungssicherheit und Landschaftseingriff wohlbekannt, wobei die Umweltbelastungen und die soziale H√§rte f√ľr die von der Umsiedlung betroffenen Bewohner nicht von der Hand zuweisen sind. Diese Aspekte sind bereits Gegenstand ausf√ľhrlicher Untersuchungen und Ver√∂ffentlichung sowie Teil der Braunkohlenplanung und sollen hier nicht weiter behandelt werden. Schwerpunkt ist die Frage nach der Gestaltung und dem Erscheinungsbild der Landschaft. Die dem Abbau folgende Rekultivierung braucht ein Leitbild, bisher ist es eine Kopie der vorher unversehrten, inzwischen aber historischen Landschaft. Warum kann jedoch der jetzige Zustand mit seiner besonderen Topografie nicht Ausgangspunkt der planerischen √úberlegungen sein?

Keywords

Thomas Kn√ľvener (Aachen)

Landschaft der Differenz

urn:nbn:de:0009-21-18584

 

Der Abbau der Braunkohle im Rheinischen Revier als jahrzehntelanger Landschaftsbaustelle wirft die Frage nach dem Danach auf. Der breiten √Ėffentlichkeit ist das Thema Braunkohletagebau als Aushandeln zwischen Energieversorgungssicherheit und Landschaftseingriff wohlbekannt, wobei die Umweltbelastungen und die soziale H√§rte f√ľr die von der Umsiedlung betroffenen Bewohner nicht von der Hand zuweisen sind. Diese Aspekte sind bereits Gegenstand ausf√ľhrlicher Untersuchungen und Ver√∂ffentlichung sowie Teil der Braunkohlenplanung und sollen hier nicht weiter behandelt werden. Schwerpunkt ist die Frage nach der Gestaltung und dem Erscheinungsbild der Landschaft. Die dem Abbau folgende Rekultivierung braucht ein Leitbild, bisher ist es eine Kopie der vorher unversehrten, inzwischen aber historischen Landschaft. Warum kann jedoch der jetzige Zustand mit seiner besonderen Topografie nicht Ausgangspunkt der planerischen √úberlegungen sein?

Braunkohlentagebau in der Kulturlandschaft (Foto: Ralf Schuhmann).

Status quo

Die drei heute aktiven Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden liegen in der Gro√ülandschaft B√∂rde-Ville im St√§dtedreieck Aachen - M√∂nchengladbach - K√∂ln. Weite Bereiche dieser topografisch wenig bewegten Gegend sind durch besonders fruchtbare L√∂sslehmb√∂den gekennzeichnet und daher intensiv landwirtschaftlich genutzt. Die Folge ist eine ausger√§umte Landschaft mit nur noch wenig Waldbestand. Gerd Schulte spricht treffend von fl√§chigen Bildern [1] und beschreibt damit den √§sthetischen Eindruck der offenen Felder, die sich nur vereinzelt unterbrochen bis zum Horizont dehnen. Gleichm√§√üige ackerbauliche Landnutzung mit netzartig verteilten H√∂fen und kleinen D√∂rfern best√§rken diesen Eindruck. Unter dem Einfluss der umliegenden Gro√üst√§dte haben sich, wie anderenorts auch, die √ľblichen Gewerbeansiedlungen, Pendlerst√§dte und begleitende Infrastrukturen herausgebildet und den lange Zeit eindeutig l√§ndlichen Charakter bereits gewandelt.

Entscheidend f√ľr die r√§umliche Entwicklung und das Erscheinungsbild ist das Vorkommen der Braunkohle. Entstanden ist diese vor bis zu 65 Millionen Jahren durch die Carbonisierung von Pflanzenmaterial, wobei Braunkohle im Vergleich zur Steinkohle ein relativ junges Produkt ist und vergleichsweise nah an der Erdoberfl√§che liegt. [2] Dadurch wird der Abbau im Tagebauverfahren erst m√∂glich. Die Lagerst√§tte im Rheinischen Revier besitzen eine gewaltige Ausdehnung: "Im S√ľden ist sie ca. 25, im Norden ca. 35 km breit und hat eine von S√ľdosten nach Nordwesten verlaufende Ausdehnung von ca. 70 km. Die Gesamtfl√§che betr√§gt damit ca. 2500 km2." [3] Die Ausbeutung der Braunkohle zu Heizzwecken begann bereits im 17. Jahrhundert und fand in kleinen, offenen Gruben statt. Bis ins sp√§te 19. Jahrhundert war die Steinkohle aus dem nahen Ruhrgebiet eine √ľberm√§chtige Konkurrenz, erst die voranschreitende Industrialisierung mit immer gr√∂√üeren Maschinen und einem h√∂heren Grad der Automatisierung gab dem Rheinischen Braunkohlerevier Auftrieb. 1892 wurde das erste Kraftwerk (Frechen, Grube Herbertskaul) zur Braunkohleverstromung in Betrieb genommen und seitdem stieg der Anteil der zur Elektrizit√§tserzeugung verwendeten Kohle kontinuierlich bis heute auf ca. 90 % an. Die Kraftwerke wurden ein weiteres besonderes Merkmal der Energielandschaft und deren pr√§gende Vertikalen. [4] Zu Beginn der F√∂rdert√§tigkeit gab es eine gro√üe Anzahl kleiner Gruben an mehreren Standorten. Die √ľber Tage stattfindende Kohlegewinnung vereinfachte den Abbau, da keine umfassende Aufzugstechnik zum Hochtransport und Bewetterungsanlagen zur Klimatisierung eingesetzt werden musste. Die offenen Tagebaul√∂cher wurden Teil des Landschaftsbildes. Zu Beginn wurden die Gruben von einer Vielzahl unterschiedlicher Bergbauunternehmen betrieben. In der Folge fand jedoch ein Konzentrationsprozess statt, der 1959 mit der √úbernahme der Braunkohle-Industrie-Aktien-Gesellschaft BIAG durch die damalige Rheinbraun AG zum Abschluss kam. Heute firmieren alle T√§tigkeiten im Rheinischen Braunkohlerevier unter RWE Power. [5] Damit einher ging die technische Entwicklung der F√∂rderung, die anfangs per Hand erfolgte und erst um 1900 in gr√∂√üerem Umfang mechanisiert wurde. Ab den 1950er Jahren wurden dann die bis heute eingesetzten Gro√üger√§te entwickelt, die das Erscheinungsbild der Tagebaue pr√§gen: In den drei heutigen Tagebauen werden Schaufelradbagger eingesetzt, die als die gr√∂√üten beweglichen Fahrzeuge der Welt gelten und eine F√∂rderleistung von maximal 240000t/Tag haben. [6] Anders als die Kohlefl√∂ze, die bis in die 1950er Jahre ausgebeutet wurden und nur einige Meter unter der Erdoberfl√§che lagen, sind die Vorkommen der aktiven Tagebaue einige hundert Meter unter der Erdoberfl√§che. Daher muss eine bedeutend umfangreichere Menge Abraum bewegt werden, um an die Braunkohle zu gelangen. Die gr√∂√üere Tiefe und der h√∂here Aufwand wiederum f√ľhren zu gr√∂√üerer Ausdehnung, um die Ausbeutung rentabel zu machen. Hambach umfasst eine genehmigte Abbaufl√§che von 85 km2 und ist der gr√∂√üte Tagebau Deutschlands. [7] Die Sohle befindet sich auf 293 m unter NN, d.h. ca. 400 m unter dem umgebenden Gel√§ndeniveau; damit ist der Tagebau Hambach das momentan tiefste Loch Europas. [8] Der menschliche Eingriff in die Umwelt ist hier st√§rker pr√§sent als wie an kaum einem anderen Ort.

L√§rmschutzw√§nde mit Berieselungsanlagen sollen die anliegenden Siedlungen vor Emissionen sch√ľtzen (Foto: Th. Kn√ľvener).

Die gro√üfl√§chigen Tagebaue √§ndern die Verkehrsf√ľhrung (Foto: Ralf Schuhmann).

Die Bagger auf der obersten Sohle erscheinen im landwirtschaftlichen Landschaftsbild (Foto: Th. Kn√ľvener).

Reisebericht

Kennzeichnend f√ľr die Gegend sind f√ľnf Kraftwerke, die durch ihre Gr√∂√üe bis weit in die Ferne wahrnehmbar sind. Die Komplexe aus K√ľhlt√ľrmen, Kaminen und den Kraftwerksbl√∂cken bieten aus allen Richtungen einen Orientierungspunkt. √úber die Autobahn kommend geleiten diese Vertikalen den Reisenden. Die Landschaft erweist sich als nicht besonders einpr√§gsam, eher wie eine typische Randzone eines Ballungsraumes. Auff√§llig mag die erh√∂hte Anzahl von Hochspannungsmasten und √úberlandleitungen sein. Die Tagebaue selbst sind naturgem√§√ü nicht zu erkennen - erst die Ann√§herung an eines der L√∂cher macht die Reise ungew√∂hnlich. Umleitungen und Umfahrungen h√§ufen sich und das Stra√üenschild Werkstra√üe markiert viele Abzweigungen von der Hauptstra√üe. Die Orientierung ist merklich schwieriger in dieser Zone, die sich dann als das unmittelbare Umfeld eines Abbaugebiets herausstellt. Die Tagebaue sind meist verborgen hinter bepflanzten W√§llen, die Sicht- und Ger√§uschschutz bieten sollen und als allgegenw√§rtiges Begleitgr√ľn in Erscheinung treten. Die daraus emporwachsenden Sprinkleranlagen zur Staubbek√§mpfung sind unbewusste Wegmarkierung zu einem der wenigen Aussichtspunkte.

Das Panorama dort ist dramatisch, viele Kilometer weit. Mehrere hundert Meter geht es nach unten, wirklich absch√§tzbar sind die Dimensionen nicht. Es bietet sich ein Anblick, der vielleicht einem fremden Planeten √§hnelt: Keine Vegetation, nur Sand und lockeres Gestein in einem Farbspektrum von hellgelb √ľber orange zu dunkelbraun. Leicht erkennbar ist die Terrassenstruktur des Tagebaus, die sich gleichm√§√üig in die Tiefe stuft und ganz unten besonders dunkle Schichten erschlie√üt: die Braunkohlefl√∂ze. Aus dieser Distanz ist der Bodenschatz kaum zu erkennen. Klein erscheinen im Vergleich zur Umgebung die riesigen Ger√§tschaften. Die Bagger arbeiten sich mit stetiger Bewegung durch den Boden, langsam dreht sich das Schaufelrad, die einzig wahrnehmbare Bewegung aus der Ferne. Wie an einer Leine h√§ngt die Maschine an den Bandtrassen, die den Abraum und die Kohle transportieren. Kilometerweit sieht man diese F√∂rderb√§nder und irgendwo in der Ferne laufen alle zusammen, um die gewonnenen Rohstoffe im Kohlebunker abzuliefern oder den Abraum zur gegen√ľberliegenden Seite der Grube zu bringen. Dort findet durch die Absetzer, wiederum riesenhafte Ger√§te, die Verkippung statt. In hohem Bogen f√§llt das Gestein von dem weit auskragenden F√∂rderband und bildet einzelne Kegel, die charakteristisch den Schwenkradius der Maschine nachzeichnen. Jetzt ist der Unterschied der beiden Seiten – Abbau und Verkippung – deutlich: Auf der einen die klare √úbereinanderlagerung einzelner Schichten, angebissen durch das kreisrunde Schaufelrad, auf der anderen Seite die weiche Struktur der Kegel. Allenfalls sind noch einzelne kleine Fahrzeuge zu sehen, die um die √ľber zweihundert Meter langen Gro√üger√§te fahren - Menschen sind nicht mehr zu erkennen. Der Blick in den Tagebau hat durchaus etwas gemein mit dem Blick in ein Gebirgstal, Erhabenheit erfasst den Betrachter. Doch anders als in den Bergen entbehrt diese Landschaft einer Ma√üst√§blichkeit - kein Baum, kein Haus, kein gewohntes Element, das einem Gr√∂√üenvergleich dienen kann. Die Entfernungen sind nicht wirklich einzusch√§tzen und die gewusste Tiefe erscheint pl√∂tzlich greifbar nah.

Gegen√ľber dieser einzigartigen und geradezu k√∂rperlichen Erfahrung nimmt sich die Erscheinung der Aussichtspunkte an der Tagebaukante trivial aus: Eine Asphaltfl√§che mit einer Informationstafel, kaum eine Sitzgelegenheit, keine bewusste Gestaltung. Leicht kann man sagen, dass der Tagebau ja nur vor√ľbergehend da ist, wie eine gro√üe Baustelle - jedoch wird Hambach noch bis 2045 betrieben. [9] So bleibt das Potential dieser eindr√ľcklichen Orte ungenutzt, die beschriebene Erfahrung wird nicht unterst√ľtzt, die geradezu touristischen M√∂glichkeiten nicht gef√∂rdert.

Die abbauseitige Kante mit Baggerspuren (Foto: Th. Kn√ľvener).

Knickpunkt der Bandanlage auf der ersten Sohle (Foto: Th. Kn√ľvener).

Wiedernutzbarmachung

Augenscheinlich ist diese Landnutzung mit der Tilgung von allem Vorhergehenden verbunden. Felder, Wiesen, W√§lder, Stra√üen, Bahnlinien, Autobahnen und nicht zuletzt H√§user, G√§rten, ganze D√∂rfer verschwinden vollst√§ndig und unwiederbringlich. Alle Spuren, bis in arch√§ologische Tiefe, werden beseitigt. Der Braunkohleabbau formt eine Fl√§che derart um, dass keine andere Nutzung unmittelbar darauf folgen kann. Der Gesetzgeber verpflichtet den Bergbautreibenden bereits in der Planungsphase eines Abbauvorhabens, die Nachsorge mit einzubeziehen. Der Terminus Wiedernutzbarmachung, den das Bundesberggesetz verwendet, [10] um die vom Tagebau aufgebrauchten Fl√§chen erneut einer Nutzung zuf√ľhren zu k√∂nnen, weist bereits auf eine funktionalistische Sichtweise hin. Im Braunkohlenplan werden daher bereits vor Beginn des Abbaus Ma√ünahmen festgelegt, wie die in Anspruch genommen Fl√§chen wieder genutzt werden k√∂nnen. Diese orientieren sich paradigmatisch an den vor dem Abbau existierenden Gegebenheiten. F√ľr die Landnutzung bedeutet dies, dass Landwirtschaft bzw. Forstwirtschaft einen √ľberwiegenden Teil der Fl√§che belegen wird. Doch kann naturgem√§√ü das Zuvor nicht Danach reproduziert werden. Bereits das fehlende Volumen der abgebauten Kohle, der in andere, √§ltere Tagebaue verbrachte Abraum und die bei Inbetriebnahme angelegte Au√üenkippe f√ľhren zu einem Restloch und damit zu einer umfangreichen √Ąnderung des sp√§ter m√∂glichen Erscheinungsbildes gegen√ľber vorher. [11] Die Wiedernutzbarmachung besch√§ftigt sich vorrangig mit Problemen der Verkippung und der Bodenfruchtbarkeit, des weiteren mit der Fl√§chenbereitstellung und –beschaffenheit und mit der Einf√ľhrung naturnaher Landschaftsbestandteile, die aus √∂kologischen Gr√ľnden in die Nutzfl√§chen eingegliedert werden. Ergebnis ist eine Landschaft, die der abgebaggerten nahe kommen soll und in die umliegenden gebliebenen Landschaft nahezu unmerklich √ľbergeht, so dass nur der Wissende sie identifizieren kann. Die wirtschaftlich - technische Sichtweise der "Wiedernutzbarmachung" greift zu kurz, denn "Der Wunsch, die vergangene Landschaft in der neuen wiedererstehen zu lassen, ist unerf√ľllbar." [12]

Mehrere Bagger arbeiten gleichzeitig auf verschiedenen Sohlen; auf Grund der Gr√∂√üe entsteht im Tagebau ein eigenes Mikroklima (Foto: Th. Kn√ľvener).

Absetzer verkippen den Abraum (Foto: Ralf Schuhmann).

Leitbild

Die Frage stellt sich, warum als Vorbild f√ľr die Landschaft nach dem Abbau die Landschaft vor Beginn des Tagebaus dient und nicht der Zustand des Tagebaus selbst. Eine schnelle Erkl√§rung ist sicherlich, dass der Tagebau an sich gesellschaftlich nicht unumstritten ist und dagegen die Landschaft zuvor als naturgegeben angenommen wird. Da jedoch weder die urspr√ľngliche Landschaft reproduziert werden kann, noch die Voraussetzung insbesondere f√ľr eine landwirtschaftliche Nutzung auf Grund der geringeren Bodenfruchtbarkeit optimal sind, m√ľssen Alternativen angedacht werden. Diese k√∂nnen in der h√∂chst beeindruckenden Topografie der Tagebaulandschaft selbst bestehen. Gerade die Differenz zur Umgebung der flachen, einheitlich strukturierten Landschaft der fl√§chigen Bilder ist das Potential der Nachfolgelandschaft.

Aus einem besonderen landschaftlichen Reiz k√∂nnten sich alternative Folgenutzungen entwickeln: Orte dieser Art ziehen Menschen in ihrer Freizeit an. Zur Entspannung und aus dem Bed√ľrfnis nach Abwechselung h√§lt man sich in ungew√∂hnlichen, sch√∂nen und beeindruckenden Gegenden auf. Der Reiz besteht darin, in der Freizeit zu reisen, um f√ľr eine begrenzte Zeit eine fremde Umgebung zu erleben und andere M√∂glichkeiten und Freiheiten zu haben. "Der Bedarf nach Au√üerallt√§glichkeit und Differenz ist (...) konstitutiv f√ľr den Tourismus." [13] Gleichzeitig aber ist es jederzeit m√∂glich, wieder in die gewohnten Verh√§ltnisse zur√ľckkehren zu k√∂nnen. Die andere Welt der Tagebaue, respektive ihre Folgelandschaft, ist einerseits an sich von ungew√∂hnlichem landschaftlichem Reiz, andererseits sind in dieser Umgebung Einrichtungen und Aktivit√§ten m√∂glich, die in der bestehenden Umwelt unm√∂glich w√§ren. Nutzungen mit unter √ľblichen Umst√§nden nicht zu tolerierenden Belastungen, enorme Ausdehnung oder spezielle H√∂hengestaltung k√∂nnten hier realisiert werden. Das Rheinische Revier liegt in unmittelbarer N√§he zu einem der am dichtesten besiedelten Ballungsr√§ume Europas und bietet damit die Grundlage, zu einem Naherholungsgebiet der besonderen Art zu werden. Das Gebiet wird durchzogen von mehreren Autobahnen und Bahnlinien, [14] durch die eine gute Erreichbarkeit gesichert ist. Diese Kombination aus Zug√§nglichkeit und Andersartigkeit ist das, was den Charakter touristischer Destinationen ausmacht.

Die Landschaft √§hnlich wie zuvor herstellen zu wollen, verschenkt das Potential, das diese Landschaft erst durch den Braunkohletagebau gewonnen hat. Die durch enormen Technikeinsatz geschaffen Differenzen in der Landschaft k√∂nnen weiterhin kultiviert werden, w√§hrend die notwendige und gesetzlich gesicherte Rekultivierung die M√∂glichkeit bietet, neue und passgenaue Landschaftstypologien f√ľr zuk√ľnftige Nutzungen zu entwerfen. Eine bewusste Gestaltung dieser in besonderer Weise menschlich √ľberformten Landschaft, welche die vor Ort entwickelten Technologien einsetzt und in dem Ma√üstab der Tagebaue agiert, birgt eine nirgends sonst vorhandene Chance. Eine Landschaft der Produktion wird zu einer Freizeitlandschaft, die das Rheinische Revier als Landschaftseinheit pr√§gen k√∂nnte. "Es geht um nicht weniger als um die Entwicklung einer Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts, mit der vorbildhaft gezeigt werden kann, wie aus den gro√üindustriellen Eingriffen des Tagebaus am Ende eine Landschaft entsteht, die – paradoxerweise – reichhaltiger und wertvoller als die vorherige Kulturlandschaft ist." [15] Und schon im Vorfeld, da der Tagebau Hambach erst in voraussichtlich 40 Jahren ausgekohlt sein wird, bietet sich die Chance, Hambach als Destination zu etablieren: Die Maschinerie des Abbaus, Transportes und Verarbeitung ist ein Spektakel und kann, richtig in Szene gesetzt, spielend den Zeitraum bis zur sp√§teren Freizeitnutzung √ľberbr√ľcken.

Tagebau als Ereignis bei Nacht (Foto: Th. Kn√ľvener).



[1] Gerd Schulte: Die Landschaften der Regionale 2010 - Basisgutachten zum Masterplan (3. Entwurf). 2005. S. 24.

[2] Gerhard Gross: "Die Braunkohle der Niederrheinischen Bucht". In: Ruhrlandmuseum Essen (Hg.). Zeitraum Braunkohle. Essen 1993. S. 57ff.

[3] Manfred Knauff: "Braunkohlenplanung". In: Wolfram Pflug (Hg.). Braunkohletagebau und Rekultivierung. Berlin, Heidelberg 1998. S. 19.

[4] Die K√ľhlt√ľrme und Brennkesseleinhausungen √ľbertreffen die H√∂he des K√∂lner Doms (157 m).

[5] RWE Power AG (Hg.): RWE Power im rheinischen Braunkohlerevier. Informationsbrosch√ľre 2006.

[6] Zum Vergleich: der Bergbau des Ruhrgebiets und des Saarlandes fördert am Tag ca. 68.000t.

[7] Zum Vergleich: die Stadt Aachen bedeckt eine Fläche von 160km2.

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Tagebau_Hambach (Zugriff 23.12.2006).

[9] Erinnert sein an die Infobox am Potsdamer Platz und die begleitenden Veranstaltung "Schaustelle", die dieses Millionenprojekt bis zur Fertigstellung begleitet haben.

[10] §4 Abs. 4 BbergG.

[11] Im Umfeld von Br√ľhl ist hierdurch bereits eine kleine Seenlandschaft entstanden.

[12] Wolfram Pflug: "Naturraum und Landschaft vor und nach dem Abbau der Braunkohle, dargestellt am Tagebau Hambach in der Niederrheinischen Bucht". In: Wolfram Pflug (Hg.). Braunkohletagebau und Rekultivierung. Berlin, Heidelberg 1998. S. 99.

[13] Michael Zinganel: "Alpine Erlebnislandschaften". In: Architekturzentrum Wien (Hg.). Architekturen der Freizeit. Wien 2005. S. 95. Hintergrund 28.

[14] Der Bahnhof J√ľchen liegt nur 100m von Garzweiler II entfernt. Er ist durch eine direkte Zugverbindung in einer halben Stunde von K√∂ln bzw. in 45 Minuten vom Flughafen K√∂ln - Bonn zu erreichen.

[15] Gerhard Curdes: "Eine Parklandschaft des 21. Jahrhunderts zwischen K√∂ln, Aachen und M√∂nchengladbach: Traum oder Chance?". In: Deutsche Akademie f√ľr St√§dtebau und Landesplanung (Hg.): Neue Landschaften – Zum zuk√ľnftigen Umgang mit Freiraum, Vorbereitende Beitr√§ge zur Jahrestagung 2004 in M√ľnster. S.8.

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erstellt von Thomas Kn√ľvener zuletzt ver√§ndert: 19.11.2019 08:30
Mitwirkende: Kn√ľvener, Thomas
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