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Editorial Raubkopie

zwischen dem Zwang zum ewig "Neuen" und der Sehn-sucht nach dem "Bewährten"

  1. Dipl.-Ing. Daniel Buggert Lehrstuhl f√ľr Baugeschichte; RWTH Aachen

Zusammenfassung

Einleitung in das *archimaera*-Heft "Raubkopie". April 2009.

Keywords

 

Zitieren stellt seit jeher eine grundlegende Methode des k√ľnstlerischen Arbeitens dar. Es ist die M√∂glichkeit der kritischen, persiflierenden oder einfach nur bewundernden Bezugnahme auf zuvor Geschaffenes, auf den Schatz unserer kulturellen Identit√§t. Dies setzt gleichwohl das Vorhandensein eines allgemeing√ľltigen Repertoires voraus, da ein Zitat nur dann Sinn hat, wenn es auch als solches erkennbar bleibt. Dem Repertoire verpflichtet, war bis zur Moderne so gut wie jede k√ľnstlerische Ausbildung gepr√§gt durch das Studium bekannter Vorbilder und das Anfertigen tats√§chlicher Kopien.

Mit der Entwicklung digitaler Medien ist die beliebige Vervielf√§ltigung jeglicher Form von Daten ohne einen Qualit√§tsverlust m√∂glich geworden. Die Film- und Musikbranche benennt die gro√üe Verbreitung von Raubkopien via Internet als gro√üen wirtschaftlichen Schaden und stilisiert sie zur Bedrohung der eigenen Branche. Dem stehen gleichzeitig ungeahnte technische M√∂glichkeiten in der Produktion von Musik, Bildern etc. gegen√ľber. Eine nahezu professionelle Qualit√§t ist mit mittelgro√üem Aufwand auch im heimischen Wohnzimmer m√∂glich, wodurch eine Unmenge an Datenmaterial in verschiedensten Foren zur Verf√ľgung steht. In der unfassbaren F√ľlle von verhei√üungsvollen Bildern, Filmschnipseln, Kl√§ngen und technischen M√∂glichkeiten stecken alle Sehns√ľchte, Hoffnungen und Tr√§ume unserer Gesellschaft . Zugleich beinhalten sie aber auch die Beliebigkeit, √úbers√§ttigung und √úberforderung in der Suche nach Erf√ľllung und Befriedigung, die ebenso Teil unserer Welt sind. Wir werden hiermit vor die Herausforderung gestellt, im vorhandenen Chaos die Spreu vom Weizen trennen zu m√ľssen.

Eine Kernfrage, die sich auf dem Weg aus der Orientierungslosigkeit stellt, ist die nach der Bedeutung von Originalen und dem Wert der Originalität. In der Kunst sind in der Auseinandersetzung mit dieser Frage ganze Lebenswerke entstanden. Eines der prominentesten Beispiele ist sicherlich das Werk Andy Warhols, dessen Bilder stets die Frage der Reproduzierbarkeit implizieren. Eine Steigerung stellt die Appropriationskunst Richard Pettibones dar. Er bezichtigt die abendländische Kunst mit seinen Miniaturmalereien gar der Originalitätssucht, indem er gemalte Verkleinerungen der Bilder von Duchamps, Warhol oder Lichtenstein produziert und ausstellt. Gestärkt wird seine Position durch das Konsumverhalten unserer Gesellschaft. Ausstellungen können in Form von Katalogen nach Hause getragen werden und so gut wie jedes bekanntere Opus findet sich im Internet - sowohl als digitale "Reproduktion" des Originals als auch verflachte Kopie.

Auch f√ľr die Architektur muss diese Frage er√∂rtert werden. Auf der einen Seite gibt es einen sp√ľrbaren Zwang zur Originalit√§t im Sinne des ewig "Neuen". Im Gegenzug wird vielerorts - aktuelle Beispiele sind Dresden und Frankfurt - die mehr oder minder exakte "Kopie" einer verlorenen Vergangenheit als einzige Zukunftsvision empfunden. Einerseits wird also die v√∂llige Abkehr vom Bekannten, d.h. die Aufl√∂sung des Repertoires betrieben, andererseits entsteht in der Gegenreaktion die Sehnsucht nach dem "Althergebrachten", dem "Bew√§hrten". Es ist zu bef√ľrchten, dass beide Ans√§tze eine Sackgasse darstellen, da wir das Fortschreiten der kulturellen Entwicklung weder verleugnen noch stoppen k√∂nnen. Beide Tendenzen weisen die Schw√§che auf, Originalit√§t aus sich selbst heraus schaff en zu wollen, die eine in der Verneinung existierender Originale, die andere in der Verneinung zeitgen√∂ssischer Entwicklung. Die L√∂sung scheint in einer klaren Positionierung bez√ľglich unserer Identit√§t im Sinne einer kulturellen Kontinuit√§t zu liegen; die Formel k√∂nnte hei√üen, dass Originalit√§t nur in der Auseinandersetzung mit Originalen entstehen kann.

Oftmals begn√ľgen wir uns mit Kopien, seien es die geklauten CDs aus dem Internet, das Remake eines ber√ľhmten Filmes oder die Revival-Band, die gute alte Zeiten wieder aufleben l√§sst. Es stellt sich nun die Frage, wie die Bedeutung des Originals in Zukunft verstanden wird. Hat uns die digitale Welt von der Verpflichtung zum Original befreit? Welchen Einfluss haben die virtuellen Welten auf unser Verst√§ndnis von Realit√§t und wieviel Weltflucht k√∂nnen wir uns erlauben? Welche Formen des Umgangs mit Originalen gelten und welche Erkenntnisse sind in der Auseinandersetzung mit ihnen zu gewinnen? Welches Repertoire liegt unseren heutigen Bem√ľhungen, Originelles zu schaff en, zu Grunde, und stellt dieses Repertoire eine Verbindlichkeit dar? Wann ist ein Zitat eine Kopie und wann eine Kopie eine Raubkopie, ein Plagiat?

archimaera möchte mit dieser Ausgabe den Versuch unternehmen, die Begriffe Zitat, Kopie und Raubkopie zu klären und ihre historischen Definitionen zu beleuchten.

 

Daniel Buggert
[Herausgeber dieser Ausgabe]

 

urn:nbn:de:0009-21-19207

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Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch √ľber¬≠mitteln und zum Download bereit¬≠stellen. Der Lizenztext ist im Internet unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html abrufbar.

erstellt von Daniel Buggert zuletzt verändert: 19.11.2019 08:22
Mitwirkende: Buggert, Daniel
DPPL