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erstellt von Karl R. Kegler zuletzt verändert: 13.01.2020 12:20
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Call for Papers: archimaera #9: RĂśCKSEITEN

(read this Call for Papers in English)

"Der Mensch geht geradeaus, denn er hat ein Ziel." – Das Zitat von Le Corbusier kennt nur eine Richtung.  
Das Ziel liegt vorn – was liegt auf der anderen Seite?  

Das Ziel ist das Geplante, die RĂĽckseite ist das Ungeplante, oder das Zuvor-Geplante. Es ist das, was aus dem Blick geraten ist. Die RĂĽckseite ist vielleicht eine Frage der Perspektive des Beobachters, aber sie ist zugleich ein existentieller Zustand. Der Mensch trägt die RĂĽckseite seines Tuns und seines Handelns mit sich wie einen Schatten. 

Bei der Betrachtung der Rückseite drängen sich Erfahrungen, Vorstellungen und Bilder aus der Architektur auf: Einkaufszentren, Flughäfen, Behörden, Hotels, Städte und Plätze, Universitätsbauten, und ihre Rückseiten. Auch in der Kunst gibt es Rückseiten, Werke, die sich der Allansichtigkeit verweigern oder Rückansichten bewusst als künstlerische Strategie einsetzen. Jede Seite einer Handschrift hat ein recto und ein verso, Vor- und Rückseite.

– Gibt es Dinge, Orte, die nur RĂĽckseite sind? Gibt es Orte ohne RĂĽckseite?  

Das Fehlen von RĂĽckseiten mĂĽndet in der Vorstellung vollkommener Allansichtigkeit, Perfektion und Kontrolle, eines totalen Panoptikums – in gewisser Weise ist dies ein unbehagliches Bild. Die Abschaffung der RĂĽckseite wäre ein Projekt, das vielleicht mit der Abschaffung der Dunkelheit vergleichbar ist – Night as Frontier. Colonizing the World after Dark (1987) hat Murray Melbin eines seiner wichtigen technikgeschichtlichen und aufklärungskritischen BĂĽcher benannt. Aufklärung in einem sehr wörtlichen Sinn verstanden als 24stĂĽndige Beleuchtung ist eines der Themen in der Stadttechnik des 19. Jahrhunderts. Heute ist dieser Zustand global. Als Nebeneffekt ist der nächtliche Sternenhimmel ĂĽber den groĂźen Ballungsräumen nicht mehr erkennbar.  

Sind RĂĽckseiten in einem Prozess zunehmender Effizienzsteigerung und Kontrolle vielleicht sogar ein zunehmend gefährdetes Phänomen? Was sind die "RĂĽckseiten" einer technisierten, verstädterten, globalen Lebenswelt? 

Der Mensch geht geradeaus, denn er hat ein Ziel. – Liest man diesen Gedanken als Fortschrittsprogramm, so gibt es Disziplinen, die sich fĂĽr das genaue Gegenteil interessieren, die das Vergangene und das ZurĂĽckgelassene in den Blick nehmen. In diesem Sinne betreiben Architekturgeschichte und Architekturtheorie eine Betrachtung von RĂĽckseiten der Architektur.    

 

FĂĽr die kommende Ausgabe von archimaera lädt die Redaktion zur Auseinandersetzung mit den RĂĽckseiten des Bauens ein. Konkrete Fallstudien, theoretische Reflexionen, architektonische oder gestalterische Fiktionen sowie Beispiele aus Kunst, Literatur und Architekturgeschichte sind willkommen. 

In welcher Beziehung stehen Rückseiten in der Architektur zu Repräsentationen und Nicht-Repräsentationen menschlichen Handelns? Sind Rückseiten anthropologisch bestimmt? Wie können Rückseiten architektonisch, künstlerisch oder dramaturgisch verdeutlicht werden? Gibt es Typologien der Rückseite? – Diese und weitere Fragen sind willkommene Ausgangspunkte für theoretische und anschauliche Arbeiten.

Call for Papers als PDF (deutsch/englisch)

Bitte senden Sie Vorschläge fĂĽr Beiträge in Form eines Abstracts von max. 2.500 Zeichen bzw. einer Arbeitsprobe (max. 3 MB) bis zum 7. Dezember 2019 an folgende Mailadresse:   
rueckseiten(at)archimaera.de  
Die Auswahl der Beiträge erfolgt bis zum 22. Dezember 2019. 
Die ausgewählten Beiträge sind in ausgearbeiteter Form  bis zum 22. Februar 2020 einzureichen.
Bitte beachten Sie die formalen Richtlinien von archimaera bei der Gestaltung Ihres Textes. 

Fristen: 

7. Dezember 2019 (ExposĂ©s), 
22. Februar  2020 (Beiträge)