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In der Architektur ist der Raum das primäre Gestaltungsmedium. Um Raum inder Gestaltungslehre zu erfahren und diesen in ein räumliches Denken zu überführen, eignet sich der reale Raum aus meiner Sicht am besten, um ihn zu definieren, zu gliedern und ihn letztlich zu gestalten.  Das Erleben im Maßstab 1:1 ist ein physisches Erleben, das in seiner Wirkungsweise der Körperlichkeit, Empfindung und Wahrnehmung des Menschen unmittelbar entspricht und dadurch beste Voraussetzungen schafft, um ihn in späteren abstrakten Gestaltungsstrategien anzuwenden.


 

Von dieser Prämisse ausgehend entstand die Gestaltungsübung „Raumspinnen“. Als metaphorische Logik kam hinzu, dass die ehemaligen Produktionshallen der Tuchfabrik, die uns für diese Übung zur Verfügung standen, viele Jahrzehnte der Herstellung, Verbindung und Gestaltung von Fäden zu Tuchen und Textilien dienten. Der Verein „Tuchwerk Aachen” ist derzeit dabei in diesem denkmalgeschützten Gebäude eine Ausstellung zur Aachener Textilindustrie aufzubauen. Umso mehr schien unser Vorhaben dieses Ambiente zu bereichern. Fäden standen uns in scheinbar unbegrenzter Menge zu Verfügung. Über neunzig Studierende hatten sich für diesen Stegreifentwurf angemeldet. Nach einer Ortsbesichtigung, bei der Zeichnungen und Fotos angefertigt wurden sowie Gegenstände, Installationen und Fensteröffnungen untersucht, gemessen und analysiert  wurden, sollten die Studierenden mit Nadel und Faden in kleinen Modellkartons individuelle „genähte“ oder„verwebte“ Konzeptideen als Raumgespinste erstellen, die der Sichtbarmachung der Intention dienen sollten. Das Prozedere sah vor, dass in einem kollektiven Ranking eine begrenzte Anzahl von Entwurfsideen selektiert und dann letztlich in kleineren Teams 1:1 umgesetzt werden sollten. Bei der Sichtung und Besprechung der ersten Entwürfe stellte sich ein interessantes Phänomen heraus, dadurch, dass der Faden in seiner Anwendung nicht seinem Wesen und seinen Möglichkeiten entsprechend eingesetzt wurde; eher gedacht als flächiges Bauteil, entsprungen einer gängigen Geometrie. Dieser Mangel forderte einen erneuten spielerischen Umgang mit den Fadenkonzepten, bis schließlich die finalen Entwürfe als Grundlage zu einer 1:1 Umsetzung geeignet waren. Während unsere Übung eindeutig nicht den Gesetzen der darstellenden Geometrie folgte, so ergaben sich doch Parallelen in der Anwendung von Begrifflichkeiten, z.B. als Projektionslinien, Sehstrahlen, Fluchtpunktoder Hauptstrahl, die in der ästhetischen Beschreibung der Phänomenologie dieser Fadenprojektionen durchaus Berechtigung fanden. Denn der Faden als Projektionslinie im Raum, erinnerte an die Anfänge der Darstellenden Geometrie, wie im „Mathebuch“ von Albrecht Dürer (1525) dargestellt. Hier beschreibt er z.B. die Grundlagen der euklidischen Geometrie als Praxis des Messens und Konstruierens, wo, unter anderem zur Ermittlung von Koordinaten zur perspektivischen Darstellung, Schnüre zwischen Wand und Objekt gespannt wurden. Weiterhin ist interessant, dass Dürer zur Konstruktion der Konchoide (griech. Muschel) mit sogenannten Muschellinien operierte, die sich ähnlich als Kurvengesten auch in den Fadenkonstruktionen offenbarten. Wie Licht- oder Sehstrahlen bündeln undverdichten sich die Fäden der Spinn-Installationen oftmals wie Konstruktionslinien einer imaginären Perspektive; hier jedoch, um einen konkreten, sinnlichen und ästhetischen Raum zu gestalten.

Lizenz

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