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Als Otl Aicher 1985 eine Ausstellung zur 100jährigen Geschichte des Automobilbaus konzipierte, ließ er es sich nicht nehmen, als Katalog eine kritische Bestandsaufnahme des Automobildesigns vorzunehmen. Der Titel des Buches lautet Kritik am Automobil - Schwierige Verteidigung des Automobils gegen seine Anbeter.[1] Mit einer methodisch präzisen Analyse weist er nach, dass das Automobildesign zunehmend formalistischen Aspekten folgte. So unterstreicht ein "windschnittiges" Aussehen die Dynamik der Mobilitätsmaschine. Als Folge wurde der Cw-Wert des öfteren als werbewirksame Zahl auf Plakaten verewigt. Durch den einfachen Vergleich zwischen Cw-Werten "schneller" Automobile - Aicher nennt mit Jaguar E-Type (0,44), Porsche 911 Carrera (0,40) Citroën DS (0,38) Legenden der Automobilgeschichte - mit Giugiaros Fiat Uno (0,34) wird dies allerdings als Augenwischerei enttarnt. Ästhetische Wirkung und technische Notwendigkeit müssen eben voneinander unterschieden werden.[2]

Der Architektur und insbesondere der Baugeschichte ist durch die Diskussionen über Sinn und Unsinn von Rekonstruktionen Ähnliches widerfahren. In der Debatte, die in der Jury-Entscheidung zum Berliner Stadtschloss einen zwischenzeitlichen Höhepunkt erreicht hat, stehen die Liebhaber der "alten Architektur" den "Avantgardisten" entgegen. Die einen organisieren sich in Vereinen, die stets die Wörter "Geschichte" oder "Historie" in ihrem Namen tragen, die anderen lehnen es - den Autogegnern der 80er Jahre ähnlich - ab, sich mit Vergangenem auseinander zu setzen, obwohl auf dies ähnlich schwierig zu verzichten ist wie auf den praktischen Nutzen des Automobils. Gespräche zum Thema "Rekonstruktion" nehmen mitunter absurde Verläufe; oft gilt es zunächst, die Fronten und Zugehörigkeiten zu klären. Gibt man sich als Bauhistoriker zu erkennen, steht der Verdacht im Raum, man könne ein "böser Traditionalist" sein. Es ist zu hoffen, dass die Diskussion wieder sachlichere Züge annimmt, damit die Architekturszene einen Weg aus einer offensichtlichen Krise findet. Festzustellen bleibt, dass die derzeitige Vorliebe für Kopien historischer Gebäude ein Phänomen der Gegenwart und kein Phänomen der Baugeschichte ist.

 

 

Wieviele Fassaden braucht ein Haus? Das Kölner "Dominium" von Hans Kollhoff braucht sieben - fünf neue und zwei alte, die als Spolien in der Fassade kleben. (Foto: D. Buggert)

Der Rekonstruktionszwang

Die Rekonstruktion verlorener Gebäude stellt eines der vielen Mittel dar, die der Gesellschaft im Umgang mit ihrem Raum zur Verfügung stehen. Anwendung hat es immer dann gefunden, wenn große Schäden zu kompensieren waren, die in Folge von Naturkatastrophen oder mutwilliger Zerstörung durch den Menschen entstanden sind. Hierbei sind nicht nur Kriegsverluste, sondern ebenso die zahllosen Gebäude zu berücksichtigen, die ohne Not dem Bagger oder der Abrissbirne zum Opfer gefallen sind und heute noch zum Opfer fallen.

Die Gründe, Gebäude wieder aufzubauen, sind vielschichtig; zumeist steht die Suche nach Anknüpfungspunkten, nach Wiederherstellung einer historischen Kontinuität im Vordergrund, welche die Identität einer Gesellschaft geprägt hat. Die wiederentstehenden Bauten werden somit symbolhaft überhöht. Sie sind Zeichen, welche die Reaktion einer Gesellschaft in einer Extremsituation dokumentieren. Unter dieser Prämisse ist z.B. der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche zu verstehen, da hierdurch ein starkes Zeichen gegen die Zerstörung und für eine hoffnungsvolle Zukunft gesetzt wurde. Letztlich ist an dieser Stelle nachgeholt worden, was im Westen der Bundesrepublik im Wiederaufbau der Nachkriegszeit geschehen ist. Auch dort sind wichtige Einzelbauten als identifikationsstiftender Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung von Städten und Stadtvierteln rekonstruiert bzw. wiederaufgebaut worden - wobei hierbei gerne die verbliebenen historischen Reste in der Umgebung dieser Einzelbauten zerstört und entfernt wurden.

Rekonstruktionen stellen die Möglichkeit dar, Zeichen zu setzen. Die Entscheidung für ein solches Vorhaben muss eben deshalb inhaltlich begründet sein und kann nicht bloß auf formalen Überlegungen fußen, zumal die Zeichenkraft schwindet, je häufiger das Mittel der Rekonstruktion gewählt wird. Besorgniserregend ist die derzeitige Situation, da in Folge verwirklichter Wiederaufbauprojekte immer neue Reproduktionswünsche aufkommen, deren Begründung allein in der Suche nach der "schönen Vergangenheit" liegt. Infolge dieser Reduktion auf eine formale Ebene hat sich der Wunsch entwickelt, nun ganze Straßenzüge "historisch" nachempfunden wieder erstehen zu lassen, da man zu der Überzeugung gelangt ist, nur diese Formen könnten den "Originalen" gerecht werden. Als Ergebnis steht nicht mehr die Zeichenhaftigkeit des einzelnen Gebäudes im Vordergrund, sondern der Wille, vergangene Verluste ungeschehen zu machen. Mancherorts entwickelt sich so geradezu ein Automatismus, der die zeitgenössische Architektur außen vor lässt und unsere gebaute Umgebung auf eine hübschhistorische Kulisse reduziert.

 

4,5 cm sind ein kurzer Weg in die Geschichte. Dahinter steht die Betonkonstruktion des 21. Jahrhunderts. Offensichtlich kann die thermische Trennung von Konstruktion und Fassade zur Beliebigkeit führen. Alles ist denkbar: Neo-Neo-Historismus aber auch moderne Glas-Glückseligkeit. (Foto: D. Buggert)

Form follows Marketing

Nimmt man den Text Otl Aichers ernst, wird deutlich, dass seine Formalismuskritik wesentlich grundsätzlicher zu verstehen ist. Das Automobil dient ihm als Beispiel, die Spannung zwischen Form und Funktionalität zu untersuchen, die spätestens seit der Industrialisierung ein Dauerthema des Designs und auch der Architektur ist. Mit der Entwicklung des Industrial Designs zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird Form als maßgebliches Verkaufsargument etabliert und Marktforschung sowie groß angelegte Werbekampagnen werden als Instrumente der modernen Marktwirtschaft entwickelt.[3] In Folge dieser Entwicklungen wird die Verbindung von Form und Funktionalität vielfach aufgegeben, so dass lediglich eine Form bzw. Verpackung gesucht wird, die hohe Verkaufszahlen verspricht. Nicht das Objekt, sondern der Look und der passende Slogan bestimmen die Produktentwicklung.

Auch der Architekturmarkt nutzt Labels, um die entsprechenden Käuferschichten zu locken. So finden sich in Immobilienanzeigen Häuser im Bauhaus-Stil, palladianische Villen und mediterrane Träume. Käufer benötigen diese Labels, um sich zu vergewissern, dass ein Objekt ihrer Lifestyle-Idee gerecht wird - ein Sicherheitsbedürfnis, das die morphologische Psychologie in zahlreichen Studien nachgewiesen hat.[4]
Sicherheit wird dadurch gewährleistet, dass ein Bezug zu etablierten, unumstrittenen Höhepunkten der Architektur "inszeniert" wird. Die marktgerechten Kategorien entstehen durch die Verwendung historischer Etiketten und Stilbegriff e, die lediglich auf die Formensprache der Produkte verweisen.[5]

 

Von der Repräsentationsfassade der alten Commerzbank (1911-1915, Carl Moritz) ist lediglich die Oberfläche erhalten geblieben. Dahinter befindet sich im rechten Teil (direkt neben dem Eingangsportal) die neon-beleuchtete Küche der Kantine. (Foto: D. Buggert)

Baugeschichte ist nicht bloß formale Betrachtung!

Tatsächlich ist die architektonische Formenlehre neben der historischen Bautypologie eine der Grundlagen bauhistorischer Betrachtungen. Dies ist darin begründet, dass der klassische Kanon die Architektur über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Es gilt die einzelnen Formen systematisch zu beschreiben und in ihrer künstlerischen Qualität zu beurteilen. Darauf aufbauend muss der Frage nachgegangen werden, warum welche Form an welcher Position zu finden ist und welchen Absichten Architekt und Bauherr bei dieser Verwendung des Formenrepertoires gefolgt sind. Die vielfältigen Beziehungen zwischen architektonischen Elementen und deren detaillierter Ausgestaltung lassen sich allerdings nur dann entschlüsseln, wenn weitere Dimensionen (Konstruktion, Raumstruktur, Zeitgeschmack usw.) in die Betrachtung einbezogen werden. So erklären erst Rituale, Zeremonien, Gepflogenheiten und gesellschaftliche Normen die Wegestrukturen und Raumhierarchien historischer Bauten, welche die Architektur als Bühne menschlichen Handelns verständlich werden lassen. Durch Vergleiche mit anderen Bauwerken gibt die Gestaltung dieser Bühne Aufschluss über das Selbstverständnis des Bauherren und dessen Position in der Gesellschaft.

Die Methodik der bauhistorischen Betrachtung ermöglicht es also, ein Gebäude aus der Perspektive seiner Entstehungszeit zu beschreiben und als Quelle dieser Zeit zu erschließen. Wie bei allen historischen Wissenschaften kann es hierbei nicht darum gehen, aus der Geschichte Kopiervorlagen für heutiges Handeln zu entwickeln; die Aufgabe ist schwieriger. Das Ziel muss vielmehr sein, auf Grundlage dieser Arbeit zeitgebundene, der Mode unterworfene Aspekte der Architektur von dauerhaften, zumeist anthropologisch bestimmten Eigenschaft en architektonischer Elemente zu trennen. Erst wenn diese Betrachtungstiefe erreicht ist, wird die Bedeutung und Qualität unserer architektonischen Vergangenheit deutlich, erst durch diese Art der Betrachtung wird die Bindung zwischen Gesellschaftsstruktur und architektonischer Form verdeutlicht und erst hierdurch wird der Auftrag an die Architektur deutlich, Lösungen zu entwickeln, die der eigenen Zeit gerecht werden.

Baugeschichte ist nicht Denkmalpflege!

In den Diskussionen der vergangenen Jahre werden zumeist Baugeschichte und Denkmalpflege gleichgesetzt. Natürlich sind beide sehr stark miteinander verwandt, beschäftigen sich doch beide mit historischer Bausubstanz. Während sich die Baugeschichte jedoch mit den Gebäuden in ihrer Zeit und deren Entwicklung bis heute beschäftigt, gilt das Interesse der Denkmalpflege dem heutigen Umgang mit diesen historischen Dokumenten. Konzepte für den Erhalt und die heutige Nutzung historischer Gebäude können andererseits erst auf Grundlage bauhistorischer Gutachten entwickelt werden, so dass die Baugeschichte eine wesentliche Hilfswissenschaft der Denkmalpflege ist. Ebenso selbstverständlich unterstützen sich beide Disziplinen, da der Bauhistoriker Interesse am Erhalt seiner Hauptquellen hat und umgekehrt die Erläuterung der historischen Bedeutung des Baubestandes durch die Baugeschichte den Denkmalpfleger in seiner Argumentation unterstützt. Festzuhalten bleibt, dass sich Denkmalpflege und Baugeschichte zwar gegenseitig bedingen, aber nicht identisch sind. Baugeschichte eröffnet die Möglichkeit, Grundsätzliches über die Architektur, den Menschen und dessen gesellschaftliches Zusammenleben zu lernen.

 

Fehlt etwas, so bauen wir es eben dazu! Damit die zweite historistische Fassade nicht zum Abziehbild wird, wurde ihr eine Ecke "angedichtet". Diese kann dann kunstvoll mit der neuen Fassade (im Stil der School of Chicago) verwoben werden. (Foto: D. Buggert)

Chancen

An der Flut von Dokumentationen oder Kinofilmen, die sich historischen Themen widmen, wird deutlich, dass Geschichte ganz ohne Zweifel einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat. Dieses Interesse ist in Zeiten wachsender Verunsicherung durch die verwirrenden Verflechtungen der globalisierten Welt in der Suche nach Identität begründet. Daher muss die Baugeschichte in der Vermittlung ihres Wissens einen ihrer wichtigsten Aufträge sehen. Sie darf sich allerdings weder darauf beschränken, die Schönheiten historischer Gebäude zu preisen, noch reicht es aus, in nachgespielten Szenen zu zeigen, wie Menschen der Vergangenheit gelebt haben. Es gilt vielmehr, der Verpflichtung nachzukommen, die architektonische Qualität historischer Gebäude mit den oben umrissenen Methoden darzustellen, um in der Gesellschaft ein Verständnis für die Authentizität historischer Gebäude zu entwickeln. Nur durch die Kenntnis der Vergangenheit und durch den Respekt vor den Leistungen dieser Vergangenheit kann es dann gelingen, das Vertrauen in die eigene Zeit zu stärken und die Notwendigkeit der verantwortungsvollen zeitgemäßen Gestaltung unserer Welt zu verdeutlichen.

Für die Architektur bedeutet dies, dass sie eine enge Verbindung zwischen aktuellem Geschehen und bauhistorischer Wissenschaft nicht aufgeben darf. Baugeschichte liefert Grundlagen, die helfen, das Vertrauen der Gesellschaft in die Schaffenskraft der eigenen Zeit zurück zu gewinnen. Dass dieses Vertrauen belastet, wenn nicht gar verspielt ist, wird an den zahlreichen aktuellen Rekonstruktionsprojekten deutlich.

Die Ursachen für den Vertrauensverlust in die zeitgenössische Architektur sind äußerst vielschichtig. Als ein wesentlicher Aspekt ist allerdings die Frage nach der Angemessenheit der eingesetzten architektonischen und materiellen Mittel herauszustellen. Diese Frage wurde bei der Verwendung des klassischen Kanons in der historischen Architektur stets diskutiert. Die Architektur der Moderne hat zwar diesen Kanon überwunden, allerdings kann sie sich nicht der Forderung nach angemessenen Formen in Beziehung zur Funktionalität der Architektur entziehen. Wird diese Forderung weiterhin vernachlässigt, so muss sich auch die Architektur den Vorwurf des Formalismus gefallen lassen. Ein  Vorwurf, den es der Automobilbranche heute stärker denn je zu machen gilt.



[1] Otl Aicher: Kritik am Auto, Schwierige Verteidigung des Autos gegen seine Anbeter; eine Analyse von Otl Aicher. München 21996.

[2] Noch deutlicher wird die Diskrepanz zwischen ästhetischer Erwartung und technischer Optimierung der Form durch die strömungstechnischen Experimente von Prof. Wunibald Kamm und Paul Jarray. Vgl. Aicher: Kritik am Auto. S. 11ff. Zu den Cw-Werten S. 19.

[3] Zur Entwicklung des Automobildesigns und der Entwicklung der großen Automobilkonzerne in Amerika: Axel Matthiessen: Vom Kasten auf Rädern zur rollenden Skulptur: Die Revolutionierung des Automobildesigns in den 30er Jahren. Hamburg 1990 [11986]. Zu empfehlen sind zudem Schriften von und über Harley Earl und Raymond Loewy, zwei der einflussreichsten amerikanischen Designer des frühen 20. Jahrhunderts.

[4] Siehe Interview mit dem Psychologen Stephan Grünewald, "Mit Kopierbarkeit ist grundsätzlich ein Versprechen verknüpft" in dieser Ausgabe.

[5] Entsprechende Beispiele werden natürlich nicht in den etablierten Architekturzeitschriften gezeigt, bemüht man allerdings z.B. den Katalog der Architektenkammer NRW zum "Tag der Architektur", so kann man den Querschnitt des Bauens im Verlauf eines Jahres bewundern. Hier finden sich zinnenbekrönte mediterrane Villen des Sauerlandes neben zahlreichen belanglosen Häusern, deren einzige Qualität darin begründet ist, dass sie den Niedrigenergiestandard erfüllen. (Dem Autor lag der Katalog des "Tag der Architektur 2007 – 16./17. Juni 2007" vor).

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