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Bruno Schindler (Aachen)

Raubkopien - Fälschung der Architekturgeschichte?

urn:nbn:de:0009-21-18552

 

Ohne Geld stehen die Bauarbeiten still. In der Geschichte des Bauens wiederholt sich dieses Phänomen immer wieder, ob es sich nun um die private Kleinbaustelle oder um Grands Travaux ehrgeiziger Gemeinschaftsprojekte handelt. Schwerwiegender als eine leere Baukasse ist allerdings der allgemeine Verlust an Zuversicht, der sich zumeist dann einstellt, wenn keine Aussicht auf eine Besserung der ökonomischen Grundlagen besteht. Oft genug überdauerten von projektierten Bauten nur beredsame Ruinen, unfertige Torsi oder jäh abgebrochene Planungen. Teilweise blieb es erst viel späteren Generationen vorbehalten, in einem neuen Zeitalter Dome und Kathedralen zu vollenden oder auf Basis historischer Pläne Kirchen und Schlösser "postum" zu rekonstruieren. Zu diesem Phänomen im weiteren Sinne gehören auch Nachempfindungen von historischen Landsitzen und Stadtsilhouetten.

Für eine Architektur, die Anspruch auf zeitgenössische Gegenwärtigkeit legt, bedeuten diese Rückgriffe auf die Vergangenheit unweigerlich einen Verlust an Aktualität. Handelt es sich bei ihnen nur um Marginalien ohne Bedeutung, um "Raubkopien", um "Fälschungen" einer vermeintlich idyllischen Geschichte? Ist es zutreffend, dass sich im Aufgreifen historischer Vorbilder ein Bedürfnis nach Geborgenheit und Sicherheit ausdrückt und – vielleicht vorschnell – als Identitätssuche gedeutet werden kann?

Kritische Betrachtungen

Über das Ausmaß des aktuellen Überangebotes von Immobilien, seien dies nun bescheidene Wohnhäuser oder großartige Bürogebäude, über die Beschleunigung des Wertverfalls von Bauwerken, an denen sogar unverdrossen weitergebaut wird, kann angesichts der akuten "Finanzkrise" nicht mehr hinweggeschwindelt werden. Das traditionell mit Bauwerken verknüpfte Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit ist empfindlich getroffen worden. Aus rein ökonomischen Motiven muss gefragt werden, ob die aktuelle Krise des globalen Marktes den gewohnten Baubetrieb überhaupt noch zulässt, noch zulassen kann? Zu sehr ist speziell der Baubetrieb von seiner Kreditwürdigkeit und von der Kreditfähigkeit der Banken abhängig, als dass davon abgesehen werden könnte. Doch der aktuelle ökonomische Engpass eröffnet auch die Möglichkeit zu einer konstruktiven Kritik an einer Architektur, die sich der globalen Wirtschaftsform wie nie zuvor angepasst hat. Diese Kritik ist an der Zeit, auch wenn man, indem man sie formuliert, Gefahr läuft, mit dem Hinweis auf den "trüben konjunkturellen Horizont in 2009" die aktuelle "Krise" publikumswirksam zu hoch zu bewerten.

Für viele Projekte bedeutet die aktuelle Krise konkret den Verlust ihrer Finanzierung und, wenn diese Umstände andauern sollten, auch das Aus für die damit eng verbundenen Planungs- und Bauprozesse. Dies beschneidet zweifellos die Vitalität heutiger Architektur. Die Hinweise auf eine solche Entwicklung müssen nicht mehr mühsam gesucht werden, denn die Widersprüche des modernen Bauens sind bereits zu Binsenweisheiten medialer Talk-Shows geworden: Das vitalste Merkmal der Architektur der "neuen Moderne nach der Postmoderne", das stets über alle spitzfindigen, kulturkritischen und pessimistischen Einwände erhaben war, nämlich die Integration der klassischen Moderne mit allen Planungs- und Bauprozessen in die weltweite Wirtschaft ist ebenso obsolet geworden wie die globale Finanzwirtschaft, die sich aktuell in der Krise befindet. Mit ihr geraten lang eingespielte Routinen in Bedrängnis: die gewohnheitsmäßige Verschwendung von Ressourcen, die Missachtungen lokaler Kontexte und der konkreten Lebensbedingungen vieler Menschen. Ohne ihre bisherigen Finanzierungsmöglichkeiten kann die heute praktizierte Architektur in der nächsten Zukunft ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden

Mit der Architektur läuft auch die Architekturkritik Gefahr, in der sich aktuell beschleunigenden Entwicklung den Bezug zur Wirklichkeit ebenso zu verlieren wie die schwebende Stadt Laputa in Jonathan Swifts Gullivers Reisen. [1] Nach einer sozialen Kritik der Moderne in den 50er und 60er Jahren und einer historisch-traditionalistischen Kritik in den 70er und 80er Jahren beschäftigt sich die Architekturkritik heute mit Vorliebe mit sehr speziellen Großbauten und eigenwilligen architektonischen Details und Umhüllungen; sie hinterfragt formale Aspekte von Architektur-Events, den aktuellen "Blobs". Die in diesen Projekten angewandten neuen Planungsverfahren, eingebettet in parametergesteuerte nichteuklidische Geometrien, werden entweder als spannende Neuschöpfungen gefeiert oder als untektonische Schimären abgetan. Die funktionale Beliebigkeit, die in Architektur und Architekturkritik erreicht wird, steht in einem krassen Gegensatz zu den ingenieurtechnischen Leistungen der modernen Ökonomie, auf die sich eigentümlicherweise die Moderne immer noch beharrlich beruft. Beeindruckt durch "[…] die recht luftigen Dinge, die zu sichten kaum einem Lynkeus  [2] glücken dürfte […] um damit noch dümmere zu verblüffen", [3] wie es 1509 bereits Erasmus von Rotterdam in seinem Lob der Torheit formulierte, verliert die Kritik gleich welcher Ausrichtung, den Überblick über die konkreten Dinge. Die eigentliche Aufgabe der Architektur, nämlich in einer den Menschen immer bedrohlicher scheinenden Welt eine sichere Infrastruktur für das Überleben zu gestalten, geht hoffnungslos verloren.

Die Frage nach dem, was Architektur wirklich zeitgenössisch macht, ist unter dem Eindruck solcher Umstände in der jüngeren Vergangenheit schon einige Male ganz anders gestellt worden: Es ist die Frage nach der Effizienz des Handelns aller, die an der Produktion von Architektur beteiligt sind. Diese von den Architekten einzufordernde Effizienz des Handelns kann bis heute trotz der Schlagwörter "Nachhaltigkeit", "Sustainability" oder "Performance" nur sehr unpräzise beschrieben werden. Effizienz kann nicht bloß auf einen guten Wirkungsgrad, Sparsamkeit und die nachhaltige Nutzung von Rohstoffen reduziert werden, sondern muss eine "neue Ästhetik von sinnlicher Qualität und Komfort" [4] einbeziehen, wie es 1996 Stefan Behling in seinem Buch Sol Power, die Evolution der solaren Architektur hergeleitet hat. Man mag dieses Ziel einfordern, aber die immer noch erschütternde Energiebilanz – 50% des globalen Verbrauchs entsteht durch den Betrieb von Gebäuden – lähmt auch die mutigsten Vordenker. Die Lösung der selbstgestellten Aufgabe erscheint heute noch immer unmöglich. Sie wird Verfahren erfordern, von denen die Techniker und die Architekten heute noch keine Ahnung haben. Keiner praktiziert die "neue Ästhetik" und niemand kennt die Antwort für die Zukunft.

Wenn die Zukunft also verschlossen, die Gegenwart belanglos und ganz aktuell sogar bankrott ist, verwundert es nicht, dass Lösungen in der Vergangenheit gesucht und kopiert werden. Direkte Anleihen aus der Historie zeigen, in welchem Ausmaß ein Verlust an Zuversicht eingesetzt hat. So demonstrieren die neuen alten Berliner Schlossfassaden, wie wenig auf zeitgenössische Architektur noch gegeben wird, wenn man schon im Vorfeld auf die Möglichkeit einer Neuplanung verzichtet und wenn sich bereits die Wettbewerbsunterlagen auf Schlüters unbestrittenen bewundernswerten Schlossplan zurückziehen. Derartige "Raubkopien" und Kuriositäten (wie französische Chateaus, die neu in chinesischen Weinbergen errichtet werden) werden erst verständlich, wenn man bedenkt, dass die herangezogenen historischen Vorbilder, vom prächtigen Residenzgebäude über die Klosterkirche bis zur bescheidenen Hütte, den aktuellen Forderungen an Nachhaltigkeit genügen konnten, oder sie sogar übertrafen. Der Mangel an verfügbaren Ressourcen erzwang in der Vergangenheit unweigerlich jene strenge ökonomische Vernunft und Intelligenz der Architektur, die heute so vermisst wird. Wem möchte man die Behaglichkeit eines rekonstruierten historischen Idylls vorwerfen, wenn keine zeitgenössische Lösung für die ernsthaften Probleme der Architektur in Sicht ist? Die Rückwendung auf eine historische Architektur ist in der Geschichte des Bauens ein mehrdeutiges Indiz. Es steht gleichermaßen für die intensive Suche nach Anregungen für die zeitgenössische Architektur wie für eine lange Geschichte kopierter Vorbilder – für eine Geschichte der "Raubkopie".

Trullo mit zweischaligen Kragkuppeln nahe Alberobello, Apulien; (Hans Soeder: Urformen der abendländischen Baukunst. Köln 1964.)

 

Historische Betrachtungen

Der Rückblick auf die Baugeschichte, der Blick auf die Gebäude und auf die Menschen der Vergangenheit, erschließt eine wahre Sammlung von Ansätzen, von Bruchstücken, von Ideen und von Interpretationen für die "neue Ästhetik" des effizienten Bauens. Aber erst jenseits des stets etwas verklärten Blickes zurück in die Vergangenheit, erschließt sich die Vielfalt der Beispiele. In einem eigentümlichen Zusammenspiel zwischen den eingeschränkten Möglichkeiten der handelnden Menschen und der zuweilen hochkomplexen Bauaufgaben entstanden immer wieder zutiefst authentische Architekturen.

Die über sehr lange Zeiträume andauernden und sich immer wiederholenden Entwicklungen der Architektur laufen weder mit dem Wandel der menschlichen Möglichkeiten und Ressourcen, noch mit dem Wechsel der Bauaufgaben und Baustile perfekt synchron, auch wenn in der Geschichtsschreibung (mit einem gewissen Idealismus) öfters in das Gegenteil behauptet wurde. Architektur besitzt eine Kontinuität, die über die Lebensdauer mehrerer Generationen hinaus geht. Dieses Grundphänomen der Beharrung ist in der Architekturgeschichte immer wieder durch radikale Umbrüche unterbrochen worden, wenn herausragende Persönlichkeiten an der Spitze der Gesellschaft sich mit neuartigen Gebäuden zu legitimieren suchten.

Es war der Historiker Fernand Braudel, der schon 1946 mit seiner Geschichte des Mittelmeeres in der Epoche Philipps II. für die Geschichtsschreibung ein vergleichbares Phänomen exemplarisch aufgegriffen [5] hat und die Chronologie nach der Beweglichkeit der geschichtlichen Entwicklungen in drei gänzlich unterschiedliche Zeitstränge differenzierte. Diese Kategorisierung der Geschichte, eine Typologie des historischen Wandels, ermöglicht dem Historiker, dem Zeitgeschehen einen angemessenen Maßstab zu geben und die wechselvolle Geschichte von einzelnen Individuen von den viel stabileren sozialen und materiellen Bedingungen ihrer Umwelt zu unterscheiden.

Der erste Zeitstrang dieser Systematik "führt eine gleichsam unbewegte Geschichte vor, die des Menschen in seinen Beziehungen zum umgebenden Milieu; eine träge dahin fließende Geschichte, die nur langsame Wandlungen kennt, in der die Dinge beharrlich wiederkehren und die Kreisläufe immer wieder neu beginnen." Hier finden wir die traditionelle Baukunst, wie sie Bernard Rudofsky 1964 als "größte unangezapfte Quelle architektonischer Anregung für den industriellen Menschen" [6] in seinem Werk Architektur ohne Architekten vorgestellt hat. Ihre Baupraxis ist einfach, aber gerade sie hat die bewundernswertesten Synergien zwischen Architektur, Umwelt und Menschen hervorgebracht.

Die Bauphasen der Einwölbung eines Wohnhauses nahe Tunis. (Sebastian Storz: "La tecnica edilizia romana e paleocristiana delle volte e cupole a tubi fittili." In: Claudia Conforti: Lo specchio del cielo". Milano 1997)

Der zweite Zeitstrang verläuft nach Braudel "oberhalb dieser unbewegten Geschichte". Als "Geschichte langsamer Rhythmen" beschreibt sie "eine soziale Geschichte, die der Gruppen und Gruppierungen." Hier finden wir die typisierte Architektur der mittelalterlichen Stände, die tradierte Baukunst der Baumeister. Darunter fallen nicht nur konkrete Bauwerke, sondern auch die Zeichnungen in Vorlagenbüchern oder beispielhafte Planvorlagen. Die dieser Tradition ganz eigene Kodifizierung von Bauregeln, z. B. der Umgang mit dem Baumaterial, erlaubt der Denkmalpflege bis heute, den verbliebenen historischen Baubestand mit authentischen Maßnahmen zu konservieren, um die "langsamen Rhythmen" des Verfalls zu bremsen. Aber auch im größeren Maßstab, dem Maßstab der Stadtgründungen und der systematischen Kultivierung der Landschaft, hat sich diese Geschichte unserer Wirklichkeit aufgeprägt.

Der dritte Zeitstrang ist nach der Systematik Braudels die "traditionelle Geschichte; wenn man so will, die Geschichte nicht im Maßstab des Menschen, sondern des Individuums, die Ereignisgeschichte". In dieser Geschichte entstehen die berühmten Großprojekte mit ihren komplizierten Planungen und wechselnden Konzeptionen aber auch die kleinen "Follies" der Auftraggeber, die mit ihren Architekten an eigenwilligen Lösungen arbeiteten. Dieses eigentliche Forschungsfeld der Baugeschichte wird zwar von der Stilgeschichte übersichtlich mit längeren Perioden beschrieben, zeichnet sich aber durch einen unsteten Wechsel der Baumoden aus, die nur exemplarisch oder nach Lage der historischen Dokumente Jahr für Jahr, ja sogar Tag für Tag erklärt werden können. Sie ist vor allem seit dem ausgehendem 14. Jahrhundert von der Virtuosität einzelner Architekten und der Großzügigkeit ihrer Bauherren geprägt. Braudel umschreibt diese Geschichte in folgender Weise: "Sie hat die Ausmaße ihres Zorns, ihrer Träume und ihrer Illusionen." [7] Architekturen, die Ausdruck solcher individuellen Projekte sind, beeindrucken durch ihre formale Beredsamkeit und Perfektion, die von der weniger wechselhaften Bautradition der Baumeister erst ermöglicht und getragen werden.

Gewölbe im Vestibül des Château Beijing Laffitte des Bauherren Zhang Yuchen; Malereien nach Nicholas Poussin, Architektur von Liu Peirong, Planungen nach 2001, Vollendung 2004.

 

Fazit

Ein historischer Rückblick, der diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Wandel menschlichen Tuns berücksichtigt, eröffnet auch eine differenziertere Erwartungshaltung in Bezug auf die "neue Ästhetik" zeitgenössischer Architektur. Aus der Perspektive des Historikers erscheint die Fortführung von Bautraditionen, die sich über lange Zeiträume ihrer Umgebung angepasst haben, ganz selbstverständlich. Weniger gewiss ist der Fortbestand der handwerklichen Verfahren des traditionellen Bauens. Ihr Bestand ist nur eingebettet in einem sozialen Verbund gesichert, in dem diese Bauregeln einen formalen architektonischen Sinngehalt ergeben. "Raubkopien" sind demgegenüber ein Phänomen, das erst aus dem schnellen Wechsel der Baumoden resultiert und für den Blick eines historisch geschulten Beobachters umso einfacher zu entlarven ist.

Mag der Architekt sich dieser Vision anvertrauen?



[1] Jonathan Swift: Reisen in verschiedene ferne Länder der Welt von Lemuel Gulliver – erster Schiffsarzt, dann Kapitän mehrerer Schiffe. München 1958 (11726).

[2] Eine griechische Sagengestalt. Lynkeus hatte so scharfe Augen, dass er durch Mauern blicken und ins Erdinnere schauen konnte. Aus dem Namen der Sagengestalt leitet sich der lateinische Gattungsname Lynx lynx für den Luchs ab. Luchse sind wegen ihrer Scharfsichtigkeit bekannt.

[3] Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Wiesbaden 2003. (1Paris 1511). S. 110.

[4] Stefan und Sophia Behling: Sol Power – die Evolution der solaren Architektur. München 1996. S. 232 ff.

[5] Fernand Braudel, Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. Frankfurt a. Main 1990. S. 20. Originalausgabe: La Mediterrannée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II. Paris 11946.

[6] Bernard Rudofsky, Architecture without architects. London 1973. (11964)

[7] Vgl. Anm. 5.

Lizenz

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