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Zitieren stellt seit jeher eine grundlegende Methode des künstlerischen Arbeitens dar. Es ist die Möglichkeit der kritischen, persiflierenden oder einfach nur bewundernden Bezugnahme auf zuvor Geschaffenes, auf den Schatz unserer kulturellen Identität. Dies setzt gleichwohl das Vorhandensein eines allgemeingültigen Repertoires voraus, da ein Zitat nur dann Sinn hat, wenn es auch als solches erkennbar bleibt. Dem Repertoire verpflichtet, war bis zur Moderne so gut wie jede künstlerische Ausbildung geprägt durch das Studium bekannter Vorbilder und das Anfertigen tatsächlicher Kopien.

Mit der Entwicklung digitaler Medien ist die beliebige Vervielfältigung jeglicher Form von Daten ohne einen Qualitätsverlust möglich geworden. Die Film- und Musikbranche benennt die große Verbreitung von Raubkopien via Internet als großen wirtschaftlichen Schaden und stilisiert sie zur Bedrohung der eigenen Branche. Dem stehen gleichzeitig ungeahnte technische Möglichkeiten in der Produktion von Musik, Bildern etc. gegenüber. Eine nahezu professionelle Qualität ist mit mittelgroßem Aufwand auch im heimischen Wohnzimmer möglich, wodurch eine Unmenge an Datenmaterial in verschiedensten Foren zur Verfügung steht. In der unfassbaren Fülle von verheißungsvollen Bildern, Filmschnipseln, Klängen und technischen Möglichkeiten stecken alle Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume unserer Gesellschaft . Zugleich beinhalten sie aber auch die Beliebigkeit, Übersättigung und Überforderung in der Suche nach Erfüllung und Befriedigung, die ebenso Teil unserer Welt sind. Wir werden hiermit vor die Herausforderung gestellt, im vorhandenen Chaos die Spreu vom Weizen trennen zu müssen.

Eine Kernfrage, die sich auf dem Weg aus der Orientierungslosigkeit stellt, ist die nach der Bedeutung von Originalen und dem Wert der Originalität. In der Kunst sind in der Auseinandersetzung mit dieser Frage ganze Lebenswerke entstanden. Eines der prominentesten Beispiele ist sicherlich das Werk Andy Warhols, dessen Bilder stets die Frage der Reproduzierbarkeit implizieren. Eine Steigerung stellt die Appropriationskunst Richard Pettibones dar. Er bezichtigt die abendländische Kunst mit seinen Miniaturmalereien gar der Originalitätssucht, indem er gemalte Verkleinerungen der Bilder von Duchamps, Warhol oder Lichtenstein produziert und ausstellt. Gestärkt wird seine Position durch das Konsumverhalten unserer Gesellschaft. Ausstellungen können in Form von Katalogen nach Hause getragen werden und so gut wie jedes bekanntere Opus findet sich im Internet - sowohl als digitale "Reproduktion" des Originals als auch verflachte Kopie.

Auch für die Architektur muss diese Frage erörtert werden. Auf der einen Seite gibt es einen spürbaren Zwang zur Originalität im Sinne des ewig "Neuen". Im Gegenzug wird vielerorts - aktuelle Beispiele sind Dresden und Frankfurt - die mehr oder minder exakte "Kopie" einer verlorenen Vergangenheit als einzige Zukunftsvision empfunden. Einerseits wird also die völlige Abkehr vom Bekannten, d.h. die Auflösung des Repertoires betrieben, andererseits entsteht in der Gegenreaktion die Sehnsucht nach dem "Althergebrachten", dem "Bewährten". Es ist zu befürchten, dass beide Ansätze eine Sackgasse darstellen, da wir das Fortschreiten der kulturellen Entwicklung weder verleugnen noch stoppen können. Beide Tendenzen weisen die Schwäche auf, Originalität aus sich selbst heraus schaff en zu wollen, die eine in der Verneinung existierender Originale, die andere in der Verneinung zeitgenössischer Entwicklung. Die Lösung scheint in einer klaren Positionierung bezüglich unserer Identität im Sinne einer kulturellen Kontinuität zu liegen; die Formel könnte heißen, dass Originalität nur in der Auseinandersetzung mit Originalen entstehen kann.

Oftmals begnügen wir uns mit Kopien, seien es die geklauten CDs aus dem Internet, das Remake eines berühmten Filmes oder die Revival-Band, die gute alte Zeiten wieder aufleben lässt. Es stellt sich nun die Frage, wie die Bedeutung des Originals in Zukunft verstanden wird. Hat uns die digitale Welt von der Verpflichtung zum Original befreit? Welchen Einfluss haben die virtuellen Welten auf unser Verständnis von Realität und wieviel Weltflucht können wir uns erlauben? Welche Formen des Umgangs mit Originalen gelten und welche Erkenntnisse sind in der Auseinandersetzung mit ihnen zu gewinnen? Welches Repertoire liegt unseren heutigen Bemühungen, Originelles zu schaff en, zu Grunde, und stellt dieses Repertoire eine Verbindlichkeit dar? Wann ist ein Zitat eine Kopie und wann eine Kopie eine Raubkopie, ein Plagiat?

archimaera möchte mit dieser Ausgabe den Versuch unternehmen, die Begriffe Zitat, Kopie und Raubkopie zu klären und ihre historischen Definitionen zu beleuchten.

 

Daniel Buggert
[Herausgeber dieser Ausgabe]

 

urn:nbn:de:0009-21-19207

Lizenz

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