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Eine Strandbar im Dortmunder Kanalhafen, ein Zeltplatz in einem ungenutzten Freibad in Berlin – zwei Beispiele für ungewöhnliche kurzfristige Nutzungen, die es regelmäßig in die Tagespresse schaffen und fast schon ein fester Bestandteil des städtischen Veranstaltungskalenders sind. Orte werden besetzt, die unter normalen Bedingungen nicht genutzt werden, und Plätze werden gefunden, die gar nicht (mehr) im Blickfeld der Öffentlichkeit standen. Sie waren durch Industrie oder Infrastrukturen vereinnahmt und sind nun, auf einmal zugänglich, von ganz unerwarteter Qualität. Viele sind neugierig und kommen zu diesen häufig als „Un-Orten“ bezeichneten Flächen. Selbst etwas entdecken, abseits des Weges, dies sind die offensichtlichen Reize. Und das Provisorische, das Unfertige, der eröffnete Möglichkeitsraum sind das Besondere. Die Menschen besetzen einen Ort, der eigentlich für etwas anderes gedacht war oder gedacht ist, der aber jetzt gerade nicht so genutzt wird. Ein Raum wird temporär transformiert.

Stadt im Wandel

Menschen haben kontinuierlich am gleichen Ort gesiedelt und viele europäische Städte sind Jahrtausende alt. Das Bestehende wurde als Potential und Fundament für Zukünftiges begriffen, auf den Bauten der vorhergehenden Generationen wurde aufgebaut. Die Kontinuitäten sind erstaunlich, trotzdem findet ein Wandel statt. Die Innenstädte, ursprünglich der durchmischte Kern einer jeden Siedlung, wird von rentableren Geschäften übernommen. Industrie- und Hafenareale des 19. Jahrhunderts in günstigen Lagen sind inzwischen begehrte Büro- oder Wohnstandorte, die vom Charme der ehemaligen Nutzungen profitieren, jedoch vollkommen anderen Prinzipien gehorchen. Die hardware der Stadt wird durch jede Generation neu programmiert und somit angepasst und verändert. Die auslösenden und die Veränderung treibenden Faktoren sind sehr verschieden. Bevölkerungsentwicklung, neue Technologien und deren massenhafte Verfügbarkeit oder steigende Komfortansprüche: Stadt ist kontinuierlich im Wandel.

Dies ist umso deutlicher, wenn dieser Prozess nicht mehr nur in eine Richtung – höher, dichter, mehr – verläuft, sondern es zur Stagnation oder zu Schrumpfungen kommt. Offensichtlich ist das in Deutschland der Fall, wie ein Blick in die Entwicklung der Einwohnerzahlen zeigt: Ende 2005 waren es noch 82,4 Millionen, 2050 werden 68,7 Millionen erwartet.  [1] Dazu kommt das stetig steigende Alter der Menschen, welches auch planerisch-räumliche Folgen mit sich bringt. Was aber noch wichtiger ist, dieser „Prozess ist irreversibel“!  [2]

Die demografische Entwicklung zeigt, dass mit sinkender Nachfrage gerechnet werden muss. Auf der anderen Seite ist der Überschuss an Flächen gigantisch. Rund 139.000 ha ehemaliger Industrie-, Verkehrs- und Militärflächen sind derzeit in Deutschland ungenutzt, das entspricht ca. der eineinhalbfachen Fläche Berlins. RAG Immobilien hat derzeit 16.000 ha im Besitz und in Verwaltung, wovon aktuell rund 1.500 ha in der Entwicklung sind. Im Verlauf der vergangenen 25 Jahre, beispielsweise im Rahmen der IBA Emscherpark wurden rund 9.000 ha entwickelt und neuen Nutzungen zugeführt.  [3] Die Zahlen zeigen die Dimensionen, in denen gearbeitet werden muss; es ist höchst unwahrscheinlich, dass diese gesamten Areale in kürzerer Zeit wieder eine neue Nutzung bekommen. Unter dem Strich heißt dies für die Stadtentwicklung und die Planung, dass es notwendig ist, Strategien für den Umgang mit derartigen Wandlungsprozessen zu entwickeln.

Abb. 1. Rund 139.000 ha ehemaliger Industrie-, Verkehrs- und Militärflächen sind derzeit in Deutschland ungenutzt. (Foto: Thomas Knüvener)

Zwischen Nutzungen

Das übliche Bauvorhaben hat einen sehr weiten Zeithorizont, langfristig wird ein Ort besetzt und verändert, potentiell endgültig. Entsprechend solide und aufwendig ist die Ausführung, aber auch kostenintensiv. Ein event währt eine Zeitspanne von einigen Tagen bis zu einigen Wochen oder Monaten. Eine positive Erinnerung kann bleiben, aber im Leben einer Stadt ist ein solcher Zeitraum extrem kurz. Wenn aber der Aufwand für eine langfristige Planung zu hoch ist oder der Nutzen ungewiss, jedoch trotzdem Handlungsbedarf besteht und ein gewisser Zeitraum für die Wirkung der Intervention notwendig ist, muss ein Mittelweg gefunden werden, gewissermaßen ein „3. Weg“. Die Dauer wäre also zwischen „ein paar Tage“ und „endgültig“. Eine solche „Zwischennutzung“ kann gleichzeitig Impulse geben, ohne alles festlegen zu müssen.

Als Zwischennutzungen werden

[…] Nutzungsformen auf Flächen bezeichnet, die nicht der hochwertigsten planungsrechtlichen Nutzung entsprechen und deren neue Nutzung Optionen für die Wiederaufnahme der hochwertigsten planungsrechtlich vorgesehenen Nutzung offen lässt. Die neue Nutzung ist von Beginn an nur zeitlich befristet vorgesehen bzw. zu Gunsten der hochwertigsten planungsrechtlichen Nutzung kündbar.  [4]

Diese Definition beschreibt einerseits das Spannungsfeld, das rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen. Dieses äußerst komplexe Gefüge darf keinesfalls vernachlässigt werden.  [5] Andererseits zeigt die Definition gleichzeitig den temporären Charakter einer derartigen Nutzung („zeitlich befristet“) und die damit einhergehende Flüchtigkeit und Flexibilität („Optionen offen lässt“). Augenzwinkernd aufu Le Corbusiers Fünf Punkte der Architektur anspielend postuliert Jörg Rekittke „Fünf Aspekte zum Bauen auf Zeit“. Darin hebt er besonders hervor, dass „temporäre Architektur konzeptionell und konstruktiv mehr wagen kann“,  [6] da sie einerseits weniger dauerhaft sein muss und andere Materialien verwenden kann und gleichzeitig als Experiment betrachtet werden soll, weil selbst ein Scheitern keine irreversiblen Folgen hat. Es ist eben jener Charakter des Experimentellen, der die Zwischennutzung für Architekten oder Landschaftsarchitekten interessant macht.

Abb. 2. Eine „Zwischennutzung“ kann Impulse geben und das Image eines Ortes ändern, ohne alles festlegen zu müssen. (Foto: Stadt Gelsenkirchen / Karl Heinz Danielzik)

Chancen und Möglichkeiten

Die Praxis benutzt oft die ausgetretenen Wege des Bewährten mit allen Vor- und Nachteilen. Selten aber ergibt sich die Chance, Ideen einfach zu erproben. Der Schweizer Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover ist ein Beispiel für ein Bauwerk, dessen Wände und Tragstruktur komplett aus rohem, unbehandelten Holz bestehen und das nach Ende der Ausstellung vollständig wieder entfernt wurde. Dadurch wurde die Möglichkeit des „Rezyklieren“, wie der Schweizer sagt, demonstriert und gleichzeitig eine ganz ungewohnte Atmosphäre mit dem rauen, duftenden Holz geschaffen. Ein weiteres Projekt ist das „Lesezeichen“ von KARO Architekten in Magdeburg-Salbke: Hier besteht eine temporäre Freiluftbibliothek aus Wänden und Plattformen, die aus Bierkisten konstruiert sind. Das Experimentierfeld Zwischennutzung ermöglicht die Anwendung neuer Materialien und Konstruktionsmethoden, provozierende Formensprache und vielleicht auch statements, die nur zeitlich befristet interessant sind.

Eine Vielfalt von Möglichkeiten ergibt sich ebenfalls in der Interaktion mit dem Kontext selbst. Da die zeitlich begrenzten Installationen weniger aufwendig und anspruchsvoll sind, bietet es sich an, diese in Partizipation und durch Selbstbau von Anwohnern, interessierten Vereinen oder anderen Initiativen errichten zu lassen. Bestehende Bedürfnisse können ganz unmittelbar gedeckt werden, und durch eine direkte Einbindung und Beteiligung entsteht eine Bindung an den Ort selbst. Viele Freiraumnutzungen wie Grabeland und Gärten oder Sport- und Spielflächen bieten über den Entstehungsprozess hinaus die Gelegenheit, sich weiter zu betätigen und in verdichteten Stadtquartieren mit wenig Freifläche hierfür einen zeitweiligen Ort zu schaffen.

Abb. 3. Oft kann mit einfachen Mitteln – hier sogar durch das Entfernen der Hallenwände – eine neue Qualität erreicht werden. (Foto: Jan Hohlfeld)

„Danach kann überprüft werden, ob sich eine intensivere Nutzung durch eine Bebauung anschließen oder sich der Zustand eines Freiraumes dauerhaft verfestigen soll.“  [7] Dieser lapidare Satz zeigt das nächste Potential auf: Dass nämlich Zwischennutzungen durch Freiflächen schnell hergestellt und ebenso schnell wieder verschwinden werden können, dass aber ebenso auf den Testlauf einer Zwischennutzung die Entscheidung folgen kann, einen Ort genau so weiter zu nutzen. Die Nutzung verstetigt sich, wenn dafür ein Konsens hergestellt wird. Die oben angeführte Freiluftbibliothek in Magdeburg hat zu einer großen Resonanz bei den Bürgern geführt. Es hat sich gezeigt, dass es den Bedarf für einen solchen Ort gibt, und die Bibliothek wird sogar durch ein richtiges Gebäude ersetzt.

Zwischennutzungen können als ein Versuchsaufbau in der Stadt fungieren: Bestimmte Konstellationen – Zugänglichkeit, Partizipation, Nutzungskombination und Gestaltung – können getestet werden. Möglicherweise werden sie wieder verworfen – dafür jedoch war der Aufwand dann begrenzt –, möglicherweise stellt sich aber auch die dauerhafte Nutzung ein. Zwischennutzungen sind „dazwischen“, sie sind weder ein event, der in kürzester Zeit ein Feuerwerk abbrennt und dann bestenfalls in den Köpfen bestehen bleibt, noch sind sie ewig. Sie können aber eine Brücke schlagen zwischen diesen beiden Vorgehensweisen und immer wieder eine Lücke in vielen Planungsverfahren schließen. Und damit dauerhafter Teil der Stadt werden.



[1] Statistisches Bundesamt (Hg.): 11. koordinierte Bevölkerungs-Vorausberechnung. Wiesbaden 2006.

[2] Sigrun Kabisch: Räumliche Effekte demographischer Veränderungen. Helmholtz Zentrum für Umweltforschung Leipzig. Vortrag 22.11.2007, Gelsenkirchen.

[3] Kunibert Wachten: Herausforderung Redevelopment. Vortrag 16.10.2006, Schloss Dyck (Jüchen).

[4] Egbert Dransfeld / Daniel Lehmann: Temporäre Nutzungen (Zwischennutzungen) als Bestandteil des modernen Baulandmanagements. Hg. vom Forum Baulandmanagement NRW. Dortmund 2007, S. 20.

[5] Diese Komplexität und die Besonderheit jeder Situation ist häufig der Grund, warum es nicht zu Zwischennutzungen kommt. Hier jedoch soll nur in aller Kürze darauf hingewiesen werden, dass - insbesondere was die rechtlichen Bedingungen anbelangt – durch etliche Projekte beispielhafte Präzedenzfälle geschaffen wurden und dass ebenfalls Handlungsanleitungen mit Beispielverträgen zu Nutzungsgestattung etc. vorliegen. Die „best practice Beispiele“ sind u. a. dokumentiert in: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin (Hg.): Urban Pioneers – Berlin: Stadtentwicklung durch Zwischennutzung. Berlin 2007, sowie in: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.): Zwischennutzungen und neue Freiflächen – Städtische Lebensräume der Zukunft. Berlin 2004, jeweils mit Projekten aus Ostdeutschland. Die Handlungsanleitungen sind zu finden in Dransfeld / Lehmann 2007 (vgl. Anm. 4).

[6] Jörg Rekittke: „Chancen temporärer Architektur.“ In: Europäisches Haus der Stadtbaukultur (Hg.): Temporäre Architektur an besonderen Orten. Gelsenkirchen 2005, S. 7.

[7] Michael Kloos / Thomas Knüvener / Kunibert Wachten: Neue Konzepte für Grünflächen in Stadterneuerungsgebieten – Freiräume auf Zeit. Forschungsauftrag für das Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes NRW. Aachen, Düsseldorf 2008. URL: < http://www.freiraumaufzeit.nrw.de >.

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