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Einleitung

Der südostasiatische Archipel [1] ist weltweit eines der interessantesten Gebiete indigener Architekturtraditionen. Eine erstaunliche Vielfalt von Baukulturen höchster architektonischer Qualitäten widerspiegelt in hohem Grad kulturelle Identitäten.

Die Vielfalt an unterschiedlichen Baukulturen ergibt sich allein schon aus den riesigen geographischen Dimensionen des südostasiatischen Archipels: So erstreckt sich etwa das Staatsgebiet der heutigen Republik Indonesien über eine Länge, die der Ausdehnung Europas von Portugal bis zum Ural entspricht, wobei allerdings das Gebiet von zahllosen Inseln unterschiedlicher Größe zergliedert ist [2], deren Grad ihrer Isolierung voneinander die weitgehend eigenständige Entwicklung einzelner ethnischer Gruppen fördert. Eine Vielfalt eigenständiger Baukulturen entstand bisweilen auch innerhalb zusammenhängender Landgebiete; die interessanteste Region bildet in dieser Hinsicht die Insel Sumatra (Abb. 1).

Abb. 1: Die Insel Sumatra, die den westlichen Teil des südostasiatischen Archipels bildet. Die in diesem Artikel behandelten Baukulturen der Batak befinden sich in der Provinz Nordsumatra (Sumatera Utara).

Sumatra [3], die zweitgrößte Insel Indonesiens, liegt genau am Äquator, weist jedoch durch ihre starke Gliederung in Niederungen und Bergregionen unterschiedliche Klimazonen auf, die von einem unerträglich feucht-heißen Ambiente in den östlichen Sumpfgebieten bis hin zu wohltemperierten [4] Zonen in den Bergregionen reichen. In diesen höher gelegenen Gebieten siedeln etwa die Batak und die Minangkabau, [5] während die Acehnesen, eine Kulturgruppe, die eine entferntere Verwandtschaft zu den anderen auf Sumatra ansässigen Ethnien aufweist, [6] auch tiefer liegende Regionen bevölkern [7]. Traditionen indigener Baukulturen haben sich bei den verschiedenen Ethnien auf Sumatra in unterschiedlicher Intensität erhalten; am stärksten sind sie noch bei den Batak und Minangkabau lebendig, während von den traditionellen Bauten der Acehnesen lediglich vereinzelte Objekte verblieben, die zudem oft nur noch museale Funktion besitzen.

Das Identitätsbewusstsein einzelner Ethnien spielt auf Sumatra eine wesentliche Rolle, wobei der Bezug auf Charakteristika traditioneller Baukulturen eine Schlüsselposition einnimmt. Besonders deutlich zeigt sich dies in einer Gegenüberstellung von ethnischen Gruppen der Batak, [8] insbesondere jener der Toba-Batak und Karo-Batak, deren Kulturen sich im Hochland Nordsumatras in enger geographischer Nachbarschaft entwickelten. Trotz dieser Nachbarschaft und der ethnischen Verwandtschaft entwickelten Toba- und Karo-Batak Siedlungsformen ganz unterschiedlichen Charakters, und auch ihre Bautypen weisen ganz unterschiedliche Merkmale auf. Dennoch zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass sich diese Differenzen weitgehend auf das Erscheinungsbild der Bauwerke beschränken, während diese in struktureller Hinsicht durchaus viele Parallelen aufweisen.

Wohnhaustypen [9]

Dreiteiliger Aufbau

Der strukturelle Aufbau eines Gebäudes in drei Zonen unterschiedlicher Wertigkeit und Ausbildung ist ein weit verbreitetes Prinzip in südostasiatischen Architekturtraditionen. Die Gliederung in Unterbau, Wandzone und Dachbereich ergibt sich als Resultat mehrerer Faktoren, die zueinander in logischer Verknüpfung stehen: der bautechnische Schutz gegen Nässe (Abhalten der hohen Bodenfeuchtigkeit durch Pfahlbauweise und mächtige Überdachung als Schutz gegen heftige tropische Regengüsse); die konstruktive Bewältigung der Erdbebensicherheit [10] (Vermeiden der direkten Übertragung dynamischer Kräfte); und schließlich die Symbolik von Unterwelt, irdischer und überirdischer Welt, die im indischen Kulturraum nicht nur in der Sakralarchitektur typenbildend wirkt [11], sondern sich auch auf das Konzept des Wohnhauses auswirkt.

Resultiert also aus bautechnischen und funktionalen Ursachen eine Gliederung des Baukörpers in drei Zonen unterschiedlicher Wertigkeiten, so generiert die Symbolik des Bauwerk in seiner Widerspiegelung kosmischer Vorstellungen eine Steigerung dieser Wertigkeiten vom Unterbau über die Wandzone zur Dachzone. Dieser Steigerung im Symbolgehalt entspricht eine Steigerung der Gestaltung – sowohl in der ornamentalen Wertigkeit als auch in der geometrischen Valenz, artikuliert im Übergang vom Stabwerk des Unterbaus über die flächige Ausbildung der Wandzone zur skulpturalen Gestaltung des Dachkörpers (Abb. 2).

Abb. 2: Drei charakteristische Bautypen der Karo-Batak, die in ihrem Aufbau von Unterbau, Wandzone und Dachbereich deutlich die Wertigkeit dieser drei Zonen zeigen; den höchsten Rang nimmt dabei die Dachzone ein. (Zeichnungen nach: Müller 2005)

Unterbau: Sphäre des Animalischen

Der Unterbau des Hauses entspricht in seiner symbolischen Wertigkeit der Unterwelt, der Welt des Übels und der animalischen Begierden. In dieser Zone des Hauses wird der Abfall gelagert, hier befinden sich Stallungen für die Haustiere  [12] Die niederrangige Bedeutung des Unterbaus drückt sich in der geringen Beachtung einer ästhetischen Ausführung aus. Die nackte Konstruktion bleibt ohne Ornamentierung und künstlerisch-skulpturale Ausbildungen; Vorrichtungen für die statische und dynamische Festigkeit werden nicht verborgen, sondern in aller Deutlichkeit präsentiert: Die Zapfenverbindungen zwischen den vertikalen Pfählen und den horizontalen Aussteifungshölzern, sowie die manchmal recht ungefügen Basissteine, welche ein rasches Verrotten der Pfähle verhindern sollen (Abb. 3). [13]

Abb. 3: Die Skelettkonstruktion des Unterbaus eines Wohnhauses der Karo-Batak mit den deutlich zur Schau gestellten bautechnischen Details der Schlitz-Zapfenverbindungen und der Basissteine, die das Verrotten der Steher verhindern sollen (Lingga).

Wandzone: Sphäre des Menschlichen

Die Wandzone – Aufenthaltsort der Hausbewohner – entspricht in ihrer Symbolik der Sphäre der irdischen Welt. Begrenzt wird dieser Bereich durch einen ebenflächigen Abschluss in Form einer Plankenwand; der Dekor ist weitgehend flächig und zeigt in manchen Fällen sehr deutlich seine Verwurzelung in bautechnischen Elementen, wie etwa bei den konstruktiven Verschnürungen der Wandplanken, die in ihrer obligatorischen Ausführung zu abstrahierten Darstellungen von Eidechsen umgedeutet werden (Abb. 4). Ähnlich der Ausbildung des Unterbaus werden konstruktive Details also auch in der Wandzone noch gezeigt, hier allerdings transformiert zu Dekorformen. [14]

Abb. 4: Konstruktive Details der Wandzone als Dekor: Plankenverschnürungen in Form von Eidechsen an einem Wohnhaus der Karo-Batak (Peceren).

Dachzone: Sphäre des Göttlichen

Der Dachbereich bildet die voluminöseste Zone im dreiteiligen Aufbau des Hauses. In seiner Symbolik wird er der Welt des Göttlichen, der Ahnen, gleichgesetzt und bleibt im Wesentlichen frei von praktischer Nutzung. [15] Die Position des Daches als höchstgelegenes Element des Bauwerks entspricht der Vorstellung der Götterwelten am Gipfel des kosmischen Berges Meru. [16] Anstatt der nackten Konstruktion des Unterbaus oder dem flächigen Dekor der Wandzone wird der gesamte Dachbereich in seiner Körperhaftigkeit zur Skulptur. In der baukulturell-individuellen Gestaltung des Dachkörpers finden wir hier die stärksten Unterschiede zu anderen Ethnien: Die Dachform wird zum Zeichen kultureller Identität.

So weist die Dachgestalt des traditionellen Hauses der Toba-Batak zwei wesentliche Hauptcharakteristika auf: eine extreme Durchbiegung des Satteldaches [17] und eine mehrfach durchbrochene, hypertroph dekorierte Giebelzone, wodurch die höchst charakteristische Gestalt des Daches sowohl bei der Betrachtung von der Seite als auch in der Frontalansicht in Erscheinung tritt. Beides ist von Relevanz im Siedlungsbild des Toba-Dorfes mit seinem lang gestreckten zentralen Platz: In Blickrichtung längs des Platzes dominieren die markanten sattelförmigen Dächer, in Blickrichtung zu den Häusern reihen sich die charakteristischen mehrschichtigen Giebelfronten aneinander (Abb. 5).

Abb. 5: Die markante Gestalt der sattelförmigen Dächer mit ihren weit vorkragenden Giebeln verleiht den Dorfplätzen der Toba-Batak ihre charakteristische Prägung. Leider sind heutzutage fast alle der ursprünglichen Strohdeckungen durch Wellblech ersetzt (Samosir).

Bei den traditionellen Wohnhäusern der Karo-Batak sind die bestimmenden Charakteristika der Dächer nicht nur deren markante Formgebung, sondern auch das dominante Volumen, in seiner Mächtigkeit das Erscheinungsbild des einzelnen Bauwerks und sogar der Siedlung bestimmend. Der Dachkörper des Karo-Batak-Wohnhauses weist ebenfalls zwei Schauseiten mit unterschiedlicher Charakteristik auf: Von der Frontseite aus betrachtet erscheint das Dach in der Silhouette eines einfachen Dreiecks, aber differenziert in der Oberflächenstruktur, nämlich dem Deckungsmaterial im Fußwalmbereich und dem Flechtwerk im Giebelbereich, während es hingegen von der Seite aus betrachtet zwar eine einheitliche Oberflächenstruktur, jedoch eine differenziert-markante Silhouette aufweist, die dem Dach den Namen "Wasserbüffel" eingebracht hat (Abb. 6). [18]

Abb. 6: Die markante Dachform des Wohnhauses der Karo-Batak, gezeigt in ihren unterschiedlichen Schauseiten der Frontalansicht (links) und Seitenansicht (rechts) (Lingga und Barusjahe).

Durch die beträchtliche Differenz zwischen Frontalansicht und Seitenansicht der Dachkörper, die sowohl bei den Haustypen der Toba als auch der Karo offensichtlich ist und bemerkenswerterweise durch unterschiedliche Gestaltungsmittel erreicht wird, erhält der Baukörper des Wohnhauses in seiner Gesamtheit eine markante axiale Ausrichtung. Diese Ausrichtung wird zum Ordnungsfaktor im Erscheinungsbild der Siedlung, sowohl bei den Toba-Batak, die gleichförmige Ausrichtung zum Platz hin akzentuierend, wie auch bei den Karo-Batak, die unregelmäßige Bebauung strukturierend, indem die Dachform den auf annähernd quadratischer Grundfläche aufbauenden Häusern eine ausgeprägte gemeinsame Ausrichtung verleiht. [19]

Gemeinsamkeiten im dreiteiligen Aufbau

Die Steigerung der Symbolik des architektonischen Ausdrucks und der Gestaltungsmittel vom Unterbau über die Wandzone zum Dachbereich wurde bereits in mehrfacher Hinsicht erwähnt: die sukzessive Steigerung von ästhetischer Wirkung und Dekorformen, die sukzessive Verschleierung konstruktiver Realitäten, sowie die sukzessive Steigerung von der Skelettstruktur des Unterbaus über die flächig begrenzte Wandzone zum körperhaften Dach. Der essentielle Faktor ist jedoch die Steigerung der identitätsbildenden Elemente (Abb. 7): Die Unterbauten werden bei den Toba und den Karo weitgehend identisch ausgebildet; die Wandzone erfährt bei den Haustypen beider Baukulturen eine flächige Begrenzung, weist jedoch unterschiedliche Dekorformen auf: Die Dachzone besitzt schließlich das höchste Potential an gestalterischer Identität, die sich in mehrfacher Hinsicht manifestiert: einerseits im Satteldach mit durchgebogenem First und gewölbten Dachflächen bei den Toba oder dem Fußwalmdach mit körperlich-kantig begrenzten ebenen Dachflächen bei den Karo; andererseits in den prominenten Frontseiten, welche bei den Toba aus mehreren Ebenen bestehen und mit Balkonen [20] als – mehr oder weniger symbolische – Verbindung der Privatzone des Hauses mit dem öffentlichen Bereich des Platzes versehen sind, während bei den Häusern der Karo der dichte Abschluss durch den Fußwalm und der darüber liegenden ebenflächig geschlossenen Giebelzone typenbildend wirkt.

Abb. 7: Im Aufbau von Unterbau, Wandzone und Dachbereich der Wohnhaustypen von Toba-Batak (oben) und Karo-Batak (unten) erkennt man wiederum deutlich die Hochrangigkeit der Dachzone, welche in ihrer jeweils charakteristischen Ausbildung typenbildend wirkt (3DModell: Müller 2005).

Räumliches Konzept

Die traditionellen Wohnhäuser der Karo-Batak und Toba-Batak differieren nicht bloß in ihrem Erscheinungsbild; ein entscheidender Unterschied besteht auch im räumlichen Konzept [21]. Ist das Toba-Wohnhaus im Wesentlichen für eine einzige Familie ausgelegt, so lebten im Karo-Wohnhaus bis zu acht Familien. Die größeren Dimensionen des Innenraums bedingten hier eine komplexere Struktur des Tragsystems, das kräftige Innenstützen aufweist, womit es möglich ist, den gesamten Innenraum ohne tragende Zwischenwände und damit ohne fixe räumliche Teilung auszubilden. [22] Die Platzeinteilung im Einheitsraum, dessen einzelne Kompartimente fallweise durch flexible Raumteiler wie Matten und Textilien visuell voneinander getrennt werden können, war dennoch für die Mitglieder des Haushaltes verbindlich vorgegeben und widerspiegelte die Rangordnung der Bewohner. [23] Entsprechend der großen Bewohneranzahl gibt es im Haus mehrere Feuerstellen, deren Rauch sich im hohen Dachraum verteilt und durch Giebelöffnungen und Dachdeckung abzieht. Ein zentraler Erschließungsgang verläuft genau in der Längsachse des Gebäudes und verbindet die beiden Eingänge an den beiden Fußwalm-Giebelseiten des Hauses, die im Wesentlichen identisch ausgebildet sind. Damit erhält das Bauwerk zwei Hauptfronten; es ist demnach nicht eindeutig nach einer bestimmten Seite hin ausgerichtet (Abb. 8 oben).

Abb. 8: Ein Vergleich der Grundrisse des Karo- und Toba-Wohnhaustyps zeigt die gänzlich unterschiedliche räumliche Konzeption: Zum einen das groß dimensionierte, nach zwei Seiten gerichtete Rumah der Karo-Batak (oberes Bild), zum anderen das wesentlich kleinere Rumah der Toba-Batak (unteres Bild), welches eine eindeutige Ausrichtung nach einer einzigen Seite hin aufweist; an der Rückseite ist als Anbau die Küche appliziert (Grundrisse nach Müller 2005).

Das Wohnhaus der Toba-Batak besitzt dagegen nur einen einzigen Eingang und ist somit konzeptuell nach einer Seite gerichtet, die als prominente Schaufront ausgebildet wird. Das Gebäude weist damit eine prononcierte "Vorder-" und "Hinterseite" auf, was sich nicht nur im Siedlungskonzept der entlang eines Platzes angeordneten Häuser auswirkt, sondern auch in der räumlichen Disposition des Kochbereichs: Ursprünglich besaß auch das Toba-Wohnhaus eine Feuerstelle im Inneren des Hauptraums; [24] unter dem Einfluss der europäischen Kolonisatoren wurde jedoch aus Gründen der Brandgefahr für die Kochstelle ein Anbau an der Rückseite des Hauses errichtet, [25] der eine starke räumliche Trennung des nutzbaren Innenraums bewirkt und damit möglicherweise den Auslöser für weitere fixe Raumteilungen gegeben hat, die heute des Öfteren errichtet werden und den ursprünglichen Einheitsraum in mehrere Kämmerchen zergliedern (Abb. 8 unten).

Eingangszonen

In vielen Baukulturen gehört die Eingangszone zu den prominentesten Bereichen im Erscheinungsbild des Hauses und nimmt im Allgemeinen eine dominante Position in der Hauptfassade ein. [26] In verschiedenen Baukulturen Südostasiens erfährt dagegen der Hauseingang keinerlei prominente Gestaltung — eine Situation, die auch für die Bautraditionen der Batak charakteristisch ist, aber auch hier von den ethnischen Gruppen der Karo-Batak und Toba-Batak wiederum in unterschiedlicher Art und Weise realisiert wird.

Die zurückhaltende Ausbildung der Eingangszone fällt als besonders merkwürdiges Phänomen dort auf, wo die Frontseite sich prestigeträchtig zur Schau stellt und mit Giebelbalkonen nach außen öffnet (Abb. 9 links): Der Eingang ins traditionelle Wohnhaus der Toba-Batak erfolgt über ein schmales Leiterchen durch eine von außen nicht erkennbare kleine Luke. Auch bei den Wohnhäusern der Karo-Batak liegen die Eingänge an den prominenten Giebelseiten, stehen jedoch ebenfalls in sonderbarem Kontrast zu den elaborierten Ausbildungen der Wand- und Dachzone: Die Eingangszone wird hier von einer Plattform aus primitiv zusammengebundenen Bambusrohren gebildet, an die eine ebenso primitive Leiter gelehnt ist (Abb. 9 rechts); ins Hausinnere gelangt man durch eine winzige Tür mit einer hohen Schwelle.

Abb. 9: In ihrer Anspruchslosigkeit stehen die Eingangssituationen bei den traditionellen Wohnhäusern der Batak im krassen Gegensatz zur übersteigerten Gestaltung der Hauptfassaden: Bei den Toba-Batak (Bild links) ist es ein bescheidenes Leiterchen, bei den Karo-Batak (Bild rechts) eine primitive Plattform aus zusammengebundenen Bambusstäben (Ambarita und Barusjahe).

Eine der Ursachen für derartig bescheidene Ausbildungen der Eingangszone ist die Verteidigungsfunktion der Wohnhäuser: In dem einen Fall haben es unliebsame Eindringlinge schwer, durch eine weit hinter die Außenwand versetzte Luke, wie sie bei den Toba gebräuchlich ist, ins Hausinnere zu gelangen; im anderen Fall können die wie Provisorien erscheinenden Eingangsplattformen der Karo bei einem drohenden Angriff mit wenigen Handgriffen abgebaut werden.

Übrigens ist die Existenz dieser Bambusplattformen im ursprünglichen Konzept der traditionellen Karo-Batak-Wohnhäuser zu hinterfragen. Es könnte sich um eine nachträglich – möglicherweise unter dem Einfluss der Europäer [27] – entstandene Eingangslösung handeln. Auch die Hauseingänge der Toba-Batak scheinen eine bedeutendere Rolle erst in jüngerer Zeit und unter europäischem Einfluss genommen zu haben: Vielen Wohnhäusern der Toba ist heute eine massive Freitreppe aus Beton vorgelagert, die in höchst seltsamem Kontrast zum Holzskelettbau des Hauses steht (Abb. 10). [28] Als Pendant zu dieser Situation mögen die merkwürdigen, des Öfteren aus Betonfertigteilen hergestellten Stiegenaufgänge erwähnt werden, die im rührend-hilflosen Streben nach Modernisierung an die traditionellen Ovalhäuser im Norden von Nias, einer Sumatra vorgelagerten Insel, [29] appliziert werden. [30]

Abb. 10: Zur Aufwertung der Eingangssituation werden den traditionellen Wohnhäusern der Toba-Batak heute oft völlig deplaciert wirkende Freitreppen aus massivem Beton vorgelagert (Samosir).

Transition

Veränderung von Haustypen

Architekturtraditionen sind lebendiger Ausdruck von Kulturen und reagieren, im steten Wandel begriffen, auf gesellschaftliche und technologische Veränderungen. Prägungen von traditionellen Bautypen ändern sich demnach umso schneller, je kurzlebiger ihre Einzelobjekte sind. Die in feucht-tropischen Klimazonen errichteten Holzskelettbauten erreichen eine Bestandsdauer von höchstens ein bis zwei Generationen und werden nur unter der Voraussetzung von gleich bleibenden Verhältnissen des sozialen Umfelds in gleicher Art wieder errichtet; sukzessive Veränderungen der Gesellschaftsstruktur bewirken dagegen eine fortlaufende Entwicklung der indigenen Bautypen. Der massive Impact "westlicher" Kultur europäisch-amerikanischer Prägung, der einen radikalen Bruch in den indigenen Kulturen der sogenannten Dritten Welt bewirkte, übersteigt jedoch die Erneuerungskraft und Entwicklungsfähigkeit tradierter Baukulturen bei Weitem.

Vom Bruch mit gesellschaftlichen Traditionen ist die indigene Architektur der Karo-Batak in besonderer Weise betroffen. Durch den Ersatz der Großfamilie durch die Kleinfamilie [31] haben die Einraum-Wohnhäuser der Karo-Batak mit Innenräumen, die mehrere hundert Quadratmeter Grundfläche besitzen, ihre Funktion verloren. Nur noch sporadisch genutzt, sind sie einem rapiden Verfall ausgesetzt, weil der Arbeitsaufwand für die im tropischen Klima nötigen periodischen Sanierungsarbeiten nicht mehr gerechtfertigt erscheint, zudem es auch an Materialressourcen mangelt, da auf Sumatra der größte Teil des ursprünglichen Bestandes an wertvollem Bauholz aus Profitgier gerodet und ins Ausland verkauft wurde.

Die indigene Baukultur der Toba-Batak besitzt in dieser Hinsicht eine wesentlich günstigere Ausgangslage. Die relativ kleinen Häuser lassen sich dem Wohnraumbedarf von Kleinfamilien anpassen und können von diesen auch besser instand gehalten werden. So haben sich in den Kerngebieten des Toba-Landes, vor allem auf der Halbinsel Samosir im Toba-See, traditionelle Bauformen in ungewöhnlich großer Zahl erhalten. Hier existieren noch gut erhaltene Ensembles, auch wenn die ursprüngliche funktionale Struktur von Wohnhäusern und vis-a-vis stehenden Speicherbauten nicht mehr besteht: Nachdem aufgrund der heute üblichen kollektiven Versorgung die traditionellen familieneigenen Sopos (Speicherbauten) ihre Funktion verloren hatten, wurden sie in Rumahs (Wohnhäuser) umfunktioniert, [32] indem man das aus einer Arbeitsplattform bestehende Mittelgeschoss mit einer Bretterwand ummantelte und den Eingang an die Bedürfnisse eines Wohnbaus anpasste. [33] Im Erscheinungsbild der Siedlungsstruktur ergaben sich dadurch keine grundlegenden Veränderungen, da die Bautypen des Rumah und des Sopo in ihren formalen Charakteristika viele Übereinstimmungen aufweisen.

Eine einschneidende Veränderung im Erscheinungsbild der Toba-Siedlungen wurde allerdings durch die – immerhin positiv zu wertende – sukzessive Befriedung des Landes verursacht. Die in den früheren kriegerischen Zeiten angelegten und mit dichten Bambushecken bepflanzten Erdwälle, welche die Dörfer als sicherer Schutz gegen Angriffe feindlicher Stämme umgaben, bestehen heute nur noch in Rudimenten. Das traditionelle Erschließungskonzept der Dörfer – ausschließlich in deren Längsrichtung [34] – wurde durch das Abtragen der Siedlungsumwallungen aufgebrochen; die Stringenz der klassisch-linearen Längsentwicklung ist durch die heute oft üblichen Dorfzugänge an den der Straße zugewandten Langseiten nicht mehr in vollem Umfang erlebbar.

Im Vergleich der traditionellen Haustypen der Toba-Batak und der Karo-Batak zeigt sich also sehr deutlich der Stellenwert der Variabilität in den Möglichkeiten funktionaler Nutzung für eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Architekturtraditionen. Einschneidende gesellschaftliche Veränderungen führen nicht zwingend zu Bruch und Neubeginn einer Baukultur; in solchen Situationen hängt deren Weiterbestehen von mehreren unterschiedlichen Voraussetzungen ab: Einerseits müssen die tradierten Bautypen ihre Entwicklungsfähigkeit beweisen, in funktionaler und konstruktiver Hinsicht die Veränderungen von Gesellschaft und Technologie zu bewältigen, andererseits muss aber auch in der Gesellschaft eine allgemeine Akzeptanz kultureller Tradition und Identität verankert sein.

Identität

Trotz des massiven Impacts westlicher Kultur spielen im täglichen Leben der Batak gesellschaftliche Traditionen eine nicht unbedeutende Rolle; auch heute noch wird das Sozialverhalten vom Adat geregelt, dem ungeschriebenen Gewohnheitsrecht, welchem im traditionellen Siedlungsverband oft höhere Bedeutung zugemessen wird als dem staatlich kodifizierten Gesetz. Damit ist kulturelle Identität auch heute noch ein Thema, das sich auf verschiedenen Ebenen zeigt.

Abb. 11: Eines der obligatorischen indonesischen Straßenportale an der Durchzugstraße nach Brastagi, als "Tor der Region" den Eintritt in das Gebiet der Karo-Batak markierend, gestaltet als Collage charakteristischer Elemente der indigenen traditionellen Architektur.

Abb. 12: Einigermaßen moderne Verkaufsbude im Stadtzentrum von Brastagi mit aufgesetzten Dachelementen der traditionellen Karo-Batak-Architektur.

Die Stellung der Architektur in diesem Zusammenhang ist höchst aufschlussreich: Die traditionellen Bautypen der verschiedenen ethnischen Gruppen verkörpern deren kulturelle Zugehörigkeit und sind Symbol regionaler Identität: So tragen die für Indonesien typischen, auf den Durchzugsstraßen errichteten riesigen Torbauten, welche Provinz- und Bezirksgrenzen markieren, auf ihren Flankenpfeilern Modelle traditioneller Haustypen mit deren charakteristischen Dachformen (Abb. 11); Denkmäler und Grabstätten werden an mehr oder weniger passenden Stellen mit Applikationen charakteristischer Bauteile und Baudetails traditioneller Architektur geschmückt; Verkaufsbuden, Restaurants, Tankstellen, Busstationen und sogar Müllcontainer markieren ihre regionale Zugehörigkeit mit aufgesetzten Dächern traditioneller Wohnhäuser und Speicherbauten (Abb. 12); Verwaltungsbauten der Regierung und öffentlicher Einrichtungen werden als überdimensionierte Modelle traditioneller Wohnhäuser errichtet (Abb. 13); und auch die in ihrer unfassbaren Hässlichkeit unübertreffbaren obligatorischen Befreiungsdenkmäler zeigen ihre Zugehörigkeit zum entsprechenden Distrikt unmissverständlich durch applizierte Details traditioneller lokaler Bauformen (Abb. 14).

Abb. 13: Modernes Verwaltungsgebäude, errichtet als hypertrophes Modell eines traditionellen Wohnhauses der Toba-Batak (Tarutung).

Abb. 14: Hemmungsloser Regionalismus scheut auch nicht vor der Vereinnahmung der unvermeidlichen indonesischen Befreiungsdenkmäler zurück: Die martialische Siegessäule von Brastagi wächst aus einem betonierten Karo-Batak-Wohnhausmodell.

Die Klassiker unter den Bautypen, die ihre kulturelle Identifikation mit der zugehörigen ethnischen Gruppe durch Applizieren baulicher Charakteristika lokaler Architekturtraditionen zu vermitteln suchen, sind im Batak-Land zweifellos die Grabstätten. Die unzähligen hier allenthalben anzutreffenden Grüfte sind von den ortstypischen traditionellen Dachformen bekrönt; Stufenpyramiden werden angelegt mit Balustraden, welche wie die Balkonbrüstungen an den Frontseiten der Wohnhäuser ausgebildet sind; Modelle traditioneller Wohnhäuser krönen die Grabplatten, und manchmal tragen die Grabbauten Teile ganzer Siedlungsmodelle (Abb. 15).

Abb. 15: In der Toba-Region werden die Grabmonumente von Wohnhausmodellen in traditioneller Bauform geziert. Manchmal findet sich eine ganze Gruppe davon auf einer Gruft (Grabstätte bei Pangururan).

Bisweilen führt die Sucht nach kultureller Identität in der architektonischen Expression bis an die äußersten Grenzen des Zumutbaren, wie etwa bei dem als "Die Pyramide" bekannten Grabdenkmal auf Samosir, das sich als riesenhafter steingemauerter Kegel präsentiert, dem an der Frontseite ein halbiertes Toba-Wohnhaus vorgesetzt ist (Abb. 16).

Abb. 16: "Die Pyramide", eine Grabstätte in Form eines kolossalen steingemauerten Kegels mit einem vorgelagerten halbierten Toba-Wohnhaus als Eingang (Samosir).

Derartige Höhepunkte jenseitigen Architekturverständnisses werden auf Sumatra manchmal noch übertroffen von den Ausgeburten lokaler christlicher Sakralbaukunst. Im hartnäckigen Bestreben der Kirche, sich den Batak anzubiedern, die noch vor einem Jahrhundert ihre kannibalischen Traditionen durch das Verzehren von Missionaren gepflegt hatten, entstehen beispiellose kompositorische Synkretismen des vom obligaten Stahlbetonskelettbau-geprägten anonymen indonesischen Kirchentyps mit regionaltypischen Architekturformen. Die prestigeträchtigsten Elemente des Standard-Sakralbautyps werden ohne Rücksicht auf konzeptionelle Zusammenhänge durch Bauteile lokaler Architekturtradition ersetzt: Ebenso, wie anstatt eines Turmdaches hin und wieder das Modell eines Wohnhauses aufgesetzt wird, findet manchmal auch ein halbiertes traditionelles Wohnhaus als Kircheneingang seinen Platz (Abb. 17). Das endgültige Aufgehen in den Traditionen der indigenen Baukultur erreicht die christliche Sakralarchitektur schließlich mit Bauten, deren Charakteristik vollständig vom Wohnbautyp kopiert wurde, wie etwa bei der katholischen Kirche von Pangururan (Samosir), die zwar das zigfache Volumen eines klassischen Toba-Wohnhauses aufweist, dennoch bis ins Detail sogar dessen Eingangssituation nachbildet, auch wenn deshalb eine ergänzende behindertengerechte Rampe angefügt werden musste, wodurch das ursprünglich wohl angestrebte Erscheinungsbild dann doch etwas beeinträchtigt wird (Abb. 18).

Abb. 17: Mit dem Modell eines halbierten traditionellen Toba-Wohnhauses als Eingang erhält die in der obligatorischer Stahlbetonskelettkonstruktion errichtete indonesische Kirche den ersehnten regionalen Touch.

Abb. 18: Die katholische Kirche von Pangururan (Samosir), errichtet als monströses Modell eines traditionellen Wohnhauses der Toba-Batak, allerdings ausgestattet mit allem Komfort westlicher Zivilisation.

In allen diesen Beispielen zeigt sich ein verzweifeltes Streben nach regionaler Zugehörigkeit, nach kultureller Identität, die im Zeitalter des global-uniformen Architekturschaffens die letzten Stadien des Auflösungsprozesses zu erreichen droht. Kultur – und dazu zählt selbstverständlich auch die Architektur – entwickelt sich aus einem bestimmten Umfeld von regionalen Umweltbedingungen und den Errungenschaften der indigenen Gesellschaft. Importierte Kultur, entstanden und entwickelt in einem anderen Umfeld, verliert ihre Relevanz — vor allem, wenn sie sich als weltweite Standardisierung vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Profitmaximierung erklärt.

Die globale Standardisierung der gebauten Umwelt führt nicht nur zum Verlust der kulturellen Vielfalt, sondern verhindert auch eine Weiterentwicklung lebendiger Architektur. Ein derartiger Verlust der Vielfalt von Architekturtraditionen wäre aber gleichbedeutend mit dem Verlust aller kulturellen Identität: Ein Szenario, in dem der Niedergang der Baukultur in deren Gesamtheit unvermeidlich sein würde.



[1] Der südostasiatische Archipel, auch als "Malaiischer Archipel" bezeichnet, umfasst die zwischen dem Indischen und Pazifischen Ozean gelegenen Großen und Kleinen Sunda-Inseln, Borneo, Sulawesi, die Molukken, die Philippinen und Neuguinea, sowie viele weitere kleine Inseln.

[2] Nach offizieller Zählung besteht die Republik Indonesien aus 13.677 Inseln; ständig besiedelt sind allerdings weniger als tausend davon (Quelle: Bill Dalton: Indonesien-Handbuch. Bremen 1985. S. 7).

[3] Sumatra, die westlichste der Sunda-Inseln, ist mit einer Fläche von mehr als 425.000 km² die sechstgrößte Insel der Welt und wird derzeit von etwa 46 Mill. Menschen bewohnt (Quelle: City population.Population statistics. http://www.citypopulation.de/Indonesia-CU.html).

[4] Der Ausdruck "wohltemperiert" entspricht hier der subjektiven Einstellung eines Bewohners gemäßigter Klimazonen; ein im Tiefland lebender Indonesier würde Temperaturen unterhalb von etwa 25°C als unangenehm kühl empfinden und ernstliche Gesundheitsschäden befürchten.

[5] Die ethnischen Gruppen der Batak siedeln in den hoch gelegenen Regionen um den Toba-See in Nordsumatra (Provinz Sumatera Utara). Das Kerngebiet der Minangkabau befindet sich im Hochland Westsumatras (Provinz Sumatera Barat).

[6] Die Acehnesen (Achinesen, Atjeher, Atschinesen; s. dazu: Waldemar Stöhr (Hg.): Lexikon der Völker und Kulturen. 3 Bde. Braunschweig 1976. Bd. 1. S. 41 f.) waren bis gegen Ende des 17. Jhds. das mächtigste Volk auf Sumatra gewesen. Möglicherweise aufgrund dieses vermeintlichen alten Anspruchs, sicherlich aber wegen ihrer streng muslimischen Glaubenshaltung setzen sie sich bewusst von den anderen indonesischen Ethnien ab, die eine wesentlich tolerantere Religionspolitik verfolgen, wie dies insbesondere in der Provinz Nordsumatra durch den großen Bevölkerungsanteil von Christen deutlich wird.

[7] Die Anlage von Siedlungen und Städten in küstennahen tief gelegenen Gebieten, wie sie vor allem seit der Zeit des europäischen Kolonialismus in der Umgebung von Seehäfen entstanden, war in traditionellen Baukulturen Indonesiens im Allgemeinen nicht üblich. Die Nachteile des Ignorierens dieser Tradition zeigten sich dann auch beim großen Tsunami im Jahre 2004, welcher die Küstensiedlungen in Aceh austilgte.

[8] Üblicherweise werden die Batak in eine Nord- und eine Südgruppe eingeteilt, die sich durch ihre Dialekte unterscheiden. Zur Nordgruppe zählen die Pakpak-, Dairi- und Karo-Batak, zur Südgruppe die Mandailing-, Angkola und Toba-Batak. Die Simalungun-Batak nehmen eine Mittelstellung ein, wie sich dies auch deutlich in Konstruktion und Erscheinung der traditionellen Architektur ausdrückt. (Zusammenfassende Kurzdarstellungen über die Batak: Achim Sibeth u.a.: Mit den Ahnen leben. Batak. Menschen in Indonesien. Stuttgart 1990. Christoph Müller: Architekturtradition. Traditioneller Wohn- und Siedlungsbau in der Provinz Nordsumatra. Wien TU Diss. 2005. Kap. 3.2. Stöhr 1976. Wie Anm.  [6]. S. 59 f.

[9] Der Artikel beschränkt sich im Wesentlichen auf die Typen der Wohnhäuser (Rumah) von Karo-Batak und Toba-Batak, da ein Einbeziehen anderer Bautypen den Rahmen des Beitrags sprengen würde. Dennoch soll hier angemerkt werden, dass die Bautypen der Speicher (Sopo) in ihrer architektonischen Wertigkeit eine beinahe ebenso große Bedeutung besitzen wie die Rumah.

[10] Indonesien ist eine der durch Erdbeben am höchsten gefährdeten Regionen der Welt.

[11] Auf diesem Konzept der Dreiteilung baut sowohl der hinduistische als auch der buddhistische Kultbau auf. In Indonesien haben diese beiden Religionen die Errichtung zahlreicher bedeutender Sakralanlagen hinterlassen, bevor die Islamisierung – in manchen Gebieten auch die Christianisierung – die ursprünglichen Religionen verdrängte.

[12] Der Raum zwischen den Pfählen des Unterbaus wird vor allem bei den Wohnhäusern der Toba-Batak für die Haltung von Schweinen und Hühnern genutzt. Die horizontalen Aussteifungshölzer der Pfahlbaukonstruktion dienen dabei gleichzeitig als Gatter für die Tiere.

[13] Durch ein Eingraben der Pfähle ergäben sich zwar prinzipiell bedeutende Vorteile für das statische System, es entstünden jedoch noch wesentlich gravierendere Nachteile wegen des rasch fortschreitenden Verrottens der Steher, die im tropischen Klima Sumatras durch das Ansaugen von Bodenfeuchtigkeit binnen kurzer Zeit verfaulen würden.

[14] Neben den Schnürungsmustern kommen bisweilen auch aufgemalte Ornamente vor (wobei Rankengebilde sehr beliebt sind) und manchmal sogar szenische Darstellungen. Oft lässt sich dabei jedoch feststellen, dass derartiger Dekor unter kolonialem Einfluss entstanden ist (für die Ornamentik in der Architektur der Batak siehe: Andrianus G. Sitepu: Ragam hias (ornamen) tradisional Karo. seri: A. Kabanjahe 1980. Herlan Panggabean (Hg.): Ornamen (ragam hias) rumah adat Batak Toba. Medan 1997/1998. Samaria Ginting / Andrianus G. Sitepu: Ragam hias (ornamen) rumah adat Batak Karo. Medan 1994/1995.

[15] Verschiedene traditionelle Riten beziehen sich auf die Vorstellung, dass der Dachraum von den Ahnen bewohnt wäre. Als Hinweise seien hier der im Dachraum befindliche Opferplatz für die Stammeltern bei den Toba-Batak erwähnt, oder der von einem Medium in Trance vollführte Ritualtanz bei den Karo-Batak, bei dem durch das Berühren eines Dachbalkens der Kontakt zu den Geistern der verehrten Verstorbenen aufgenommen wird (Sibeth 1990. Wie Anm.  [8]. S. 49. Roxana Waterson: The Living House. An Anthropology of Architecture in South-East Asia. Oxford 1990. S. 227).

[16] In den religiösen Vorstellungen des von Indien beeinflussten Kulturraums symbolisiert der mythologische Berg Meru das Zentrum des Universums und die Achse der Welt, gegliedert in die Unterwelt mit den Höhlen der dämonischen "alten Götter", die mittlere Welt mit dem Lebensraum von Menschen, Tieren und Pflanzen, sowie die überirdische Welt mit den Sphären der himmlischen Wesen und Götterpaläste. (Zur Mythologie des Berges Meru existieren zahlreiche Beschreibungen und Interpretationen; siehe dazu beispielsweise: John Snelling: Buddhismus. Ein Handbuch für den westlichen Leser. München 1991 (1London 1987). S. 52 ff).

[17] Durchbiegungen des Firstes sind auch für andere Baukulturen in Südostasien und Ozeanien charakteristisch, beispielsweise für die Toraja auf Sulawesi oder Baukulturen auf Neuguinea. Die gestalterischen Intentionen betreffend ist es allerdings nicht ganz richtig, von einer "Durchbiegung" des Firstes zu sprechen; tatsächlich ist das Hochziehen des Firstes an den Giebelseiten ausschlaggebend, wodurch der Prestigefaktor der hoch empor ragenden Giebelfronten eine beträchtliche Steigerung erfährt. (Zu den verschiedenen Arten von gebogenen Dachfirsten und ihrer Entwicklung in Indonesien siehe: Gaudenz Domenig: Tektonik im primitiven Dachbau. Zürich 1980.).

[18] In diesem Zusammenhang mag die Bedeutung des Wasserbüffels als Symbol für Reichtum und soziales Prestige in Indonesien erwähnenswert sein. Gilt in anderen Regionen des insularen Südostasien – beispielsweise bei den Toraja auf Sulawesi – die Zurschaustellung einer möglichst großen Anzahl von Wasserbüffelhörnern an der Hausfront als Statussymbol (Waterson 1990. Wie Anm.  [15]. S. 140, 141), so bildet bei den Karo-Batak ein Wasserbüffelkopf den prestigeträchtigen höchsten Punkt des Hauses über der Giebelspitze.

[19] Die Ausrichtung der Häuser ergibt sich einerseits aus der Anlage der Lüftungsöffnungen in den Giebelflächen des Dachbereichs zur vorherrschenden Windrichtung, also auf einer klimatechnischen Lösung, andererseits auf symbolisch-mythologischen Vorgaben.

[20] Zu den charakteristischen Giebelbalkonen der Toba-Wohnhäuser vgl. Gaudenz Domenig: "Consequences of functional change. Granaries, granary-dwellings, and houses of the Toba Batak". In: Reimar Schefold / Gaudenz Domenig / Peter Nas: Indonesian houses. Tradition and transformation in vernacular architecture. Leiden 2003. S. 81 ff.

[21] Zur Raumaufteilung bei den Wohnhäusern der Toba- und Karo-Batak siehe Müller 2005 (vgl. Anm.  [8]). Kap. 8.1.

[22] Die Wohnhäuser der Karo-Batak besitzen annähernd quadratischen Grundriss und entsprechen damit nicht dem für größer dimensionierte Holzskelettbauten angewandten Langhaus-System, wie es in anderen Bautraditionen Südostasiens öfters auftritt; in einem derartigen Fall hätte ein einfaches Tragsystem additiv in Längsrichtung angeordnet werden können.

[23] Siehe dazu: Sibeth 1990 (vgl. Anm.  [8]). S. 56.

[24] Entsprechend der kleineren Dimensionen des Toba-Hauses und der entsprechend geringeren Bewohnerzahl befindet sich hier nur eine einzige Feuerstelle anstelle von mehreren wie im Wohnhaus der Karo-Batak.

[25] Diese heute obligatorischen Küchenanbauten an den Rückseiten der traditionellen Wohnhäuser der Toba-Batak weisen sich durch ihre unbedarften Bauformen (einfaches Satteldach – oder seltener abgewalmtes Dach – mit geradem First und simple Wand- und Giebelverbretterung) als Fremdkörper im architektonischen Gesamtkonzept aus, auch wenn sie bei den jüngeren Gebäuden gleichzeitig mit dem Hauptbau errichtet werden.

[26] Die Artikulation als "Hauptfassade" wird in vielen anderen Baukulturen vor allem durch die Positionierung des – in vielen Fällen aufwändig gestalteten und optisch durch Umrahmungen und flankierende Elemente vergrößerten – Einganges an der Frontseite erreicht.

[27] Sumatra wurde 1825 von den Niederländern in Besitz genommen; als erstes Gebiet im Batak-Land wurde 1835 Mandailing unterworfen.

[28] Es soll hier erwähnt werden, dass vereinzelt und sehr selten auch aus Stein gehauene Eingangstreppen auftreten, die aber möglicherweise ebenfalls Applikationen aus jüngerer Zeit sind, wie etwa in Huta Siallagan bei Ambarita (Samosir), wo die weithin bekannten Steinskulpturen des Dorfplatzes erst aus den 1930-er Jahren stammen (Sibeth 1990 (vgl. Anm.  [8]). S. 44).

[29] Nias gehört ebenso wie das Gebiet der Batak zur indonesischen Provinz Sumatera Utara. Selbstverständlich hat die Insel Nias durch ihre isolierte Lage (120 km von der Küste Sumatras entfernt) eine eigenständige – und übrigens hoch interessante – Entwicklung erfahren; in den architektonischen Konzepten der Baukunst von Nord-, Mittel- und Südnias sind allerdings gewisse Parallelen mit der indigenen Architektur der Hauptinsel Sumatra vorhanden (zur Architektur von Nias s. beispielsweise: Jerome A. Feldmann: The architecture of Nias, Indonesia with special reference to Bawomataluo village. Ph. D. Columbia University 1977. Alain Viaro: Urbanisme et architecture traditionnels du sud de l'île de Nias (Etablissements Humains et Environnement Socio-culturel, issue 21). 1980. Achmad Bagoes Poerwono Wiryomartono: Cosmological and spatiotemporal meanings of a traditional dwelling in South Nias, Indonesia. Aachen Techn. Diss. RWTH 1989.

[30] Die Positionierung dieser Eingänge an einer der kurzen Rundseiten der traditionellen Häuser ist im Vergleich mit der generellen Situierung des Eingangs an den Langseiten von Ovalhäusern völlig unüblich und deutet auf eine nachträgliche Veränderung des Eingangskonzepts hin, also auf das Hinzufügen eines Eingangs mit prominenterem Erscheinungsbild.

[31] Es muss hier allerdings angemerkt werden, dass die Personenzahl im Haushalt einer indonesischen Kleinfamilie doch immer noch um Einiges höher liegt als jene einer europäischen Kleinfamilie.

[32] Für die Umfunktionierung von Sopos zu Rumahs siehe Domenig 2003 (vgl. Anm.  [20]). S. 61 ff.

[33] Die Erschließung der traditionellen Sopos erfolgte über einen gekerbten Baumstamm durch eine in den Dachraum führende kleine Öffnung und ist in dieser Art für einen Wohnbau unbrauchbar.

[34] Ursprünglich befanden sich die Zugänge durch die Umwallung der Toba-Siedlungen nur an deren Schmalseiten.

 

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