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Teil 1: Das Eigene und das Fremde

Im März 1858 erreichte William Howard Russell als Korrespondent der Londoner Times die Stadt Lucknow im Norden Indiens, um als Kriegsberichterstatter über den Feldzug der Armee der East India Company gegen die ehemalige Hauptstadt und Residenz der Könige von Oudh zu berichten. [1] Die Armee schlug ihr Hauptquartier südlich der feindlichen Befestigungen im Landsitz Dilkusha auf. Vom Dach dieses schlossartigen Gebäudes verschaffte sich Russell einen ersten Überblick über die Stadt.

"Wenn ich heute daran denke, kommt es mir vor wie ein Tagtraum, wie eine Fata Morgana aus Palästen, Minaretten, azurblauen und goldenen Kuppeln, Kolonnaden, langen, wunderschönen Fassaden aus Pfeilern und Säulen und flachen Dächern – eine Märchenstadt, die sich aus einem friedlichen Meer üppigster Vegetation erhebt. So weit der Blick reicht, nichts als [dieses] Meer, und mittendrin schimmernde Minarette, goldene Dächer, die in der Sonne glitzern, sternengleich funkelnde Türme und Goldkugeln. Man sieht nichts Schäbiges oder Armseliges. Eine Stadt, größer und prachtvoller als Paris, scheint vor uns zu liegen. Ist dies hier Oudh? Ist dies die Hauptstadt einer halbbarbarischen Rasse, errichtet von einer ruchlosen, schwachen und entarteten Dynastie? Ich muß gestehen, daß ich mir immer wieder am liebsten die Augen gerieben hätte." [2] (Abb.1)

Abb. 01. Blick aus der Martinière auf Lucknow. Das schlossartige Gebäude der Martinière befindet sich wenig weiter nördlich vom Landschloss Dilkusha, wo William Russell seine ersten Beobachtungen notierte. Die wiedergegebene Aussicht ist mehr oder minder ein Phantasiebild. Die große Kuppel am rechten Bildrand soll möglicherweise die Shah Najaf Imambara darstellen, hat aber wenig Ähnlichkeit mit Gebäude (vgl. hier ). Undatierter Stich (ca. 1858), Quelle möglicherweise The Illustrated London News.

Russells Bericht steht nicht allein. Auch der Schweizer Kaufmann Ruutz Rees, der Lucknow im Jahr zuvor von der Residenz der britischen Statthalter überblicken konnte, zeichnet ein ähnliches Bild:

Auf der Statthalterschaftsterrasse hatten wir das ganze reizende Panorama der Stadt vor uns liegen. Die vergoldeten Minarets, die reichen Kuppeln, die glänzenden Moscheen und Paläste, die Reihen regelmäßiger und dicht angefüllter Häuser, waren unterbrochen und abgelöst von Gärten, Parkanlagen und von Bäumen, die inmitten der Stadt und die Ufer entlang zerstreut umherstanden." [3] (Abb.2)

Beide Berichte lassen das Bild eines reichen, malerischen und märchenhaften Orients entstehen. Es sind Bilder aus der Distanz, Bilder, in denen fremdartige Bauten, nicht Menschen, die Hauptrolle einnehmen. Ein Bild von Indien ohne Inder.

Abb. 02. Stich aus der Illustrated Times vom 23. Januar 1858. Auch dieses Bild ist eine freie Interpretation der Stadt. Die beiden Minarette am rechten Bildrand sollen möglicherweise die Asafi Moschee darstellen, die zum Komplex der Bara Imambara gehört (vgl. Abb. 8). Bei einem Blick von der Residenz nach Westen müssten sie allerdings auf der linken Bildseite liegen.

Die Geschichte Lucknows in den Jahren 1857 und 1858 ist weniger idyllisch als die Zitate von Russell und Rees ahnen lassen. Lucknow war zu dieser Zeit einer der Brennpunkte des indischen Aufstandes, der weite Teile Nordindiens erfasste und die britische Herrschaft auf dem Subkontinent grundlegend gefährdete. Im Norden Indiens tobte ein Kolonialkrieg. 1856 war Wajid Ali Shah, der letzte der Könige von Oudh, welche die Provinz offiziell als "Nawabs" (als Stellvertreter) der Mogulkaiser in Delhi regierten, von den Briten wegen "schlechter Verwaltung" abgesetzt und sein Staat von der East India Company (EIC) annektiert worden. Dieses Vorgehen war eine von mehreren Ursachen für die Erhebung, die im Mai 1857 unter den indischen Truppen der EIC als Meuterei ausbrach und sich schnell zu einem allgemeinen antibritischen Aufstand in Nordindien ausweitete. [4] Mit den meuternden Truppen vereinigten sich Gefolgsleute des ehemaligen Herrscherhauses und breite Kreise der Bevölkerung.

Karte von Oudh im Jahr 1848 - 260 pxl 

Abb. 03. Oudh im Jahr 1848, umgeben vom Territorium der EIC. Bearbeitete Karte aus: Charles Joppen: Historical Atlas of India. London 1915.

Diese Ereignisse bilden den historischen Rahmen für ein eigentümliches Stück Architekturgeschichtsschreibung: in der nordindischen Stadt begegneten die Europäer einer Architektur, die seit Jahrzehnten von europäischen Formen beeinflusst war; ihre Auftraggeber waren indische Herrscher, die aus einer spezifischen Konstellation von Gründen Bauten in europäischem Stil errichten ließen und Elemente der europäischen Architektur nach ihren Bedürfnissen abgewandelt hatten. Nach dem Sieg der Briten erfuhr diese europäisch-indische Architektur ein Schicksal, das dem der Aufständischen ähnlich war: die britische Architekturkritik fällte ein stilkritisches Vernichtungsurteil, das bis heute Betrachtung und Wertung dieser historischen Architektur beeinflusst. Diese Wertung der Architektur Lucknows ist eine harte und negative Reaktion auf die Übernahme europäischer Architekturformen in einem außereuropäischen Kulturkreis. Die Interpretation der "eigenen" europäischen Stilformen durch eine indische Dynastie erschien – nach dem indischen Aufstand – wie eine Herausforderung. Die europäischen Beobachter reagierten mit einer fundamentalen Kritik, die die kulturelle Distanz zu der Gesellschaft, welche die europäischen Vorbilder übernommen hatte, nicht allein wiederherstellte, sondern noch vergrößerte.

Diese Negativwertung der Architektur von Lucknow kann nicht losgelöst von den Ereignissen der Jahre 1857 und 1858 betrachtet werden, die mit einem Schlag die Schauplätze der Kämpfe und die Bauten von Lucknow einem europäischen Publikum bekannt machten, das wie gebannt auf die Ereignisse in Indien blickte. Das militärische Vorgehen der Briten gegen die indischen Insurgenten, das mit einer Woge europäischer Überlegenheitsgefühle einherging, erzeugte den Kontext für die spätere Rezeption der Architektur Lucknows. Die Bauwerke der Stadt wurden in der Folge nicht mehr als Schöpfungen eines orientalischen Hofes gesehen, der sich Formen der westlichen Tradition zu eigen gemacht hatte, sondern als Zeichen für den Niedergang einer überlebten Kultur gedeutet. Die vermeintliche Dekadenz der Herrscher von Oudh, welche die Briten in ihren "entarteten" Bauten bestätigt sahen, wurde zu einem nachträglichen Argument für die Annexion des Staates. Diese besondere Rezeptionsgeschichte spiegelt ein Umfeld von Gewalt und Konfrontation, das durch die Kämpfe von 1858 gegeben war und in mehrfacher Weise eine Eskalation kolonialer Machtausübung darstellt; es kann bei der Betrachtung der hier zu besprechenden Bauten daher nicht ausgeblendet werden. Die britische Reaktion, die unmittelbar nach dem militärischen Sieg in einem Strafgericht über Leben und Tod von Beteiligten oder auch nur Verdächtigen entschied, verlängerte sich Jahre nach den Ereignissen zu einem Urteil über Wert und Unwert der architektonischen Schöpfungen Lucknows, das zwar weniger blutig war, aber von einem ähnlichen Gefühl europäischer Überlegenheit [5] getragen wurde.

Eine Auseinandersetzung mit den Bauten von Lucknow darf aber auch nicht die eigenen Voraussetzungen übersehen, aus denen vor 1856 in Lucknow eine bemerkenswerte indisch-europäische Stilsynthese entstanden war. Die zwei Teile dieser Studie beschreiben deshalb eine doppelte Spiegelung. In einer ersten Phase rezipierten die Fürsten von Oudh vor den Ereignissen des indischen Aufstandes europäische Stilformen und verwendeten sie mit spezifischen Anpassungen für ihre Bauten. In einer zweiten Phase wurde dieses Spiegelbild europäischer Kultur von europäischen Beobachtern wie durch einen verfremdenden Zerrspiegel wahrgenommen, der durch die Interpretation des indischen Aufstandes deformiert und eingefärbt war. Dieses Zerrbild hat bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Wahrnehmung der Architektur von Lucknow dominiert. Es ist ein Grund dafür, dass die "europäisch"-klassizistischen Bauten der Nawabs von Oudh über Jahrzehnte hinweg zerstört und vernachlässigt worden sind. – Heute bleiben wenige Reste und Ruinen: zerbrochene Spiegel.

Lucknow und das Selbstbild der Briten in Indien

Hätte man um 1900 einen britischen Kolonialbeamten oder Offizier gebeten, die Orte in Indien zu benennen, die von besonderer symbolischer Bedeutung für die britische Herrschaft seien, so hätte Lucknow ohne Zweifel einen der ersten Plätze eingenommen. Diese besondere Bedeutung Lucknows für das Selbstverständnis des Kolonialregimes erklärt sich aus den militärischen Ereignissen während des indischen Aufstandes und ihrer politischen Ausdeutung. Während zu Beginn der Erhebung 1857 Delhi bald in die Hand der Aufständischen fiel und die Stützpunkte der Briten in ganz Nordindien in großer Zahl eingenommen wurden, hielt die britische Residenz in Lucknow, verteidigt durch 1500 britische Soldaten, loyale indische Unterstützer und bewaffnete Zivilisten, [6] über fünf Monate von Anfang Juli bis Ende November 1857 einer Belagerung durch einige Zehntausend indische Kämpfer stand. Ein Versuch der Briten, den Ring um die Residenz im September 1857 aufzusprengen, scheiterte. Die von außen zur Befreiung der Belagerten herbeigeeilten Truppeneinheiten mussten sich nach starken Verlusten selbst in die Residenz zurückziehen und wurden nun ebenfalls belagert. Als sich im November schließlich eine weitere britische Armee den Weg nach Lucknow freikämpfte, entwichen die Belagerten nachts unbemerkt aus der Residenz zu den Truppen am Stadtrand, welche sich daraufhin wieder zurückzogen.

Im März 1858 kehrten die britischen Truppen verstärkt durch Kontingente der verbündeten Sikhs und Nepalesen wieder zurück. Nun standen 58.000 Soldaten unter britischem Kommando gegen 36.000 indische Kämpfer. [7] Die Stadt wurde erneut zum Schlachtfeld und diesmal siegten die Briten; auf beiden Seiten wurde erbittert und brutal gekämpft. Eine neuere indische Studie schätzt, dass während der Gefechte um Lucknow 1857 und 1858 etwa 20.000 indische Kämpfer getötet wurden; es gab keine Gefangenen. [8]

Nach dem militärischen Sieg gegen die Insurgenten demonstrierten die Briten ihren Herrschaftsanspruch (Abb.4) mit exemplarischen Strafen gegen wirkliche und imaginierte Gegner. [9] Das Ausmaß dieser Reaktion wird durch die Tatsache deutlich, dass die siegreichen Truppeneinheiten "teilweise die Männer ganzer Dörfer summarisch exekutierten, weil ihnen Unterstützung der Rebellen nachgewiesen oder unterstellt wurde." [10] (Abb.5) Die britische Vergeltung richtete sich auch gegen Bauten und Stadtstrukturen. Große Teile der am dichtesten bebauten Viertel Lucknows wurden systematisch abgerissen, nachdem die Briten die Kontrolle wiedergewonnen hatten, um ein Vor- und Schussfeld für die Quartiere der Garnison zu schaffen, die die Paläste der ehemaligen Könige, aber auch die großen Moscheen der Stadt besetzte. [11]

Abb. 04. "The British Lion's Vengeance on the Bengal Tiger" Stich aus Punch, or the London Charivari 22. August 1857. Die Zeichnung drückt die Stimmung in Großbritannien nach Ausbruch des indischen Aufstandes aus. Vgl. Anm.  [9].

Abb. 05. "Outlying pickets of the Highland Brigade". Illustration aus: William Forbes-Mitchell: Reminiscences of the Great Mutiny 1857-59. Wie Anm.  [16]. Das Bild, das ohne weiteren Kommentar einen "Außenposten" des 93. Highland-Regiments zeigt, illustriert die Beiläufigkeit drakonischer Strafaktionen gegen wirkliche Insurgenten oder Verdächtige.

Für ganz Indien hatte die Niederschlagung des Aufstandes schließlich weitreichende politische Auswirkungen. 1858 wurde das Regime der EIC durch die direkte britische Herrschaft ersetzt; Indien avancierte zur britischen Kronkolonie. 1876 wurde Königin Victoria als Kaiserin von Indien proklamiert, eine bewusste Inszenierung, welche die britische Kolonialherrschaft als Fortführung der Mogul-Dynastie legitimieren sollte.

Im Kontext dieser historischen Begebenheiten erhielten die Ereignisse in Lucknow beinahe unmittelbar eine geradezu paradigmatische Bedeutung für das Selbstverständnis der Briten in Indien. Im militärischen Sieg über die zahlenmäßige Übermacht der revoltierenden Inder sahen die Briten ihre zivilisatorische wie charakterliche Überlegenheit als Kolonialherren bestätigt. Die traumatische und verlustreiche Belagerung, der erfolgreiche Widerstand und schließlich die Wiedereroberung von Lucknow avancierten zu einem zentralen Bestandteil der kolonialen Erinnerungskultur. Die Kämpfe in Indien erregten dem damaligen imperialistischen Geist entsprechend aber auch die Gemüter in Europa. Neben vielen anderen berichteten Karl Marx und Friedrich Engels über die Ereignisse. [12] Illustrierte Zeitschriften wie die Illustrated Times die Illustrated London News informierten mit Stichen, die teils auf Skizzen, teils auf photographischen Aufnahmen, teils auf Erfindung basierten, über jedes Detail (Abb.6). Das Interesse, das den Kämpfen in Lucknow in Europa entgegengebracht wurde, führte zudem dazu, dass unmittelbar nach den Ereignissen 1858 photographische Aufnahmen der zerstörten Stadt und der Bauten Lucknows entstanden. Noch im April 1858 reiste Felice Beato, ein Pionier der Photoberichterstattung, nach Lucknow und dokumentierte die teilweise zerstörte Stadt in Aufnahmen, [13] die nur wenig später in London ausgestellt wurden. [14] Weitere Photographen folgten. Diese Photographien stellen heute eine erstrangige baugeschichtliche Quelle dar. Sie sind umso wertvoller, da das dicht bebaute Stadtzentrum rund um die Residenz und die von den Briten später als Garnison genutzten Palastbauten in der Folge der Aufstandes eingeebnet wurde – eine Maßnahme die gleichermaßen dem militärischen Sicherheitsbedürfnis der Kolonialherren wie der Abstrafung der an der Rebellion beteiligten Bevölkerung diente. [15] Das Interesse der Öffentlichkeit manifestierte sich in gleicher Weise in der Nachfrage nach autobiographischen Berichten, die teils unmittelbar auf die Ereignisse von 1857 folgten, teils noch Jahrzehnte später veröffentlicht wurden. [16] Allein der zitierte Bericht des Schweizers Ruutz Rees erlebte 1858 drei englischsprachige Auflagen und wurde noch im selben Jahr als Selbsterlebtes während der Belagerung von Lucknow ins Deutsche übertragen. In Lucknow, dem Schauplatz der Kämpfe, wurden die zerschossenen Bauten der Residenz bewusst nicht wieder aufgebaut, sondern als Denkmal der Belagerung als Ruine belassen. Reiseführer zu diesen Stätten schilderten die einzelnen Phasen der Belagerung und den britischen Sieg immer wieder in allen Einzelheiten. Die Ruinen der Residenz sind bis heute eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. [17]

Abb. 06. Seite aus The Illustrated London News vom 29. April 1859. Das obere Bild zeigt die Einfassung des Sikander Bagh, wo schwere Kämpfe stattfanden. Das untere Bild zeigt das beschädigte Bailey Guard Gate der Statthalterschaft. Beide Darstellungen wurden nach Photographien Felice Beatos gestochen (vgl. hier: Sikander Bagh , Bailey Guard Gate ).

Auch andere Schauplätze der Kämpfe von 1857/58 wurden zunächst primär als Denkmäler britischer Tapferkeit verstanden. Im Gegensatz zur späteren stilistischen Architekturkritik an den Bauten der Nawabs von Oudh legten die literarischen Berichte von Augenzeugen der Belagerung den Schwerpunkt auf das erlittene Leid, auf Entbehrungen, Entschlossenheit und Heldenmut der eingeschlossenen Briten; sie sagten wenig über die Architektur Stadt, noch weniger über die Belagerer oder die friedlichen Bewohner. Die Chronisten konzentrierten sich auf sich selbst. George Harris A Lady's Diary of the Siege of Lucknow würdigte etwa die indischen Gegner oder die umgebende Stadt an keiner Stelle einer genaueren Beschreibung. Gleiches gilt für den autobiographischen Bericht der Julia Selina Inglis, die als Frau eines britischen Offiziers die Belagerung in der Residenz miterlebte. Nur ein einziges Mal berichtet die Chronistin unscharf von der Expedition einer britischen Abteilung, die sich vor der Belagerung Eingang in die " beautiful gardens of the Kaisar Bagh" der entmachteten Herrscher erzwang, "probably the first Europeans who had ever done so " [18]. Martin Richard Gubbins, der als Finanzbevollmächtigter des britischen Residenten (Sir Henry Lawrence) die Verhältnisse in der Stadt und in der Provinz genau kannte, gab über die Architektur der Stadt in seinem umfangreichen Bericht in einer einzigen Passage nicht mehr als ein allgemeines, aber positives Urteil: "the city of Lucknow is beyond doubt very beautiful and surpasses every city in India that I have seen." [19]

Die Liste lässt sich ergänzen: Edward Hilton, der als 17-jähriger die Belagerung der Residenz erlebte, berichtete etwa von der Plünderung eines Hauses der Königsfamilie. Dessen europäische Architektur erschien ihm dabei so selbstverständlich, dass er nicht auf sie einging. [20] Auch William Forbes-Mitchell, als Soldat beteiligt an der Einnahme des Königspalastes, schildert zwar die Plünderung und Zerstörung der Anlage, ihre europäischen Architekturformen sind ihm aber keinen einzigen Hinweis wert. [21]

Dass diesen Zeugen der Belagerung die europäisch beeinflusste Architektur von Lucknow entweder so selbstverständlich erschien oder ihrem Bild vom Orient so wenig entsprach, dass sie sie nicht eigens hervorhoben, ist bemerkenswert. Das Eigene in der fremden Kultur wurde in der Situation der unmittelbaren Gefahr nicht wahrgenommen, das Fremde umso stärker herausgestrichen. Wie die zeitgleichen Stiche in europäischen illustrierten Zeitungen, welche, sofern sie nicht nach photographischen Vorlagen gearbeitet waren, die Ansichten von Lucknow zu orientalischen Phantasiestädten verfremdeten (Abb. 1, 2, 10), hoben die Augenzeugen der Ereignisse den orientalischen, nicht den europäischen Charakter der Stadt hervor.

Abb. 07. "General View of Lucknow". Stich aus der Illustrated Times 02.01.1858. Das beherrschende Gebäude in der Mitte ist das Rumi Darwaza (Konstantinopel-Tor). Rechts davon die Türme der Asafi Moschee, die zum Komplex der Bara Imambara gehört. Am linken Bildrand ist die mittelalterliche Steinbrücke über den Gomti zu erkennen. Daneben die Mosche in der Festung Macchi Bawan. Im Vordergrund Teile der Parkanlage des Daulat Khana Palastkomplexes.

Anders ist die Wahrnehmung Howard William Russells. Der Korrespondent der Times, der für seine kritischen Berichte von den Kriegsschauplätzen des 19. Jahrhunderts bekannt wurde, ging mehrfach auf die Bauten Lucknows ein und zog aus ihnen seine eigenen Schlüsse. Der Zweifel an der Darstellung der Könige von Oudh als dekadenter und barbarischer Dynastie, den Russell angesichts der eingangs zitierten märchenhaften "Vision" der Stadt empfand, spricht für ein kritisches und nachdenkliches Urteil. Russells Darstellungen folgen einem erzählerischen Kompositionsprinzip, das er als erfahrener Berichterstatter mehrfach einsetzte: aufmerksame Schilderungen von Städten, Schauplätzen und beobachteten Details sind Bilder der Ruhe, die durch die Darstellung eines grausigen Kriegsgeschehens gebrochen werden. Am Ende dieser Architekturbeschreibungen steht häufig ein Bild von Gewalt, das durch den Gegensatz umso intensiver hervorscheint.

Als der Berichterstatter der Times zehn Tage nach seiner Ankunft in Lucknow die Einnahme des Kaisarbagh-Palastes durch britische Truppen begleitete, nahm er inmitten der Kampfhandlungen ein keineswegs orientalisches, sondern dezidiert europäisches Gesicht der Stadt wahr: das Bild gepflegter Gärten, ausgestattet mit Laternen und klassischen Statuen inmitten italienisch anmutender Bauten:

[...] wir erreichten alle, atemlos und lachend, den schützenden Torbogen, hinter dem sich ein weiterer Hof befand, voller Statuen, Orangenbäume und Büsche, umgeben von italienisch anmutenden Palazzi [...]
Man stelle sich einen Hof vor, groß wie Temple Gardens, umgeben von verschiedenen Palästen oder jedenfalls reich dekorierten Bauwerken mit Wandgemälden auf den blinden Fenstern und mit grünen Jalousien und Rolläden über den doppelt angeordneten Maueröffnungen. Im eigentlichen Hof sieht man Statuen, Laternenpfähle, Springbrunnen, Orangengärtchen, Wasserleitungen und Pavillons mit metallisch schimmernden Kuppeldächern. [...] Unter den Orangenbäumen liegen sterbende Sepoys. Die weißen Statuen sind rot von Blut. An einer lächelnden Venus lehnt, schwer keuchend und langsam verblutend, ein britischer Soldat [...] 
[22]

Jeder der Höfe wirkt wie Ölgemälde aus der Hand von Lewis [23] oder David Roberts. [24] Alles ist voller Staub, und Explosionen sind häufig. Wenn man die Tuilerien, den Louvre, Versailles, Scutari, [25] den Winterpalast mit einer Entourage kleinasiatischer Hütten [26] und einem Lustgarten im Rang von Kew Gardens vermischen würde, könnte dies in etwa eine Vorstellung des Kaisarbagh-Palastes und der Gärten im Innern vermitteln. Das Ganze ist offensichtlich italienisch; nur sind die Hindu-Statuen, welche italienische Vorbilder nachahmen, abscheulich, lächerlich und absurd. [...] In der Nordwestecke in einem dieser Höfe sind die Batterien unserer Mörser in voller Aktion. [27]

Lucknow und die Nawabs von Oudh

Lucknow ist eine der jüngsten Königsstädte in der an historischen Metropolen reichen Flussebene zwischen Ganges und Yamuna. Die Stadt liegt an einer Biegung des Gomti, einem Nebenfluss des Ganges, der gut dreihundert Kilometer weiter östlich in den großen Strom einmündet. 1775 wird Lucknow Hauptstadt der Provinz Oudh als Asaf ud Daula (reg. 1775-1798) seine Residenz von Faizabad dorthin verlagert. Lucknow ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein Wirtschafts- und Kulturzentrum, dessen Bevölkerungsmehrheit (damals wie heute) aus Hindus besteht. Die Geschichte Lucknows als Hauptstadt eines de facto unabhängigen Königreichs beschränkt sich somit auf die gut achtzig Jahre zwischen 1775 und 1856. Während dieser relativ kurzen Zeitspanne realisierten die Nawabs von Oudh das gewaltige Bauprogramm, das die europäische Architekturkritik nach Annexion des Staates zu einer scharfen Kritik herausforderte.

Die Dynastie der Nawabs von Oudh geht auf Saadat Khan (reg. 1722-1739), einen persischen Immigranten am Hof der Moguln zurück, der Anfang des 18. Jahrhunderts in hohe Ämter aufsteigt und die Schwäche der Zentralregierung in Delhi dazu nutzt, die erbliche Herrschaft seiner Familie in der von ihm 1722 übernommenen Provinz zu begründen [28]. Oudh avanciert während des Zerfalls des Mogul-Staates zu einer bedeutenden Macht in Nordindien. In der direkten Konfrontation gegen die EIC scheitert eine Koalition unter der Führung des Nawabs von Oudh allerdings 1764 in der Schlacht von Baksar. Nach der Niederlage findet Nawab Shuja ud Daula (reg. 1754-1775) gleichwohl zu einem politischen Ausgleich mit der EIC und es gelingt ihm sogar, seine Provinz im Bündnis mit den Briten auf Kosten seiner nördlichen und westlichen Nachbarn zu vergrößern. Unter der Herrschaft seines Nachfolgers Asaf ud Daula (reg. 1775-1797) erfolgt immer deutlicher die politische Neuorientierung der Provinz Oudh von Delhi, dem früheren staatlichen und kulturellen Zentrum, hin zu Kalkutta, dem Zentrum der britischen Herrschaft in Indien. [29] Auch direkte politische Eingriffe der Briten sind spürbar. 1798 erzwingt die EIC den Rückzug des designierten, aber den Engländern feindlich gegenüberstehenden Thronerben Vazier Ali und ersetzt ihn durch den anglophilen Saadat Ali Khan (reg. 1798-1814). [30] In der Folge nötigen die Briten den neuen Herrscher 1801, die Hälfte seines Territoriums an die EIC abzutreten. [31] Als militärische Größe scheidet Oudh damit endgültig aus. Die Provinz wird ein Garantiestaat unter britischem Schutz ohne außenpolitische Ambitionen. Die EIC ist es auch, welche 1818 Nawab Ghazi ud Din Haider (reg. 1818-1827) dazu drängt, sich zum unabhängigen König zu erklären, um die (nur noch formale) Unterordnung der Provinz Oudh unter die Moguln in Delhi zu hintertreiben. "Dazu fand mit britischer Unterstützung eine höchst eklektische Inthronisation statt, bei der der nawab-wazir als künftiger padshah europäische und indische Herrschaftssymbole vermengte." [32] Auf Herrscherportraits posiert der König von Oudh mit Krone und Hermelinmantel über einem safranfarbenen indischen Gewand.

Trotz der kontinuierlichen Schwächung des Staates durch die Einflussnahmen der ostindischen Kompanie und ihres Statthalters in Lucknow [33] avanciert die Hauptstadt des Königreiches Oudh nach 1800 zum bedeutendsten Zentrum islamischer Dichtung und Hofkultur in Nordindien. Diese kulturelle Blüte wird durch eine Reihe großer und ehrgeiziger Bauprojekte begleitet. Die höfische Prachtentfaltung kompensiert gewissermaßen den von den Briten diktierten Mangel an politischen Entfaltungsmöglichkeiten.

Abb. 08. Plan von Lucknow mit den im Text erwähnten Bauten. Kartengrundlage entnommen aus: Frederick Sleigh Roberts: Forty-one Years in India. From Subaltern To Commander-In-Chief. London 1914. S. 198.

Mit der Verlagerung der Residenz nach Lucknow entstehen so zwischen 1775 und 1852 vier Palastkomplexe, die jeweils unterschiedlichen Konzeptionen folgen. Die erste dieser Palastanlagen wird ab 1775 im bestehenden mittelalterlichen Fort "Macchi Bawan" errichtet, das eine steinerne Brücke über den Gomti absichert. Asaf ud Daula (reg. 1775-1797) gibt diese Festungsresidenz zugunsten eines neuen, nördlich gelegenen Residenzkomplexes auf, der eine unregelmäßige Komposition aus freistehenden Landhäusern und Pavillons im europäischen Stil darstellt, die um Gärten und Wasserbecken gruppiert sind. Zur Gestaltung der Bauten dieses sogenannten "Daulat-Khana"-Komplexes (vgl. Abb.8) nimmt Asaf ud Daula die Dienste europäischer Fachleute in Anspruch. Einer von mehreren Beratern ist der Ingenieur und zwischenzeitliche Hofarchitekt Antoine Polier, ein Franzose der auch im Dienst der EIC stand. [34] Eine weitere wichtige Gestalt für die Vermittlung europäischer Architekturformen in Oudh ist Claude Martin (1735-1800). [35] Als Soldat der französischen Armee in Indien wechselt Martin 1760 in den Dienst der EIC und gelangt über Jahrzehnte als Soldat, Handelsagent der Nawabs sowie über Grundstücks-, Kredit- und Handelsgeschäfte zu großemReichtum. In Lucknow errichtet Martin für sich in einem eigenwilligen barock-eklektischem Stil das prächtig ausgestattete Stadtpalais Farhad Baksh (vgl. Abb. 15, 25) sowie im Süden vor der Stadt die schlossartige Residenz La Martinière (auch: Constantia). [36]

Regierungszeit

im Text erwähnte Bauten in Lucknow

im "islamischen" Stil

im "europäischen" Stil

Shuja ud Daula (1754-1775)

 

Macchi Bawan Palast

Asaf ud Daula (1775-1797)

Große (Asafi) Imambara

Asafi Moschee

Rumi Darwaza

Daulat Khana-Komplex

Begum Kothi

Vazier Ali (1797-1798)a

-

-

Saadat Ali Khan (1798-1814)

Lal Baradari b

Bara Chattar Manzil b

Dilkusha

Musa Bagh (Barowen)

Moti Mahal

Khurshid Manzil

Ghazi ud Din Haidar (1814-1827)

Saadat Ali Khan- Mausoleum

Khurshid Zadi – Mausoleum

Shah Nadjaf - Mausoleum

Chota Chattar Manzil b

Nasir ud Din Haidar (1827-1837)

 

Chaurukhi Kothi b
[auch: Darshan Bilas]

Gulistam-i-Iram b

Roshan-ud-Daula-Kothi
[auch: Kaisar Pasind]

Muhammad Ali Shah (1837-1842)

Husseinabad Imambara

Sat Khande ("sieben Stufen")

Ahmad Ali Shah (1837-1842)

 

 

Wajid Ali Shah (1847-1856)

Kaisarbagh Imambara

Kaisarbagh (1848-1852)

Sikander Bagh

Moti Mahal (Torhaus)

Übersicht über die Regierungszeiten der Nawabs von Oudh und bedeutende Bauprojekte in Lucknow.

a von den Briten abgesetzt
b Teil des Chattar Manzil-Komplex

Während die Residenzbauten und –gärten von Daulat Khana noch in Nähe zur dichtbebauten "ungesunden" [37] Altstadt erbaut werden, konzentrieren die Nawabs nach 1800 ihre Bautätigkeit auf ein offenes Gebiet, das im Osten an das eng bebaute Zentrum angrenzt. Hier entsteht eine zweite Stadt von Hof- und Palastanlagen inmitten weitläufiger Gärten und Haine. Saadat Ali Khan (reg. 1798-1814) errichtet nach Kauf von Martins Stadtpalais Farhad Baksh unmittelbar angrenzend einen terrassierten Palast (Bara Chattar Manzil). Die Anlage wird von seinen Nachfolgern zu einem Baukomplex aus mehreren großen Gebäuden ergänzt, die um Wasserbassins in einem zentralen Garten gruppiert sind (Teil 2, Abb. 17, 18). Von diesem "Chattar Manzil" genannten Komplex führt eine breite Straße, die sogenannte Hazratganj, nach Süden zum Landsitz Dilkusha. Entlang dieser Straße, die bei Festen, Inthronisationsfeiern oder bei bedeutenden Besuchen zu zeremoniellen Prozessionen des Hofes genutzt wird, entstehen weitere repräsentative Häuser für den Herrscher, seine Frauen, die königliche Familie und die Würdenträger des Hofes.

Der letzte der Residenzkomplexe, der zwischen 1848-1852 fertiggestellte Kaisarbagh, folgt wieder einer völlig anderen Konzeption. Ein riesiger, als Lustgarten genutzter Innenhof von 200 zu 400 Metern wird durch eine einheitliche zweigeschossige Randbebauung gefasst, in welcher der Hofstaat, Diener und vor allem die zahlreichen Frauen des Herrschers untergebracht sind (Teil 2, Abb. 26). Im Zentrum des Gartenhofes befindet sich eine große Halle (Kaisarbagh Imambara). Auf drei Seiten, im Westen, Osten und Norden, ist der zentrale Hof nochmals von kleineren, architektonisch ähnlicher Weise ausgestalteten Höfen umgeben, die heute verloren sind. Diese kleineren Höfe binden zwei beim Bau des Kaisarbagh schon bestehende palastartige Bauten ein: im Westen das schlossartige Gebäude der Roshan-ud-Daula-Kothi [38] (auch: "Kaisar Pasind" u.ä.), das als Residenz für eine bevorzugte Frau des Nawabs diente (Teil 2, Abb. 20-22); im Osten die sogenannte "Chaulakkhi Kothie", in welcher weitere hochrangige Damen des Hofes untergebracht waren.

Die genannten Bauten wurden wie die übrige Stadt aus Ziegelmauerwerk errichtet, das verputzt und mit Zierformen aus hochwertigem Stuck ornamentiert und farbig gefasst wurde. Sandstein oder Marmor, welche in Delhi und Agra als Baumaterialien für die Bauten der Moguln verwendet wurden, waren in Lucknow nicht verfügbar. Doch insbesondere ihre stilistische Besonderheit unterscheidet die Bauten von Lucknow von den älteren Herrscherarchitekturen in Delhi und Agra. Während die Moscheen, Grabbauten, Imambaras [39] oder die Hallen für das traditionelle Thronzeremoniell (Baradari), welche die Nawabs in Lucknow errichten, durchweg einem Stil folgen, der die Architektursprache der Moguln fortentwickelt, [40] sind die Bauten der königlichen Residenzen fast durchweg in einem Stil errichtet, der sich an englischen und europäischen Vorbildern orientiert.

Die Deutung des Eigenen im Fremden

Es sind diese europäisch beeinflussten Architekturformen, die nach der Annexion Oudhs Anlass für eine scharfe Polemik europäischer Betrachter darstellen. Banmali Tandam, [41] aber vor allem Rosie Llewellyn-Jones in ihrer grundlegenden Studie von 1985 [42] haben die Zeugnisse dieser Architekturrezeption akribisch zusammengestellt. Doch auch vor dem indischen Aufstand von 1857/58 gibt es eine Reihe von europäischen Zeugnissen zur Architektur Lucknows. In ihnen wiederkehrende Themen sind die Enge und fehlende Hygiene der orientalischen Stadt, die Armut der Bevölkerung und ihr Gegensatz zur Prachtentfaltung des regierenden Nawabs. [43] Gleichwohl ist festzustellen, dass vor 1858 nicht nur negative Urteile zu fassen sind. Der Ausbau der Stadt im europäischen Stil und vor allem die neue breite Magistrale, die von Süden ins Zentrum führte, werden durchaus positiv gewürdigt. [44] Eine farbige Darstellung des Künstlers Ezekial Barton um 1810 illustriert diese positive Wahrnehmung. Sie zeigt in der Ansicht "of the modern (European-built) city" den Blick auf den noch nicht fertiggestellten Chattar Manzil Komplex (Abb.9). Die zitierte Beischrift setzt die Übernahme europäischer Bauformen, die in eine parkähnliche Landschaft eingebettet sind, mit Modernität gleich. Eine vergleichbar positive Wahrnehmung spiegelt sich noch im Januar 1858, als Ballou's Pictorial Drawing-Room Companion [45] anlässlich der glücklichen Evakuierung der britischen Residenz eine kursorische Stadtbeschreibung druckt, die offenbar auf lexikalisches Wissen oder frühere Reisebeschreibungen zurückgeht. Obwohl der anonyme Redakteur einen "want of taste" bei der Innenausstattung konstatiert, hebt der Verfasser Lucknows europäische Bauten eindeutig positiv von der orientalischen Altstadt ab:

the traveller is struck by the broad streets, handsome houses built in European style, and splendid mosques with beautiful ornamented minarets and cupolas of gilt copper. It has, upon the whole, the appearance of an European city. (Abb.10)

Abb. 09. Blick vom Landhaus Dilkusha nach Westen auf Lucknow. Wasserfarbenbild von Ezekial Barton, um 1800-1820. In der grünen Auenlandschaft zwischen Stadt und Dilkusha bauten die Nawabs nach 1800 eine Folge von Residenzen und Palästen im europäischen Stil. Die Beischrift lautet: "View of the modern (European-built) city of Lucknow taken from the Park of the Vizier’s new Palace of Castle Cool [=Dilkusha]". © British Library, Asia, Pacific and Africa Collections .

Abb. 10. Ansicht von Lucknow aus Ballou's Pictorial Drawing Room Companion 30.1. 1858. Das Bild wirkt wie eine Phantasieansicht und betont den orientalischen Charakter. Die auf dem Steilhang thronenden Moschee hat gleichwohl Ähnlichkeit mit einer späteren Aufnahme von Felice Beato (hier ), auf der auch ein ähnlicher Bootstyp, allerdings ohne den chinesischen Zierrat, zu sehen ist. Möglicherweise hatte der Künstler eine ältere Darstellung vorliegen, die er dann frei interpretierte und erweiterte.

Vier Jahre später schlägt der britische Architekturhistoriker und Indienkenner James Fergusson dann einen grundsätzlich anderen Ton an. In seiner History of the Modern Styles in Architecture formuliert Fergusson 1862 ein ästhetisches Vernichtungsurteil über die europäisch beeinflussten Bauten Lucknows. Politische Konstitution und künstlerischer Ausdruck sind für Fergusson zwei Seiten der selben Medaille. Entsprechend vermengen und verstärken sich in Fergussons Einschätzung architekturkritische, politische und rassistische Einschätzungen. Ein, so Fergussons Darstellung, lebensuntüchtiger, korrupter und verschwendungssüchtiger Staat von Gnaden der Engländer, eine Kultur, welche im verständnislosen Kopieren westlicher Vorbilder die eigenen Architekturtraditionen aufgibt, ohne das formale Regelwerk klassizistischer Architektur, die Fergusson primär als regelhaften Einsatz der Säulenordnungen versteht, begreifen zu können, kann nur architektonische Missgeburten schaffen. Die damit unterstellte künstlerische Impotenz dient Fergusson zu einer nachträglichen Rechtfertigung der britischen Annexion:

The kingdom of Oude was one of our next creations. From the importance of their relative position its sovereigns were from the earliest date protected by us, which means that they were relieved, if not from all the cares, at least from all the responsibilities of government; and with the indolence natural to the Indian character, and the temptations incident to an Eastern Court, left to spend in debauchery and corruption the enormous ravenous placed at their disposal. The result might easily be foreseen. Things went on from bad to worse, till the nuisance became intolerable, and was summarily put to an end […]. [46]

Of course no native of India can well understand either the origin or motive of the various parts of our Orders – why the entablature should be divided in architrave, frieze and cornice – why the pillars should be a certain number of diameters in height, and so on. It is, in fact, like a man trying to copy an inscription in a language he does not understand and of which he does not even know the alphabet. With the most correct eye and the greatest pains he cannot do it accurately. In India, besides this ignorance of grammar of the art, the natives cannot help feeling that […] brick pillars ought to be thicker than the Italian orders generally are, and that wooden architravs are the worst possible construction in a climate where wood decays so rapidly, even if spared by the white ants. The consequence is, that, between this ignorance of the principles of Classic Art on the one hand, and his knowledge of what is suited to his wants and his climate on the other, he makes a sad jumble of the Orders. But fashion supplies the Indian with those incentives to copying which we derive from association and education; and in the vain attempt to imitate his superiors, he has abandoned his own beautiful art to produce the strange jumble of vulgarity and bad taste we find in Lucknow and elsewhere. [47]

Fergussons Einschätzung stellt nun nicht allein deshalb einen entscheidenden Markstein in der Rezeption der europäischen Bauten der Nawabs dar, da sie in scharfer Form eine Verbindung politischer und ethnisch-kultureller Gründe für die vermeintliche Unfähigkeit indigener Baumeister, klassisch-europäische Bauten korrekt nachzuempfinden, produziert. Mit Fergussons Statement verlagert sich die Negativeinschätzung der kritisierten Architekturen zugleich von der subjektiv berichtenden Ebene europäischer Reiseschriftsteller oder Journalisten auf die Ebene professioneller Architekturkritik. Als Nestor der Architekturgeschichte Indiens, der im Jahr 1876 eine monumentale History of Indian and Eastern Architecture  [48] vorlegte, Autor einer umfassenden vierbändigen History of Architecture und vieler weiterer Schriften zur Geschichte der Architektur gehört Fergusson zu den einflussreichsten Architekturhistorikern des 19. Jahrhunderts. [49] Sein weitreichender Einfluss auf die Beschäftigung mit der indischen Architekturgeschichte mag daran ermessen werden, dass der Architekturhistoriker Jan Pieper noch im Jahr 1977 seine Dissertation dem Andenken Fergussons widmete. [50]

Abb. 11. Fergusson griff zur Illustration seiner Kritik auf Fotos von Felice Beato zurück, die 1858 nach Eroberung Lucknows entstanden. Beatos Vorlage und der Stich aus Fergussons Buch zeigen hier die durch die Kämpfe beschädigte Begum Kothi; vor dem Haus sind britische Soldaten zu sehen. Der Kontext der britisch-indischen Konfrontation bleibt so indirekt auch in Fergussons Illustrationen ablesbar. Links Felice Beatos Photographie, rechts Stich aus Fergusson 1873 (vgl. Anm.  [46]) S. 481, Abb. 276.

Fergussons Einschätzung wird leitbildgebend für die weitere Betrachtung. 1891 stellt Alois Anton Führer, der deutschstämmige Direktor des Provinzmuseums in Lucknow, den vermeintlich dekadenten Stil der königlichen Bauten in einer ganz analogen Weise dar:

Lakhnâû, viewed from a distance, and not too closely scrutinized, is one of the most beautiful and picturesque cities of India. […] But nowhere can we see more markedly the influence of a depraved oriental court and its politics upon art and architecture than in Lakhnâû. [51]

Die Großbauten der Nawabs, die stilistisch der islamisch-nordindischen Architekturform folgen, beurteilt Führer hingegen weniger streng. Auch wenn sie, so Führer, an die Vorbilder eines reinen Mogul-Stils in Delhi und Agra nicht heranreichen können, würdigt der deutschstämmige Gelehrte die Gebetshäuser und Mausoleen als Bauten "[which] though detestable in detail, are still grand in outline." [52]

The great Īmambârâ cannot, it is true, compare with the pure examples of Moghal architecture which adorn Âgrâ and Delhî; but taken along with the adjoining masjid [53], the Husainâbâd Imâmbârâ, and the Rûmî Darwâza, it forms a group of buildings whose dimensions and picturesque splendour render it to the most imposing in India. [54]

Es sind die indischen Bauten im klassizistischen Gewand, auf die sich Führers Kritik konzentriert.

The remaining buildings of a later period, whose style was avowedly and openly copied from debased European models, are unfit to be spoken of in the same chapter as the earlier buildings. All the mongrel vulgarities which were applied in Vauxhall, Rosherville, and the Surrey Gardens, took refuge in the Qaisar Bâgh and Chhatar Manzil when expelled from thence, as, for instance, Corinthian pilasters under Muslim domes, false venetian blinds, imitation marbles, pea-green mermaids sprawling over a blue sky above a yellow entablature, etc. [55]

Führers Einschätzung ist mehr als ein Geschmacksurteil. Es stellt das offizielle Gutachten des "Archeological Survey of India" dar, das Führer für die Nordwest-Provinzen und Oudh formulierte. Die vorgenommene Klassifizierung stufte die europäische beeinflussten Bauten der Nawabs von Oudh als Monumente ein, "which, from their advanced stage of decay or comparative unimportance, it is impossible or unnecessary to preserve."  [56] Kurz: als Bauten ohne Denkmalwert. Mehr noch, nach Führers Einschätzung sind die europäisch beeinflussten Bauten der späteren Nawabs Nasir ud Din Haidar (1827-1837) und Wajid Ali Shah (1847-1856) "the most debased examples of architecture to be found in India". Die stilistisch-politische Wertung der Architektur der Nawabs gewinnt im Gutachten des Archeological Survey eine quasi rechtlich-offizielle Verankerung.

Dass in diese Einschätzung die eigene Geschichtsdeutung miteinfließt, wird deutlich, wenn Führer demgegenüber die britische Residenz, Schauplatz der Belagerung von 1857, als Denkmal von höchster Wichtigkeit in der Kategorie Ia klassifiziert: als ein Bauwerk also "in respect of which [the] Government must undertake the cost of all measures of conservation". [57] Was den eigentlichen baugeschichtlichen Denkmalwert dieser Bauten ausmacht, die von den Königen von Oudh für die Engländer in indischer Bautechnik und in europäischen Formen errichtet wurden [58] (also in genau der gleichen Weise und in einem ähnlichen Stil wie die kritisierten Bauten der königlichen Hofhaltung), expliziert Führer nicht, sondern appelliert an ein allgemeines Vorverständnis: "It is, however, far too famous a place and too generally known to require a detailed description." [59]

In späteren Veröffentlichungen – Reiseführern, Lexikas und wissenschaftlichen Arbeiten – wird die von Fergusson und Führer vorgegebene Einschätzung zur communis opinio. Der Topos der aus der Distanz beeindruckenden, von Nahem aber billig und enttäuschend wirkenden Architekturstaffage wird immer wieder reproduziert. Die französische Grande Encyclopédie beschreibt die Stadt im Jahr 1886 in folgender Weise:

De loin, elle parait féerique; mais, malgré la beauté des monuments et les larges rues percées par les Anglais, l'interieur est malpropre et beaucoup d'édifices sont de placages de médiocre valeur esthétique. [60]

1890 liest man in der vierten Auflage von Meyers Konversationslexikon:

L.[akhnau] gewährt aus der Ferne einen überraschenden Anblick, nahe gesehen erscheinen Pracht und Glanz aber zumeist als elendes Stückwerk und Tünche. [61]

Noch 1959 betont Chambers's Encyclopaedia:

The taste of the Nawabs was as degraded as their morals and administration, most of their buildings serving merely to exhibit the final debasement of the magnificent Mogul tradition; [62]

Spricht aus dem letzten Zitat – wie bei Fergusson – eine politisch beeinflusste Sichtweise, die im angeblichen geschmacklichen Unvermögen der Könige von Oudh den Niedergang eines Staates diagnostiziert und damit dessen Okkupation durch die britische Kolonialmacht indirekt rechtfertigt, verdeutlicht ein 1911 erschienener Reiseführer einen anderen Angriffspunkt:

The city, which extends for several miles along the river bank, seemed one mass of majestic buildings of dazzling whiteness, crowned with domes of burnished gold, white scores of minars, many of them very high, lent to the scene that very grace for which they are so famous. The whole picture was like a dream of fairy land. [...] A nearer view of these buildings; however, destroys all the illusion. The 'lamp of truth' burnt but, dimly, for the architects of Lucknow.You find on examination, that the white color of the buildings, which presented in the sunlight the effect of the purest marble, is simply white wash. The material of the buildings themselves is stuccoed brick, and your taste is shocked by the discovery that the gilded domes, of perfect shape and apparently massive construction, which so much attracted your admirations, are mere shells of wood, in many places rotten. [63]

Das missbilligende Urteil gründet sich hier nicht auf eine stilistische Kritik, sondern auf die Verwendung unedler Materialien, wo der Betrachter aus der Distanz Gold und Marmor vermutet hatte. In ähnlicher Weise bemerkt Henry George Keene im Jahr 1896 "it is not so much the design as the material that is so disappointing and so pregnant with premature decay." [64] Diese Enttäuschung korrespondiert mit einem märchenhaft überhöhten Bild des Orients, das die exquisiten Marmor- und pietra-dura-Arbeiten des Taj Mahal ungeachtet der unterschiedlichen lokalen Traditionen und Bauweisen zum alleinigen Maßstab für alle indische Baukunst erhob. Eine amerikanische Reisende, die in den 1870er Jahren Lucknow beschrieb, äußerte sich in entsprechender Weise enttäuscht, dass ein Gartenpavillon aus dem Kaisarbagh mit farbiger Glasschmelze und nicht mit echten Karneolen, Achaten und Smaragden (!) mosaiziert war:

There are many things in Lucknow that will not bear too close scrutinity. The mosaic of this little pavilion where we rest, is made of painted bits of gloss instead of real cornelians, agates and emeralds. [65]

Der Nachklang dieser kritischen Topoi setzt sich bis in jüngste Arbeiten fort. Der US-amerikanische Architekturhistoriker Giles Henry Tillotson stellt 1989 fest:

In the hands of Lucknow's architects, classical architecture became not a grammar but a box of novelties with which to trick out a building. They picked up its forms without comprehending their intrinsic significance or historical development. [66]

Ebenso gewinnt die 2001 publizierte, sonst kritische und reflektierte Arbeit von Banmali Tandam, die erstmals ein umfassendes Inventar der Bauten der Nawabs von Oudh zusammengestellt hat, einen pejorativen Unterton, wenn sich der Autor der Übernahme europäischer Architekturmotive zuwendet. Eine Vielzahl klassischer Formen, pillaged from European pattern-books", und "nameless oddments from the treasury of English and Continental architecture too countless to enumerate", seien, so Tandam, von den indigenen Architekten allzu bereitwillig aber ohne tieferes Verständnis übernommen worden – "all these were sedulously to be aped [!]" [67]. Die damit indirekt formulierte Kritik, die ganz mit der einhundert Jahre früheren Anschauung Fergussons übereinstimmt, verkürzt sich mit den Worten Tillotsons auf den Vorwurf:

The Lucknow architects aimed to copy classical forms faithfully and got them wrong [...] their parody of classicism was unintentional. [68]

Tillotson benennt mit dieser These zugleich eine zentrale Schwachstelle seiner Argumentation: Um in der Nachfolge von Fergusson ein Negativurteil in der Weise eines "gewollt und nicht gekonnt" zu formulieren, ist den Baumeistern von Lucknow die Absicht zu unterstellen, europäische Vorbilder genau kopieren zu wollen. Ist diese Voraussetzung aber überhaupt zutreffend? – Über die Intentionen der indischen Baumeister ist bei Tillotsen wenig zu erfahren. Quellen, die die These einer bewussten Nachahmung europäischer Vorbilder erhärten, werden nicht vorgelegt. Die europäischen Bauten Lucknows werden weder von Fergusson noch von Tillotson im Detail analysiert, noch die vermeintlichen Vorbilder aufgewiesen. Die zentralen Fragen, was, wie und mit welcher Absicht kopiert wurde, bleiben damit unbeantwortet. Kurz: die diskriminierende Wertung beruft sich letztlich allein auf ein stilkritisches Urteil, das Nutzungskontexte und Rezeptionsbedingungen der europäisierenden Architekturformen in Lucknow außer Acht lässt.

 

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Abbildungsnachweis:

Abb. 1-7, 10, 11b: Sammlung des Autors.

Abb. 9: British Library, Asia, Pacific and Africa Collections .

Abb. 11a: Fotoalbum Dr. T. Goldie-Scot of Craigmuie , Moniave, Surgeon 79th Cameron Highlanders (Fotoalbum mit Aufnahmen von Felice Beato 1858).



[1] Lucknow, Hauptstadt der Provinz Oudh, liegt am Ufer des Gomti, eines Nebenflusses des Ganges (vgl. Abb.3). Die Schreibweisen für "Lucknow" und "Oudh" variieren; in der deutschsprachigen Literatur finden sich häufig auch die Schreibweisen "Lakhnau" und "Awadh". Dass hier die eingebürgerte englische Schreibweise verwendet wird, hat den pragmatischen Grund, dass der Großteil der Literatur und wichtige Archive auf Englisch erschlossen sind. Dies gilt insbesondere für die Recherche im Internet. Lucknow ist heute Hauptstadt des indischen Bundesstaates Uttar Pradesh.

[2] Howard William Russell: Meine sieben Kriege. Die ersten Reportagen von den Schlachtfeldern des neunzehnten Jahrhunderts. [gekürzte deutsche Übersetzung] Frankfurt a.M. 2000. S. 162. Der vollständige englische Text in: Ders.: My Indian Mutinity Diary. Reprint ed. v. Michael Edwardes. London 1970. S. 57-58.

[3] L.E. Ruutz Rees: Selbsterlebtes während der Belagerung von Lucknow. Leipzig 1858. S. 207.

[4] Die eigentlichen Gründe für den Aufstand verkennend oder verschleiernd prägten die britischen Kolonialherren den Begriff "Indian mutinity"; sie reduzierten damit eine von weiten Teilen der Bevölkerung getragene Erhebung auf die Befehlsverweigerung ihrer indischen Kolonialtruppen. Zum neueren Forschungsstand zusammenfassend Michael Mann: Geschichte Indiens. Vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Paderborn u.a. 2005. S. 100-104.

[5] Mike Davis beschreibt als mittelbare Folgen dieses Überlegenheitsgefühls die verheerenden Hungerkatastrophen, die – mitverursacht und verstärkt durch die britische Kolonialpolitik – nach dem indischen Aufstand Oudh und andere weite Gebiete Indiens wiederholt heimsuchten. Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter. Berlin 2004 (1London 2001; Late Victorian Holocuausts). S. 35-68.

[6] Unter diesen Zivilisten befand sich der Schweizer Ruutz Rees, von das obige Zitat stammt. In der Residenz befanden sich zudem etwa 500 europäische Frauen und Kinder.

[7] Archeological Survey of India: The Residency, Lucknow. Janpath, New Delhi 2003. S. 68.

[8] Ebd. S. 75.

[9] Nachdem im Juli 1857 300 europäische Frauen und Kinder in der Stadt Cawnpore von Aufständischen ermordet worden waren, fühlten sich die britischen Truppen nicht mehr an die Regeln zivilisierter Kriegsführung gebunden. Die Brutalität des britischen Vorgehens schildert Michael Edwardes, der moderne Herausgeber von Russells indischen Reiseberichten in deutlichen Worten: "the English threw aside the mask of civilization and engaged in a war of such ferocity that a reasonable parallel can be seen in our time with the Nazi Occupation of Europe and, in the past, with the hell of the Thirty Years War." Michael Edwardes: "The Mutinity and its consequences." In: Russell 1970. S. xiii-xxvii, hier S. xiv. Den menschenverachtenden exemplarischen Strafen der Briten begegnet Howard Russel mit deutlicher Kritik: Alle diese grausamen und unchristlichen Foltermethoden in Indien (beispielsweise Mohamedaner in Schweinehäute einzunähen und vor ihrer Hinrichtung mit Schweinefett einzuschmieren und ihre Leichen zu verbrennen, oder Hindus zu zwingen, sich zu verunreinigen) sind äußerst schändlich und fallen letzten Endes auf uns zurück. Es sind Torturen von Geist und Seele, auf die zurückzugreifen wir kein Recht haben und die wir in Europa auch nicht zu praktizieren wagen. Russell 2000 (vgl. Anm. [2]). S. 183. Der englische Text Russell 1970. S. 161-162.

[10] Mann 2005 (vgl. Anm.  [4]). S. 102.

[11] Veena Talwar Oldenburg. The Making of Colonial Lucknow. 1856-1877. Princeton 1984. In: The Lucknow Omnibus. S. 36-37.

[12] Karl Marx. "Der Aufstand in Indien". New-York Daily Tribune Nr. 5170, 14. November 1857. In: Karl Marx/ Friedrich Engels: Werke. Bd. 12. Berlin (Ost) 1961. S. 308-313. Friedrich Engels: "Der Aufstand in Indien". New-York Daily Tribune Nr. 5443, 1. Oktober 1858. In: ebd. S. 574-578.

[13] Auf die Fotokampagne Beatos geht makaberer Weise die erste bekannte Aufnahme von Kriegstoten in der Geschichte der Photographie zurück (Frances Fralin: The Indelible Image. Photographs of War. 1846 to the Present. New York, Washington 1985, 34 und Abb. 7, 8). In einer Zeit, in der die Darstellung von Gefallenen noch ein photographisches Tabu war (es gibt keine einzige Aufnahme von Toten des Krimkrieges), illustrieren die Aufnahmen Beatos die Veränderung moralischer Normen in einem Kolonialkrieg, in welchem die Gegner der Europäer nicht mehr als gleichwertig betrachtet wurden.

[14] David Harris: "Topography and Memory: Felice Beato's Photographs of India, 1858-1859.". In: Vidya Pahejia (Hg.): India through the Lens. Photography 1840-1911. München, New York 2006. S.119.

[15] Oldenburg 1984 (vgl. Anm.  [11]). 31-42.

[16] By a Staff Officer [Thomas Fourness Wilson]: A diary recording the daily events during the siege of the European residency, from 31st May to 25th Sept., 1857. London 1858 (Nachdruck: London 2007). Adelaide Case: Day by Day at Lucknow: A Journal of the Siege of Lucknow. London 1858 (Nachdruck: Adamant Media 2005). Martin Richard Gubbins: An Account of the Mutinies in Oudh, and of the Siege of the Lucknow Residency. London 1858. George Harris: A Lady's diary of the siege of Lucknow: written for the perusal of friends at home. London 1858 (Nachdruck: Aldershot 1997). L. E. Ruutz Rees: A Personal Narrative of the Siege of Lucknow : from its commencement to its relief by Sir Colin Campbell. London 1858. Julia Selina Inglis: The siege of Lucknow: a diary. Leipzig 1892. William Forbes-Mitchell: Reminiscences of the Great Mutiny 1857-59 - Including the Relief, Siege, and Capture of Lucknow, and the Campaigns in Rohilcund and Oude. London, New York 1893 (Nachdruck: Delhi 1989).
Die autobiographischen Berichte zu den Geschehnissen in Lucknow waren dabei nur ein Teil der literarischen Produktion im Umfeld des indischen Aufstandes. P.J.O. Taylor (Hg.): A Companion to the "Indian Mutinity" of 1857. Delhi 1996 listet für das Jahr 1857 fünfzehn und für das Jahr 1958 einundfünfzig veröffentlichte Memoiren auf; nach: David Harris: "Topography and Memory." Wie Anm.  [14]. Dort Anm. 4.

[17] Der aus den Ereignissen von 1857/58 abgeleitete Herrschaftsanspruch manifestierte sich bis zur Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 in einem symbolischen Detail: während überall im Empire der Union Jack bei Sonnenuntergang eingeholt wurde, blieb in Erinnerung an die heroische Verteidigung der Residenz die Fahne über Lucknow auch nachts aufgezogen, um zu illustrieren, dass nichts die britische Präsenz von diesem Ort vertreiben könne. Rosie Llewellyn-Jones: Engaging Scoundrels. True Tales of Old Lucknow. Oxford 2000. S. 152.

[18] Inglis: The siege of Lucknow (vgl. Anm.  [16]). S. 53.

[19] Gubbins: An Account of the Mutinies in Oudh (vgl. Anm.  [16]). S. 392.

[20] Edward H. Hilton: The Tourists' Guide to Lucknow. Lucknow 61907. S. 108-109.

[21] William Forbes-Mitchell: The Relief of Lucknow. Reprint: London 1962. S. 132-141.

[22] Russell 2000 (vgl. Anm. [2]). S. 172-173. Der englische Text Russell 1970. S. 100-101.

[23] Gemeint ist wahrscheinlich der Genremaler John Frederick Lewis (1805-1876). Lewis war bekannt für seine orientalischen Bildthemen.

[24] David Roberts (1796-1864). Roberts malte orientalische, antike und zeitgenössische Stadtansichten im romantischen Stil.

[25] Altertümliche Bezeichnung für den asiatischen Teil von Istanbul.

[26] Wörtlich: "hovels worthy of Gallipoli".

[27] Meine Übersetzung. Der englische Text in: Russell 1970 (vgl. Anm. [2]) S. 104.

[28] Hierzu die hervorragende Darstellung von Richard B. Barnett: North India Between Empires. Awadh, the Mughals and the British 1720-1801. Berkeley u.a. 1980. S. 23-41.

[29] Ebd. S. 96-163.

[30] Ebd. S. 233-236. Saadat Ali Khan war der Bruder Asaf ud Daulas.

[31] Die Abtretung des Territoriums (jener Gebiete, die Shuja ud Daula für Oudh gewonnen hatte); erfolgte im Jahr 1801 als Kompensation für Truppen der EIC, die Oudh aus Steuermitteln zu unterhalten hatte.

[32] Mann 2005 (vgl. Anm.  [4]). S. 76.

[33] Der Statthalter ("resident") der EIC in Lucknow agierte in einer Rolle zwischen Botschafter und Gouverneur. Als zweite Gewalt neben dem König und als Befehlshaber der britischen Truppen hatte er in etwa die Rolle, die Pontius Pilatus in Rom neben König Herodes ausfüllte.

[34] Polier war zuvor als Festungsbaumeister in der EIC tätig. Rosie Llewellyn-Jones: A Fatal Friendship. The Nawabs, the British and the City of Lucknow. Oxford 1985. S. 160-161. In: The Lucknow Omnibus. Oxford 2001.

[35] Zu Martin: Rosie Llewellyn-Jones: A Very Ingenious Man: Claude Martin in Early Colonial India. New Delhi 1992.

[36] Vgl. die Photographie dieser Anlage von Felice Beato: hier .

[37] Llewellyn-Jones 1985 (vgl. Anm.  [34]). S. 182.

[38] Der Name geht auf den Erbauer Roshan ud Daula zurück, der das Gebäude als Wesir des Nawab errichtete.

[39] Imambaras sind Hallen, die dem Andenken des Imam Hussein gewidmet sind. Hussein, der dritte Imam, ist nach schiitischer Vorstellung der einzig legitime Nachfolger aus der Familie des Propheten Muhammad. Damit stand ihm die alleinige weltliche Führung der islamischen Gemeinde zu. Hussein wird jedoch im Jahr 680 in der Schlacht von Kerbala besiegt und getötet, womit die Kontinuität der weltlichen Herrscher unterbrochen wurde. Wörtlich bedeutet Imambara "Haus des Imam".

[40] Vgl. Hermann Goetz: "The Genesis of Indo-Muslim Civilization – Some Archeological Notes." In: Ars Islamica 1 (1934). S. 46-50. Goetz fasst diese Entwicklung im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die er als "real Indian" kennzeichnet, in der folgenden Weise zusammen (S. 50):

[…] cupolas become gigantic lotus buds, capitals and consoles are turned into flowers, lintels into friezes adorned with leaves, the forms of furniture and other objects are broken up into shapeless masses of floral ornament, even men themselves become unrecognizable through excess of finery, jewels and make up.

[41] Banmali Tandam: The Architecture of Lucknow and its Dependencies 1722-1856. A Descriptive inventory and an Analysis of Nawabi Types. Delhi 2001. S. 187-192.

[42] Llewellyn-Jones 1985 (vgl. Anm. [37].) Insbes. S. 226-242.

[43] Ebd. S. 227.

[44] Ebd. S. 185.

[45] Die Zeitschrift stellt ein amerikanisches Pendent zur Illustrated London News dar.

[46] James Fergusson: History of the Modern Styles of Architecture. London 1862. Hier zitiert nach der zweiten Auflage London 1873. S. 479.

[47] Ebd. S. 481f.

[48] James Fergusson: History of Indian and Eastern Architecture. London 1876. Auch dort äußert sich Fergusson negativ zu den europäischen Architekturformen Oudhs. Ebd. S. 604-605.

[49] Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. München 2004 (11985). S. 383-385.

[50] Jan Pieper: Die anglo-indische Station oder die Kolonisierung des Götterberges. Hindustadtkultur und Kolonialstadtwesen im 19. Jahrhundert als Konfrontation östlicher und westlicher Geisteswelten. Bonn 1977.

[51] A.[lois Anton] Führer: The Monumental Antiquities and Inscriptions, in the North-Western Provinces and Oudh. Described and Arranged. Allahabad 1891. Nachdruck: Delhi 1970. S. 265 f.

[52] Ebd. S. 266.

[53] masjid = Moschee.

[54] Führer 1891 (vgl. Anm.  [51]). S. 266.

[55] Ebd. S. 267

[56] Ebd. S. I.

[57] Ebd.

[58] Llewellyn-Jones 1985 (vgl. Anm.  [37]). S. 114. Zu den von Europäern genutzten Bauten in Lucknow cf. auch: Sten Nilsson: European Architecture in India 1750-1850. London 1968. S. 111-115 (Residency), 130-132 (La Martinère).

[59] Führer 1891 (vgl. Anm.  [51]) S. 267.

[60] La Grande Encyclopédie. Inventaire raisonné des sciences, des lettres et des arts. Bd. 22. Paris 1886. S. 739.

[61] Meyers Konversations-Lexikon. Eine Enzyklopädie des allgemeinen Wissens. Vierte Auflage. Bd. 10. Berlin, Leipzig 1890.

[62] Chambers's Encyclopaedia. New Edition. Vol. VIII. London 1959. S. 716.

[63] M.[irza] A.[mir] Beg: The Guide to Lucknow, Containing Popular Places and Buildings Worthy of a Visit. Lucknow 61911 (11891). Nachdruck: New Delhi, Madras 2000. S. 6-7. Beg schreibt die zitierte Darstellung von Lucknow einem "intelligent American writer, who visited it in 1856" zu (ebd.), diese Quelle ist nicht identifiziert.

[64] Henry George Keene: Keene's handbook for visitors: Allhabad, Cawnpore and Lucknow ; to which is added a chapter on Benares. Calcutta ²1896. S. 59.

[65] Julia A. Stone: Illustrated India Its Princes and People. Upper Central and Farther India, Up the Ganges and Down the Indus. Hartford 1877. Nachdruck: New Delhi, Madras 2003. S. 293.

[66] G.[iles]H.[enry] R.[upert] Tillotson: The Tradition of Indian Architecture. Continuity, Controversy and Change since 1850. New Haven, London 1989. S. 12.

[67] Tandam 2001 (vgl. Anm.  [41]). S. 211.

[68] Tillotson 1989 (vgl. Anm.  [66]). S. 17.

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